Damit gemeint ist nicht, daß die Formel tatsächlich so etwas wie eine absolute Grenze der Naturbeherrschung darstellt, über die hinaus der Mensch nicht gelangen kann. Vielmehr ist die "unverbesserbare Formel" eine der notwendigen Prämissen für Kaisers Denkspiel. Wäre die Formel falsch oder auch nur verbesserbar, so könnte man dem Ingenieur ja tatsächlich eine Schuld zuschreiben, wie dies die Arbeiter tun.
Dieser Verzicht auf Schuldzuweisungen hängt eng mit der Figurenkonzeption bei Kaiser und somit dem Denkspiel-Charakter seiner Dramen zusammen. Ein Vergleich zwischen der Ingenieur-Figur Kaisers (des Expressionisten) und der Figur des Harold Stoß, dem Ingenieur-Helden aus Die Brücke über die Ennobucht von Max Eyth (dem Naturalisten) macht deutlich, wie deren unterschiedlichen ästhetischen Konzeptionen zu unterschiedlichen Einschätzungen von Technik und aus ihr resultierenden Katastrophen führen.
Stoß ist ein psychologisch ausgearbeiteter Charakter, der innere Gewissenskonflikte wegen der von ihm "herausgerechneten" Formel mit sich austrägt. Der Leser erfährt die intimsten Wünsche, Gedanken und Gefühle von Stoß, der ein Privatleben hat und der vor allem eine zentrale Hauptfigur ist, hinter der die anderen zurücktreten. Eyth lädt mit dieser Figur den Leser zur Identifikation ein.
Harold Stoß ist ein tragischer Held. Imposant und mit fast übermenschlichen Kräften gewappnet, macht er sich ans große Werk, er mißt sich mit den Gewalten und Kräften der Natur, um sie zu überwinden. Auf seine Hybris (Unterschätzung der "Gegnerin" Natur) folgt mit tragischer Logik die Nemesis. Die rächenden Naturgewalten stürzen ihn gemeinsam mit seinem kühnen Werk ins nasse Grab.
Dieses gewohnte Ende gibt dem Roman seine leicht verdauliche Geschlossenheit. Die Katastrophe erscheint hier nicht als Ergebnis eines technologisch-ökonomischen Kalküls, an dem auch der Zuschauer partizipiert, sondern als Sühne für den tragischen Helden Stoß. Die Katastrophe verliert so ihren den Zuschauer implizierenden Charakter. Er nimmt die Katastrophe nicht als eine solche wahr, die auch ihm täglich wiederfahren kann, da auch er von Apparaturen umgeben ist, die unter ökonomischen Druck entstanden und somit anfällig sind, sondern als gerechte Strafe für einen Mann, der zuviel gewagt hat.
Kaisers Ästhetik und Figurenkonzeption hingegen ermöglichen dem Zuschauer keine Identifikation. Der Gas-Ingenieur ist eine bloß schematische Figur, eine verkörperte Idee (in ihrer knappsten Fassung ließe diese Idee sich mit den Worten des Ingenieurs selbst etwa so formulieren: "Gas!!" [S. 51]). Kaiser geht es um die Sichtbarmachung eines überindividuellen, von keinem Einzelnen mehr gelenkten technischen Prozesses. Die Katastrophen, die sich in diesem System ereignen, haben dann auch keinen einzelnen Schuldigen mehr. Kaisers Technik-Welt ist somit frei von Tragik im Sinne von Schuld und Sühne eines Helden.
Der Milliardärsohn spricht diese Erkenntnis auch aus (S. 34): "Trifft den Ingenieur Schuld, den er mit seinem Weggang sühnt? War seine Formel schlecht? Sie bestand vor der Prüfung - und besteht weiter." Und wenig später bringt es der vierte schwarze Herr nüchtern auf den Punkt: "Da [bei der Anwendung der Formel] ist der Ingenieur ganz nebensächlich."
Die Gas-Dramen funktionieren nicht mit tragischer, sondern mit mathematischer Logik. Der Rezipient sieht sich zweier Katastrophen ohne die Vermittlung einer Identifikationsfigur gegenüber. Er ist ihnen ausgeliefert ohne die Schutzbrille der Weltsicht eines Helden oder eines anderen Charakters, auf dessen Konto die Schuld abzubuchen wäre. Die totale Vernichtung am Ende von Gas. Zweiter Teil kommt nicht als gerechte Strafe für eine vorausgegangene Schuld über den Zuschauer, sondern als Schock, als erstmal nicht zu verarbeitende Erschütterung der Verhältnisse. So wird er selbst zur Entscheidungsinstanz und ist gezwungen, Stellung zu beziehen.
Ein Hinweis, wo die wirkliche Ursache für die Katastrophe zu suchen
ist, findet sich in der Formulierung des Milliardärsohnes: "Über
Menschenmaß ging es hinaus." (S. 22) Das läßt sich nicht
nur auf den Abstraktionsgrad der Formel, sondern auf den gesamten technischen
Produktionsprozeß beziehen, der mit dieser Formel arbeitet. Er ist
nicht mehr für die an ihm beteiligten Menschen da und auch nicht mehr
von ihnen kontrollierbar. Es sind also auch nicht die "Gewalten ohne Kontrolle"
(S. 22) schuld, die jenseits der Formel wogen, sondern ein System, daß
es sinnvoll und sogar notwendig macht, mit solchen brisanten, katastrophenschwangeren,
"über Menschenmaß [...] hinaus" gehenden Abstraktionen zu produzieren,
wie sie die Formel des Ingenieurs darstellt.
![]() |