MILLIARDAERSOHN nickend. Das weiße Entsetzen - das mußte uns den Stoß geben - kräftig - um uns über ein Jahrtausend vorwärts zu schleudern! (S. 19)und später:
MILLIARDAERSOHN. Es begrub sich selbst. Auf seinem Gipfel - schlug es um. Deshalb sind wir entlassen. Sie - und ich - und alle! - mit reinem Gewissen. Wir sind den Weg furchtlos zu Ende gegangen - nun biegen wir aus. (S. 26)Der Milliardärsohn gibt der Katastrophe eine positive Bedeutung, indem er sie als einen befördernden Stoß interpretiert, ein Ereignis, das die Möglichkeit, oder vielmehr den Aufruf zu einer Umkehr darstellt. Die Katastrophe beweist ihm die Unmenschlichkeit des Systems, das darum verlassen werden muß.
Auf der anderen Seite stehen alle übrigen Figuren: die Arbeiter, der Ingenieur, der Schreiber, die fünf schwarzen Herren, die Regierung. Keiner von ihnen empfindet die Explosion als Sinnkrise, sieht in ihr einen Anlaß zur Umkehr. Für sie besteht die Katastrophe in etwas ganz anderem, nämlich in einem Stillstand des Systems. Es ist der vor Angst ergraute Schreiber, der dies zum Ausdruck bringt (S. 20):
SCHREIBER. Der Anspruch der ganzen Welt wird dringend. Der Vorrat ist in nächster Zeit erschöpft. Fehlt Gas--! [...] Sie müssen die Forderung der Arbeiter erfüllen - sonst kommt erst die ungeheuerlichste Katastrophe!Ein solches Denken, das der Schreiber mit allen außer dem Milliardärsohn teilt, akzeptiert Explosionen, bei denen Tausende sterben, schon als etwas Normales, zum System Gehöriges. Die Explosion stellt für ihn kein Ereignis dar, das das System in Frage stellt. Die Explosion wird für ihn erst dann zur Katastrophe, wenn der anschließende Produktionsausfall zu groß wird. Je schneller also mit dem Wiederaufbau begonnen und fortgefahren wird wie bisher, desto mehr verliert die Explosion an Bedeutung und wird zum Normalfall.
Einer solchen Wahrnehmungsweise, die technische Unfälle niemals als den Fortschritt des Gesamtsystems in Frage stellende Ereignisse interpretiert, werden diese dem System inhärent. Zur Beschreibung dieses Systems und der durch es determinierten Wahrnehmungsweise eignet sich der Begriff der Permanenten Katastrophe. Diese besteht nämlich genau in der Tatsache, daß ein so grauenhaftes und viele Menschenleben "kostendes" Ereignis wie die Gas-Explosion für keinen der Beteiligten mehr eine Katastrophe ist, die das Gesamtsystem "Gasproduktion" in Frage stellt.
Wie wenig die Explosion ein Ereignis mit revolutionärer Sprengkraft
ist und wie sehr sie schon zum Produktionsprozeß gehört, offenbart
Kaiser im Gespräch des Milliardärsohnes mit den fünf schwarzen
Herren. Für diese sind Explosionen kein Restrisiko, sondern ein von
vorneherein einkalkuliertes Normal-Risiko. Es wird nach der Explosion mit
genau der gleichen Formel weiterproduziert werden, nur daß diese
jetzt um eine Größe angewachsen ist: "Der Turnus [des Auftretens
von Katastrophen] ist ja dann bekannt." (S. 35) In die Produktion sind
also Menschenopfer miteingeplant. Technische Unfälle, egal wie schwer,
sind für die fünf schwarzen Herren von vorneherein einkalkulierte
Kostenfaktoren: "Die Katastrophe ist ein schwarzes Blatt - Wir buchen sie
- und überschlagen die Seite." (S. 35) Katastrophen sind Teil des
Systems geworden und sind somit keine eigentlichen Katastrophen mehr, denn
es bricht in ihnen nichts Wesentliches zusammen und es können sich
auch keine Erneuerungsphantasien mehr mit ihnen verbinden.
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