Die nur durch die Repräsentationsformen der Medien wahrgenommene
Realität wird endgültig und nur noch voyeuristisch wahrgenommen.
(30) Sie ist deshalb endgültig,
weil der Fernsehzuschauer keine Anstrengung mehr unternimmt, sie zu ändern.
Er hat keinerlei Handlungsbedarf, denn sie betrifft ihn ja nicht. Das durch
die Massenmedien geformte Bewußtsein nimmt schließlich die
gesamte Realität nur noch mit dem voyeuristischen Blick wahr. Der
voyeuristische Blick ist am Fernsehen geschult, er heischt nur nach kurzen
Fragmenten und sensationellen Einblicken, um sich nach der Sättigung
wieder zurückzuziehen. (31)
Der voyeuristische Blick verschiebt die Realiät in die Zeitdimension des Futur II: "es wird gewesen sein ...", "es wird geschehen sein ...". (32) Es schiebt sich eine Distanz zwischen Ereignis und Wahrnehmenden, nie kommt es zu einer Berührung der Ereignis-Realität mit der persönlichen Realität. Jedes Ereignis, schließlich auch das ihm ganz persönlich wiederfahrende und nicht nur in der Zeitung gelesene, tritt dem Menschen als schon Geschehenes entgegen, als schon Gelesenes, Gehörtes, Gesehenes. Der vollkommen vom voyeuristischen Bewußtsein durchdrungene Spaziergänger fragt sich angesichts eines auf ihn zurollenden Lasters nur, in welchem Film er das schon mal gesehen habe.
Der voyeuristische Blick leistet für den heutigen Menschen, was der panoramatische Blick (33) für den Eisenbahnreisenden des 19. Jahrhunderts bewirkte: Er ist das Ergebnis einer Umstrukturierung des Wahrnehmungsapparates, die notwendig zum Schutz vor unangenehmen und vielfältigen Reizen war. Der panoramatische Blick dissoziierte den aus dem Abteilfenster blickenden Reisenden vom Vordergrund des Blickfeldes. In diesem Bereich befindliche Objekte ließen sich nicht fixieren, d.h. sie ließen sich nicht mehr in ihrem Kontext wahrnehmen, nur noch als vorbeirasende Fragmente. Dies wurde als bedrohlich empfunden, erinnerte es doch zu sehr an die Geschwindigkeit des Zuges. Also wurde der Blick auf den Hintergrund, auf das Panorama gerichtet, der sich immer noch als angenehme Einheit präsentierte.
Man kann die Herausbildung der panoramatischen Wahrnehmung als einen ersten Schritt zur Trennung von Subjekt- und Objektwelt verstehen, einen ersten Schritt zur "Industrialisierung des Bewußtseins". Er leistete die Adaption an eine neue Raum- und Zeiterfahrung, die sich jedoch in der weiteren technologischen Entwicklung immer rapider veränderte. Die uns heute umgebenden und durchdringenden Technologien sind um ein Tausendfaches schneller und bedrohlicher geworden und erfordern eine viel radikalere Adaption des Bewußtseins: den voyeuristischen Blick, der das Subjekt komplett von der Realität dissoziiert.
Die Simulationstechniken, der gesamte Reproduktionsapparat der Medien
erscheint unter diesem Gesichtspunkt in einem neuen Licht. Vielleicht ist
es nicht die Medienrepräsentation, die zum Verlust des Ereignis- (und
Katastrophen-)Charakters des Realen führte, sondern es ist das Reale
mit seinen ständig bedrohlicher werdenden Technologien, das die Massenmedien
hervorbrachte. Vielleicht ist das Fernsehen nur das heutige Ÿquivalent
der Reiselektüre: Es schlägt nicht nur die Zeit tot, sondern
auch die Angst.
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