3.1 Die Gas-Explosion als verdrängtes Ereignis
Das hervorstechendste Merkmal und speziell Neuartige am Gas ist seine Unsichtbarkeit.
Die mit dem unsichtbaren Gas herannahende Katastrophe wird erst dann wahrnehmbar,
wenn es schon zu spät ist und auch dann nur indirekt, als Färbung
in einem Sichtglas. Dieses geräuschlose Herannahen ist in der Figur
des "weißen Herren" symbolisiert, der sich im ersten Akt lautlos
dem Schreiber nähert (S. 11, 15):
Von links tritt der weiße Herr ein: lautlos die Tür schließend,
lautlos gehend - nach Musterung des Raumes - zum Schreiber, ihn an der
Schulter rührend.
[...]
SCHREIBER. Wie kommen Sie--?
DER WEISSE HERR. Ganz ohne Aufsehen. Eine gewisse Geräuschlosigkeit
- erzielt auf Gummisohlen.
Daß es sich bei dem weißen Herren tatsächlich um ein Symbol
für das Gas selber handelt, darauf lassen zwei Textstellen schließen
(S.12/13):
SCHREIBER. Gas!
DER WEISSE HERR bläst durch die hohle Hand.
SCHREIBER erregt. Wissen Sie nichts vom Gas, das wir herstellen?
DER WEISSE HERR ebenso.
Und etwas später:
DER WEISSE HERR. Und wenn das Gas einmal--explodiert?
SCHREIBER starrt ihn an.
DER WEISSE HERR. Was kommt dann?
SCHREIBER sprachlos.
DER WEISSE HERR spricht ihm hauchend mitten ins Gesicht. Das
weiße Entsetzen!
Sowohl das Blasen durch die hohle Hand als auch das hauchende Sprechen
bedeuten nichts anderes als - ausströmendes Gas!
Daß die Katastrophe so unerwartet kommt, ist aber nicht nur auf
die Unsichtbarkeit des Produktes, sondern vor allem auf die abstrakten
und damit verschleiernden Produktions- und Kontrollmechanismen zurückzuführen,
die die Gefährlichkeit des Gases vergessen machen. Die Kontrolle des
Gases erfolgt mit einem Instrument, das nichts mehr ahnen läßt
von den gewaltigen Energien, die sich dahinter verbergen: ein einfaches
Sichtglas.
Nach Wolfgang Schivelbusch sind solche abstrakten, verschleiernden Mechanismen
notwendig, um die Angst verdrängen zu können, die sonst den Umgang
mit gebündelten, destruktiven Energien unmöglich machen würde.
Er führt dies anhand der Eisenbahn aus:
Aufgrund dieser neuen Verhaltens- und Wahrnehmungsweisen [panoramatischer
Blick, Reiselektüre etc.] verschwindet das, was die frühen Eisenbahnreisenden
angesichts der Apparatur, die sie beförderte, empfanden: die Angst.
Man kann den Vorgang der Gewöhnung der Menschen an neue technische
Apparaturen, die sie zunächst mit Mißtrauen und Angst erfüllen,
geradezu als Prozeß der Angstverdrängung, oder neutraler: des
Angstschwunds charakterisieren. [...] Die Apparatur wird verfeinert, ihr
Lauf wird immer glatter, ihre beunruhigenden Eskapaden werden, wenn schon
nicht technisch abgeschafft, so doch weitgehend für das Empfinden
abgepolstert.
Schließlich fühlt der Reisende sich sicher,
weil er vergessen hat, wie beunruhigend eigentlich die technische Apparatur
immer noch ist, wie gewaltig und potentiell destruktiv die in ihr gebundenen
Energiemassen. Dies Vergessen ist msglich, weil die technische Apparatur
dabei hilft, indem sie alle ihre ursprünglich beunruhigenden Ÿußerungen
[...] durch technische Perfektionierung ausgeschaltet oder weniger fühlbar
gemacht hat. (16)
Wie notwendig die Verdrängung der Angst beim Umgang
mit destruktiven Energien ist, macht der weiße Herr mit seinem Erscheinen
beim Schreiber deutlich. Im Sinne Schivelbuschs läßt sich diese
Erscheinung problemlos als Wiederkehr der verdrängten Angst beim Schreiber
verstehen:
Wird das normale Funktionieren [einer Apparatur] als natürlicher
gefahrloser Vorgang erlebt, so erscheint in der plötzlichen Unterbrechung
dieses zur zweiten Natur gewordenen technischen Zusammenhangs mit einemmal
die ganze vergessene Bedrohlichkeit und Gewalttätigkeit lebendig wie
am ersten Tag, eine Wiederkehr des Verdrängten. (17)
Der Schreiber ist der erste, der von der bevorstehenden Katastrophe erfährt,
und bei ihm geschieht das, was doch nie geschehen darf: Er bekommt Angst.
Diese Angst ist schlimmer als die Explosion selbst. Der Schreiber, dessen
Haar schlohweiß geworden ist, sagt zum Milliardärsohn (S. 19):
Ich war erregt - bis zu Halluzinationen. Ich fühlte, wie sich
das vorbereitete. Ich sah - körperlich das Entsetzen. Das war schlimmer,
als - wie es nun wirklich eintrat. Da war ich schon weiß!
Das Schreckliche an der Katastrophe ist also nicht so sehr der Moment ihres
Geschehens als vielmehr die Wiederkehr des Verdrängten, entweder als
Angst vor oder als Schreck nach ihrem Eintritt.
Ebenso wie die Eisenbahn den panoramatischen Blick und gepolsterte Abteile
nach sich zog, so führte die Gas-Fabrik zu Sichtgläsern und Meßgeräten,
die die gewaltigen Energien in nüchterne Striche und Zahlen übersetzten.
Es ließe sich vielleicht sagen: Je gewaltiger, also potentiell destruktiver
die in einer Technologie gebündelten Energien sind, desto größer
ist die Notwendigkeit der Angstverdrängung bei denen, die mit ihr
umgehen. Desto abstrakter und verschleiernder werden also auch die Bedienungs-
und Kontrollmechanismen (die Schnittstellen zwischen Mensch und Apparatur),
und um so größer wird die Kluft zwischen dem Ausmaß von
Katastrophen, die in einer Technologie stecken und dem Bewußtsein
von deren Möglichkeit.
Schivelbuschs Erkenntnis, daß "ein genaues Verhältnis zwischen
dem Stand der Technik der Naturbeherrschung und der Fallhöhe der Unfälle
dieser Technik" besteht, ließe sich dann dahingehend erweitern, daß
auch ein genaues Verhältnis zwischen der Fallhöhe dieser Unfälle
und der Fallhöhe ihrer Wahrnehmung besteht. Anders gesagt: Je destruktiver
eine mit einer speziellen Technologie verbundener Unfall ist, desto unangekündigter
kommt er.
Dieser Zusammenhang wird vollends offenbar in Gas. Zweiter Teil.
Das Gas hat sein destruktives Potential in diesem Drama vollends entfaltet,
es herrscht der totale Krieg. Dieser Krieg wird von den ihn Führenden
jedoch nur noch als vollkommen abstrakter Vorgang wahrgenommen, quasi als
eine Art Schachspiel. Das Chaos und die Zerstörung auf dem Schlachtfeld
finden nur noch als Zahlen und mechanisch wiederholte Phrasen und Handbewegungen
Eingang in dieses "Spiel".