Dem Milliardärsohn erweist sich an der Explosion die Unmenschlichkeit
des Systems. Für ihn gilt Benjamins Satz: "Die Rettung hält sich
an den kleinen Sprung in der kontinuierlichen Katastrophe." Innerhalb der
Logik von Kaisers Denkspiel ist der Milliardärsohn aber eine anachronistische
Ausnahme, denn alle anderen in der Gas-Fabrik Beschäftigten sind in
einem solchen Maße vom Produktionssystem konditioniert, daß
sie sich außerhalb desselben keine Existenz vorstellen können.
Dies macht Kaiser vor allem an den potentiellen Trägern einer Revolution,
den Arbeitern, deutlich.
Die mechanistische Maschinentechnik, mit der die Arbeiter umgehen, erzwingt allerkleinste Bewegungen und Griffe, die jeweils nur einen Körperteil beanspruchen und den Rest des Körpers verkümmern lassen. Der nicht als Ganzheit geforderte Arbeiter wird zum bewußtlosen Maschinenteil, zur Extension seines einzigen beanspruchten Körperteils. Er wird zur Hand, zum Fuß, zum Auge, doch niemals ein ganzer Mensch. Besonders stark tritt dieser Zusammenhang im Bild des Mannes zutage, der bei seinem Hochzeitstanze seinen Fuß immer noch im Takte der von ihm bedienten Maschine bewegt (S. 43):
Tastet der Fuß im Tanz nicht schon nach dem Schaltblock? - Erstickt das Klavier das Reiben der Räder im Gleise? [...] Der Triebwagen fährt - und der Fuß hält den Takt - und der Takt fängt den Mann!Wie totalitär die in der Maschine vergegenständlichte Herrschaft wirkt, zeigt sich daran, daß die Arbeiter zwar ihre Funktionalisierung zu Arbeitsmitteln erkennen und beklagen, sie jedoch in den gleichen Kategorien denken, die die Existenz des Einzelnen mit seiner spezialisierten Berufsfunktion gleichsetzen. Dies wird deutlich im Gespräch des Milliardärsohnes mit den drei Arbeitern (S. 22f.):
MILLIARDAERSOHN. [...] Kehrt um - kehrt um, die Warnung dröhnte - sie sprengte die Luft voneinander und krachte mit Getöse auf uns nieder! - Umkehr - Umkehr!!Der Milliardärsohn hat den disziplinierenden Mechanismus durchschaut. Deshalb fordert er auch nicht die Verlangsamung der Maschinen, sondern die totale Abkehr von ihnen. Auch der verlangsamte Apparat ist eine Bedrohung, wenn sein Bewegungsgesetz in den Köpfen fortwirkt. "Noch saust das Rad in euch", sagt der Milliardärsohn zum Schreiber und spricht damit die Erkenntnis aus, daß das Heil einzig außerhalb eines Systems liegen kann, daß das Rad immer wieder in Bewegung setzen wird.
ERSTER ARBEITER sich aufrichtend. Wir müssen arbeiten!
ZWEITER ARBEITER. Unsere Arbeit ist es!
DRITTER ARBEITER. Wir sind Arbeiter!
MILLIARDAERSOHN. [...] Arbeit - Arbeit - ein Keil, der sich weitertreibt und bohrt, weil er bohrt. Wo hinaus? Ich bohre, weil ich bohre - ich war ein Bohrer - ich bin ein Bohrer - und bleibe Bohrer!--Graut euch nicht? Vor der Verstümmelung, die ihr an euch selbst anrichtet?
Aber es sind nicht nur die Arbeiter betroffen. Auch der Schreiber und der Ingenieur können sich kein Leben außerhalb des Systems vorstellen. Ebenso wie die mit den Ausführungen des Milliardärsohnes konfrontierten Arbeiter immer wieder auf ihrem Arbeiterstatus beharren, so setzen sich auch Schreiber und Ingenieur mit den ihnen vom System zugewiesenen Funktionen gleich: "Ich - bin Schreiber" (S. 20), und: "Ich bin Ingenieur!" (S. 27) wehren sich die beiden gegen die Vorschläge des Milliardärsohnes.
Das System behauptet seine Macht aber nicht nur in den Köpfen der Menschen, sondern hinter ihm stehen konkrete Machtinteressen, die im fünften Akt zutage treten. Hinter dem ständigen Druck zu weiterer Gas-Produktion steht in letzter Instanz die Regierung und deren Rüstungsproduktion. Der Regierungsvertreter legt zutage, wie illusorisch die Pläne des Milliardärsohnes in Wirklichkeit waren (S. 54/55):
REGIERUNGSVERTRETER. Die gesamte Rüstungsindustrie ist auf Gas eingerichtet. Das Fehlen dieses Betriebsstoffes würde die Fabrikation des Waffenmaterials auf das empfindlichste schädigen. Wir stehen vor einem Kriege. Ohne die Rohenergie von Gas wird das Rüstungsprogramm undurchführbar. Aus diesem schwerwiegenden Grunde kann die Regierung eine längere Unterbrechung in der Lieferung von Gas an die Waffenwerke nicht dulden!Vor diesem Hintergrund verliert die Explosion vollends an Bedeutung. Das Gas ist ja gerade die wichtigste Voraussetzung, um Explosionen von noch ganz anderen Ausmaßen zu entfesseln. Das dem Gas inhärente destruktive Potential ist gerade das, was die Regierung braucht. Die Zerstörung ist also von vorneherein mit eingeplant.
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