4. Literarische Strategien wider die Permanente Katastrophe

4.1 Literatur und Erfahrung


Für Benjamin wie für Enzensberger spielt die Literatur eine wichtige Rolle bei der "Errettung". Für beide hat sie die Aufgabe, die Erlebnisfähigkeit des Individuums zu steigern, es offen für Erfahrung zu machen. Enzensberger stellt Phantasie und Träume der Theorie gegenüber: "Unsere kollektiven Angst- und Wunschträume wiegen mindestens so schwer, wahrscheinlich schwerer als unsere Theorien und unsere Analysen." (18) Literatur vermag die Aufmerksamkeit für diese Angst- und Wunschträume zu schärfen, die stärker als jede Theorie das in einem System (Technologie, Produktionsprozeß, Transportmittel ...) steckende Destruktionspotential offenbaren:

Theorie kann gegen Erfahrung abdichten - lange glaubten die Passagiere auf der Titanic das Undenkbare nicht, das doch nicht mehr bezweifelt werden konnte. Um die Denkmaschine mit der gewaltigen Verdrängung aufzubrechen, flüssige Erfahrung eindringen zu lassen, ist das Spiel der Literatur notwendig [...] (19)
Durch ihre Offenheit für Bilder, die nicht mit rationaler Logik alleine hervorgebracht werden, vermag Literatur also viel eher als jede Theorie, dem Leser Schocks und Katastrophen spürbar zu machen und ihn aus seinen Denk- und Wahrnehmungsgewohnheiten herauszureißen.

Flüssige Erfahrung ist nur dann möglich, wenn die Wahrnehmung von Objekten und Ereignissen nicht festgefahren ist, d.h. wenn sie nicht Gewohnheiten und Theorien folgt. Eine gewisse Offenheit der Welt gegenüber ist die Voraussetzung, um Erfahrungen machen zu ksnnen, die immer etwas Neues mit sich bringen. Theoretische Erklärungen reduzieren jedes potentiell neuartige Ereignis auf Altes und Gewohntes. Eine solch theoretische, auf Kontinuität ausgerichtete Wahrnehmensweise ist blind gegenüber dem noch nicht Dagewesenen und erschwert die Veränderung des Bestehenden.

Ein gutes Beispiel für einen Vertreter der theoretischen Wahrnehmensweise findet sich in der Figur des Ingenieurs aus Enzensbergers Der Untergang der Titanic. (20) Diesem gelingt es mit seinen evolutionären Erklärungsmustern nicht nur, den Untergang der Titanic, sondern sogar seinen eigenen Tod zum nicht weiter beachtenswerten Regelfall zu reduzieren:

Hieraus schließe ich, daß es zwecklos ist, jeden Zwischenfall,
der einen zufällig selber betrifft, wie z. B. den eigenen Tod,
aus einem allzu engen Gesichtswinkel zu betrachten.
Das Beispiel des Ingenieurs ist deshalb so treffend, weil gerade die Evolutionstheorie sich damit beschäftigt, wie die Welt und die Technologien sich verändern und erneuern: "Im übrigen geht jede Innovation auf eine Katastrophe zurück", erklärt der Ingenieur seinem Kollegen. Gerade dieser rein theoretische Begriff der Innovation ist es jedoch, der den Ingenieur den Untergang, an dem er gerade teilhat, als ein altbekanntes, sich ständig wiederholendes Ereignis wahrnehmen läßt. Und diese Einschätzung ist es auch, die ihn an seinem Platz verharren und den Tod erleiden läßt, statt ihn zu Aktion und Veränderung zu bewegen.

Die technisch-kausale Betrachtung aller Ereignisse läßt diese zu Nicht-Ereignissen werden, denn da sie sich durch eine Theorie erklären lassen, gehören sie zum Altbekannten. Eine solche Wahrnehmungsweise erschwert Veränderung und läßt vor allen den menschlichen Faktor außer Sicht geraten (für den Ingenieur hat ein Menschenleben keinerlei Wert). Theorien versuchen Kontinuität zu schaffen: Wo ein tiefgehender Riß stattgefunden hat, erklären sie ihn zum Teil des Gewebes. Literatur kann durch Konstruktion extrem subjektiver Sichtweisen die verheerende Wirkung (den Riß) bewußt macht, die ein Ereignis auf einen Menschen hat. Literatur ist somit ideal zur Gestaltung von Katastrophen, versteht man diese als Risse, als Unterbrechungen einer Kontinuität.