Die Umstrukturierung der Wahrnehmung ist aber nicht nur negativ
zu sehen, im Gegenteil, die Umstrukturierung ist unumgänglich und
lebensnotwendig. Es handelt sich um die von Schivelbusch so genannte "Industrialisierung
des Bewußtseins". Diese schreitet fort mit Fortentwicklung der Technologien
und zwar aufgrund der Notwendigkeit zum Reizschutz. Dieser bringt zum einen
die Entwicklung neuer Repräsentationsformen mit sich (wie z. B. Eisenbahnpolster,
Sichtgläser, Airbag), zum anderen die Umstrukturierung des Wahrnehmungsapparates
(vgl. Kap. 3.1). Diese hat zur Folge
vor allem eine absolute Verdrängung aller bedrohlichen Momente einer
Technologie und eine Blindheit gegenüber jeder Form von Disfunktion:
Stillstände, Risse, Unterbrechungen, Explosionen.
Eine theoretische Wahrnehmungsweise, die anstelle von Rissen nur Kontinuitäten erkennt, ist also nichts weiter als ein jedem in einer technologischen Umgebung lebenden Menschen eigenes Charakteristikum. Enzensbergers Ingenieur erscheint nun weniger als Monster als ein besonders reizgeschütztes Exemplar vom modernen Menschen. Am Ende der Entwicklung steht ein Bewußtsein, daß nicht einmal seinen eigenen Tod als eine Unterbrechung versteht.
Der Reizschutz sorgt für eine Kontinuität der Wahrnehmung und für eine Wahrnehmung technologischer Prozesse als kontinuierlich. Die Unterbrechung dieser Kontinuität führt zum Schock:
Mit Schock wird derjenige plötzliche und heftige Gewaltvorgang beschrieben, der die Kontinuität einer künstlich-mechanisch hergestellten Bewegung oder Situation durchschlägt, sowie der darauffolgende Zustand der Zerrüttung. (21)Wie schon zuvor die Katastrophe erscheint der Schock als physisches und psychisches Moment zugleich. Er ist nicht nur ein Ereignis in der Objektwelt ("Gewaltvorgang"), sondern auch dessen mentaler Reflex ("Zustand der Zerrüttung").
Es läßt sich eine Verbindung herstellen zwischen dem Schock und der Erfahrung: "Das schockartige Getroffensein entscheidet über den Gehalt von Erfahrung." (22) Indem der Schock den Menschen auch wider seinen Willen aus seinen kontinuierlichen Prozessen (der Arbeit, der Fortbewegung, der Wahrnehmung, des Denkens) herausreißt und ihn zerrüttet (d.h. ihn all den unangenehmen Reizen zugänglich macht, vor denen er so sorgfältig geschützt werden sollte), macht er ihn offen für Erfahrung. Der Schock ist ein solcher "kleiner Sprung" in der Permanenten Katastrophe, der vielleicht die Suche nach neuen Wahrnehmungs-, Produktions- und sogar Lebensweisen notwendig macht.
Der Schock war auch immer schon ein wichtiges künstlerisches Instrument. Schocks vermögen das Publikum zu verstören und wachzurütteln, sie regen Diskussionen an und machen betroffen. Die Schock-Definition von Schivelbusch ließe sich ohne weiteres auch auf die gezielte Disruption in einem literarischen Text beziehen. Sowohl der Benutzer einer Apparatur als auch ein Leser hat einen Reizschutz. Kein Buch wird vollkommen unvoreingenommen geöffnet, der Leser nähert sich ihm mit seiner gewohnten Rezeptionshaltung. Diese Haltung ist die Voraussetzung für einen Umgang mit dem System "Text". Sie läßt sich beschreiben als eine selektive Wahrnehmung, die den Leser nur das vom Text verarbeiten läßt, was sich mit Vorbekanntem in Einklang bringen läßt. Wie der Reizschutz beim Benutzer einer Apparatur, schafft die Rezeptionshaltung des Lesers eine Kontinuität, sie bringt den Text in Übereinstimmung mit anderen Texten und schafft einen sinnvollen Sinnzusammenhang innerhalb des Textes. Diese selektive Wahrnehmung beseitigt Störelemente und Zweideutigkeiten, die aufgrund ihrer Neuheit unangenehm sind, erfordern sie doch vom Leser eventuell ein Umdenken und eigene Arbeit. Durch einen gezielten Schock, einen intendierten Gewaltvorgang, kann der Autor die Kontinuität der Rezeption und des hergestellten Sinnzusammenhangs unterbrechen.
Diese Unterbrechung versorgt den Rezipienten nicht gleichzeitig mit einer neuen Interpretation, sie ist rein destruktiv und hinterläßt ihn in einem "Zustand der Zerrüttung". Die positive Funktion des ästhetischen Schocks ist seine Herbeiführung einer Sinnkrise. Dem Rezipienten wird schlagartig bewußt gemacht, daß er vollkommen falsch lag mit seiner bisherigen Einschätzung, mit seiner bisherigen Wahrnehmung des Werkes. (23) Er muß sich nicht nur daran machen, neue Erklärungsmuster zu suchen, er ist auch gefordert, seine jetzt nutzlos gewordene Rezeptionshaltung neu zu überdenken. Ebenso führt ein wirksamer technologischer Schock (den man, betrifft er nur genug Leute, Katastrophe nennen kann) nicht nur zu technischen Korrekturen und Verbesserungen am System, sondern zu einer kompletten Neueinschätzung desselben.
Schock und Katastrophe haben vieles gemein: Sie sind singuläre Ereignisse, in denen etwas zusammenbricht, sie sind beide ästhetisch dimensioniert, und sie beinhalten beide ein positives Moment des Neuanfangs. Sie beide sind Unterbrechungen einer Kontinuität und als solche Leerstellen, Zustände der Zerrüttung, denen selbst keinerlei Qualität und Inhalt zukommt. Sie konstituieren sich vielleicht gerade dadurch im Bewußtsein, daß der Moment ihres Geschehens von einer vollkommenen Leere begleitet ist. Schock und Katastrophe hinterlassen ein unerträgliches Vakuum, das gefüllt werden muß.
Schivelbusch schreibt, daß in den Berichten traumatisierter Unfallopfer konstant zweierlei auffällt:
Unmittelbar und bis zu 48 Stunden nach dem Unfall fühlt sich das Opfer vollkommen normal, nach einem oder mehreren Tagen tritt dann eine übermächtige Erinnerung an das Ereignis auf. (24)Die "übermächtige Erinnerung", die nach dem Unfall eintritt, ist eine zwanghafte, unwillentliche. In dieser Erinnerung durchlebt das Opfer die Katastrophe, den Riß, den Schockmoment nochmal, um ihn zu verarbeiten. Die Verarbeitung ist eine Form der Wiederherstellung der zerstörten Kontinuität. Das Opfer versucht in seinen Erinnerungen, den singulären Moment des Unheils mit dem restlichen Zeit-Kontinuum zu verbinden, um es dadurch wieder sinnvoll und erträglich zu machen. Doch es bleibt immer eine Irritation, ein Rest, deshalb auch die ständig wiederholte Vergegenwärtigung des Moments. "Das wieder gegenwärtig gemachte Bild kann nur verzerrt, lückenhaft, lügenhaft sein." (25)
Diese nachträglichen Sinnkonstruktionen bringen eine Neueinschätzung der Vergangenheit mit sich. Ein Fahrgast, der eine Entgleisung miterlebt hat, wird nicht nur zukünftig mit gewandelten Gefühlen einen Zug besteigen, er wird sich auch an kleine Angstmomente, Stöße, Wartezeiten und Unannehmlichkeiten erinnern, die vor der Entgleisung auftraten. Diese blieben damals nur unter der Schwelle seiner Wahrnehmung, sie wurden dank seines gut funktionierenden Reizschutzes verdrängt. Doch nach der Entgleisung, dem nicht zu verdrängenden Schock, kehren sie zurück und fügen sich jetzt in eine ganz neue Kontinuität.
Dies ist die eigentliche positive Kraft von Schocks und Katastrophen, daß sie immer eine nachträgliche Reflexion notwendig machen, in der durch die alltägliche Wahrnehmungspraxis Verdrängtes zurückkehrt. Die Rückkehr dieser unerwünschten Assoziationen, Wünsche und Ÿngste läßt die eigentliche Katastrophe nach und nach weniger als ein aus heiterem Himmel hereingebrochenes Verhängnis, als vielmehr eine dem betreffenden System schon immer inhärente Möglichkeit erscheinen. Es kommt zu einer Neueinschätzung des Systems - und vielleicht zu einer Veränderung.
In der von Kaiser geschilderten Gasfabrik können Katastrophen, die das Gesamtsystem der Gasproduktion ändern, nicht mehr vorkommen. Eine Explosion, bei der Hunderte von Arbeitern sterben, erscheint den Überlebenden weniger schrecklich als ein Produktionsstop. Anders jedoch verhält es sich mit den beiden Gas-Dramen als literarischen Systemen. Man kann die beiden Dramen als ästhetische Schocks bezeichnen, die den Zuschauer aus seiner gewohnten Alltags- und Rezeptionspraxis herausreißen, ihn zerrütten sollen.
Zum einen funktioniert dies über die absolute Negativität
der Vision, die dem Zuschauer weder eine Möglichkeit zur Identifikation
noch einen Anlaß zur Hoffnung gibt. Vor allem aber soll die Katastrophe
am Ende von Gas. Zweiter Teil einen Schock-Effekt haben. Dieser
Effekt ist eine Aufgabe der Inszenierung. Die Bühnen-Apokalypse muß
als ein solch realistisches, sinnliches Spektakel inszeniert werden, daß
sie über den gesamten Zuschauerraum hereinbricht, statt nur über
ein paar Figuren auf der Bühne. Im besten Fall wird der Zuschauer
so impliziert, kehrt so erschüttert vom Theater zurück, daß
er sich immer wieder an den Abend erinnern und ihn mit seinem restlichen
Leben in Einklang bringen muß.
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