Glaubte Kaiser noch an die Macht der Kunst, Schocks auslösen
und damit positive Veränderungen bewirken zu können, so ist für
Baudrillard jede Ereignishaftigkeit verloren gegangen, auch die ästhetische.
Bezog sich also Kaisers Begriff der Permanenten Katastrophe "nur" auf den
ökonomischen Bereich der industriellen Produktion und schloß
den Bereich der künstlerischen Produktion noch nicht mit ein, so bezieht
sich der Baudrillardsche Begriff auf alle Produktionsbereiche. Gerade die
künstlerische Produktion, die massenhafte Hervorbringung von Bildern,
Texten, Filmen, Fotos, etc. ist für ihn wesentlicher Bestandteil der
Permanenten Katastrophe.
Die massenhafte Reproduktion und Interpretation aller realen Ereignisse in den Medien und Künsten läßt diese zu keinem Ende kommen. Der Prozeß der Zirkulation und Variation von Nachrichten, Bildern, Fiktionen hört nie auf und läßt darum eine katastrophale Deutung der Ereignisse nicht zu, denn eine solche Deutung verlangt einen definitiven Zusammenbruch, der Ursachen hat und deshalb vielleicht Folgen nach sich zieht:
Darin besteht auch die Katastrophe des Sinns: das folgenlose Ereignis zeichnet sich dadurch aus, daß ihm jedwede Ursachen einfach wahllos zugeschrieben werden können. (26)Baudrillard demonstriert die "Präzession des Realen", wie er den medialen Zirkulationsprozeß nennt, an einem Sprengstoff-Attentat (27): Die ersten Presseverlautbarungen weisen auf ein Werk der Linksextremisten hin, bis schließlich das Bekennerschreiben einer ultrarechten Splitterpartei veröffentlicht wird; kritische Kommentatoren erkennen aber sowohl in der Bombe als auch dem Bekennerschreiben die Handschrift der Polizei, die mit ihrem Szenario wohl die Verabschiedung schärferer Terroristen-Gesetze erreichen will; Monate später erwähnt ein Mitglied der Mafia in einem Interview in einem Nebensatz, daß seine Organisation mit der Bombe einen Staatsanwalt erwischen wollte. Einige Zeitungen berichten gar nichts über die Bombe, andere bringen sie auf die Titelseite.
Baudrillard zufolge kann ein solches sich auf keine eindeutigen Ursachen festlegbares Attentat auch keine Folgen für den Menschen haben, der sich mit so unterschiedlichen Versionen konfrontiert sieht. Das Ereignis verliert seine erschütternde, provozierende Kraft, da der Leser/Zuschauer/Hörer schließlich nicht mehr weiß, welche Bedeutung es für ihn haben soll. Ist es vollkommen sicher, in Deutschland Rindfleisch zu essen, oder soll man ganz darauf verzichten? Führt das verschwindende Ozonloch in 10 oder 100 Jahren zum Klimakollaps, oder ist es vielleicht alles gar nicht so schlimm? Die immer wiederholten und variierten "Ereignisse" verlieren die disruptive Sprengkraft, die sie vielleicht haben würden, wenn sie dem Subjekt direkt wiederfahren. Sie gehen statt dessen ein in den Fundus der täglichen Nachrichten, von dem man weiß, daß er unerschöpflich ist, denn schließlich dauert die Tagesschau jeden Tag 15 Minuten, und der Spiegel hat jede Woche dieselbe Dicke.
Der Verlust der Ereignishaftigeit vollzieht sich genau im Übergang aus dem realen Kontext hinaus in den Rahmen des Mediums hinein. Wird man auf der Straße Zeuge eines Unfalls, so ist man wohl betroffener, als wenn man am Bildschirm einen von Leichen übersäten Marktplatz in Ruanda sieht - vor allem, wenn im Anschluß daran ein Bericht über das "katastrophale" Spiel des HSV folgt. Durch die Inkorporation in den täglichen Flux der Nachrichten, in die "Multimediashow des Katastrophischen" (28), verliert jedes Ereignis seinen aufrüttelnden Charakter. Der Rahmen des Mediums, in dem es erscheint, neutralisiert seine Sprengkraft, denn es ist niemals wirklich überraschend. Wer die Tagesschau anschaltet, der erwartet Erdbeben, Krieg, Überschwemmungen.
Der Schmerz und die Zerrüttung bleiben in der Übertragung durch Kameras, Mikrophone und Schreibmaschinen auf der Strecke. Herausgesaugt aus den bitteren Ereignissen werden nur Zeichen und Bilder, die sich als Nachrichten verkaufen lassen. In ihrem neuen Rahmen machen diese Zeichen und Bilder keinen wirklichen Unterschied (29) mehr, sie müssen sich nur voneinander unterscheiden, um als wissenswerte Neuheiten für den Rezipienten erkennbar zu sein. Die Wichtigkeit der Nachricht richtet sich nicht nach dem zugrundeliegenden Ereignis, sondern nach der Stelle, an der es im Medium erscheint. Ein Erdbeben in Tokio und ein ertrunkenes Hundebaby haben für den Leser einer Tageszeitung denselben Stellenwert, erscheinen sie nur beide als Schlagzeilen auf der Titelseite.
Was also verloren geht in der medialen Repräsentation ist der komplexe
Kontext, in dem jedes Ereignis geschieht. Es fehlt die Kontinuität,
durch deren plötzliche, schockartige Zerstörung sich das Ereignis
im Bewußtsein der an ihm Beteiligten überhaupt erst als Katastrophe,
als Unfall konstituieren kann (vgl. Kap. 4.2).
Statt dieses Risses in einem Gewebe ist das "Ereignis" jetzt ein festerwarteter
Bestandteil in einem neuen Kontext, einem neuen Kontinuum: der Zeitungsseite
oder dem Flux der Fernsehbilder. Das in diesem Kontext wahrgenommene Ereignis
ist dissoziiert vom Rezipienten, es kann ihn nie in einen "Zustand der
Zerrüttung" versetzen, wie dies eine wirkliche Katastrophe doch tun
sollte.
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