Kaiser, Benjamin, Enzensberger und Baudrillard keheren den herkömmlichen
Katastrophenbegriff um. Die Katastrophe ist bei ihnen nicht mehr ein singuläres
Ereignis, in dem eine Kontinuität zusammenbricht und sich potentieller
Raum für Neues auftut, sondern ein permanenter Zustand der Katastrophenlosigkeit.
Alle Konzeptionen beschreiben Systeme und Zustände, die gegen Zusammenbrüche
gefeit sind, oder vielmehr, in denen diese Zusammenbrüche keine positives
Moment mehr in sich bergen, da sie Teile des Systems geworden sind.
Wichtiger ist aber eine andere Gemeinsamkeit: In allen vier Konzeptionen hat die Permanente Katastrophe etwas zu tun mit einer veränderten menschlichen Wahrnehmung seiner selbst und seiner Umwelt. Die Wandlung ist nicht so sehr eine in den Ereignissen selbst, als vielmehr eine im menschlichen Bewußtsein. Dieses erscheint als der Ort, an dem die wahre Katastrophe stattgefunden hat. Die Destruktrivität der Technologien zeigt sich in allen vier Konzeptionen, den theoretischen wie auch der literarischen, nicht so sehr in den realen Unfällen, die sie hervorbringen, als an dem Maße, wie sie die menschliche Wahrnehmung verändern.
Kaiser zeigt, wie die Arbeiter durch ihren Umgang mit den Maschinen von diesen diszipliniert werden. Diese Disziplinierung ist nicht nur eine physische, sondern vor allem eine psychische: Es ändert sich die Selbst-Wahrnehmung der Arbeiter, sie begreifen sich als Extensionen der Maschinen und des ganzen Produktionsprozesses. Eine Gefährdung des Systems bedroht auch sie auf existentielle Weise. Für Benjamin besteht die Rettung aus der Permanenten Katastrophe im kleinen Sprung, im monadischen Moment. Damit dessen revolutionäre Sprengkraft sich jedoch überhaupt entfalten kann, muß die Erlebnisfähigkeit des Individuums gesteigert werden. Letztlich sind also auch Benjamins Thesen wahrnehmungspsychologisch dimensioniert. Enzensbergers "Apokalypse in Zeitlupe" spielt sich auf einer Kinoleinwand vor einem gelangweilten Publikum ab. Bei ihm wie auch in noch stärkerem Maße bei Baudrillard ist der Begriff der Permanenten Katastrophe ein medienkritischer. Das Problem liegt bei ihnen weniger bei realen Ereignissen als bei deren Wiedergabe im Fernsehen.
Es gibt aber Unterschiede in den Konzepten, die sich auch an ihren Konstruktionen festmachen lassen. Haben Benjamins und Enzensbergers Konzeptionen eher fragmentarischen, marginalen Charakter, so werden die Begriffe von Baudrillard und Kaiser als zentrale Teile homogener Denkspiele/Theorien entwickelt. Und wo Benjamin und Enzensberger die Errettung aus der Permanenten Katastrophe in der Differenz suchen, in der individuellen Erfahrung, im monadischen "kleinen Sprung", so ist in den Konstruktionen Kaisers und Baudrillards jede Heterogenität von vorneherein ausgeschlossen. Bei ihnen soll das totalitäre Gesamtsystem gerade durch seine grauenhafte Unentrinnbarkeit wieder zum erlösenden Ereignis werden.
Letzlich aber bewahren alle Umdeutungen des Katastrophen-Begriffs vom
singulären Ereignis zum permanenten Zustand diesem seinen revolutionären,
auf Erneuerung ausgerichteten Gehalt. Vor jeder wirklichen Ÿnderung müssen
wir erkennen, wie weit wir selbst schon immer durch das System konditioniert
sind. Die Ausstiegspläne des Miliardärsohnes scheitern daran,
daß die Arbeiter in ihrer Selbsterkenntnis nicht weit genug gehen.
Ein erster Schritt zur Durchbrechung der heutigen Ereignislosigkeit könnte
vielleicht in der Erkenntnis des Fernsehzuschauers bestehen, daß
ihm der Anblick von Toten in der Tagesschau Spaß macht.
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