Der Verlust der Ereignishaftigkeit läßt sich vielleicht am besten so fassen: ein im Fernsehen gesehener Tod, der einen vollkommen gleichgültig läßt. Genau auf diesen Umstand will auch Enzensberger hinaus, wenn er schreibt, daß der Weltuntergang ein anderer für den Fernsehzuschauer als für den ihn Erleidenden ist. Was verschwindet, ist nicht der Tod, sondern seine erschütternde Wirkung. Die Ereignislosigkeit ist ein Verschwinden der Betroffenheit. Bezeichnenderweise nennt Baudrillard diesen von der Simulation ausgehenden katastrophischen Effekt "Implosion". (10) Dieser Begriff weist darauf hin, daß diese neue Form der Katastrophe nicht in der äußeren, realen Welt stattfindet (als Explosion), sondern innen, im Kopf des Subjektes. Der "katastrophale Prozeß", der alle gesellschaftlichen Energien und Ereignisse im "Spiel der Zeichen" auflöst, schafft schließlich einen Zustand der kompletten Indifferenz bei den Subjekten. Diese sind nicht mehr in der Lage, die Realität zu verstehen, d.h. reale Ereignisse mit dem eigenen Leben in Beziehung zu setzen.
In seinem Buch Die fatalen Strategien treibt Baudrillard seinen Katastrophenbegriff auf die Spitze und gewinnt ihm dadurch, wie Benjamin mit seiner Umdeutung, ein subversives Potential zurück: "Die Katastrophe ist die reinste Form von Ereignis und dabei aber ereignisreicher als das Ereignis. Sie ist das folgenlose Ereignis, das die Welt in der Schwebe hält." (11) Diese paradoxe Formulierung ist typisch für Baudrillard. Er benutzt durch ihren Verweischarakter auf das Reale aufgeladene Begriffe (das Nukleare, die Katastrophe, der Tod), und gerade, weil er in seiner Simulationstheorie auf ihrer "Ladung" besteht, zeigt er den schmerzlichen Verlust des Realen an. Die Begriffe verlieren nicht ihre Ladung, sondern diese erhält ein entgegengesetztes Vorzeichen: So werden aus gewaltigen Ereignissen gewaltige Ereignislosigkeiten. Die Katastrophe ist darum die reinste Form von Ereignis, weil sich an ihr am reinsten der Verlust der Ereignishaftigkeit zeigt. (12)
Es lassen sich bei Baudrillard also zwei verschiedene Verwendungen des Begriffs der Katastrophe finden, die aber zusammen gehören: Zum einen die Katastrophe als Prozeß, als Implosion, zum anderen als Ereignis, nämlich als folgenloses. Den Zusammenhang könnte man in etwa so formulieren: Die wirkliche Katastrophe, die sich zur Zeit abspielt, besteht darin, daß es keine Katastrophen mehr gibt, d.h. Ereignisse, die erschütternde Kraft haben und Veränderungen mit sich bringen. Wie Benjamin erklärt Baudrillard die alltägliche Norm zur Katastrophe, doch es gibt für ihn keine "kleinen Sprünge" mehr, die die Rettung bedeuten könnten. Er verfolgt eine andere Strategie.
Bei Baudrillard geht die Umdeutung des Katastrophenbegriffes mit einer "neu produzierten Ereignishaftigkeit" (13) einher. Da apokalyptische und revolutionäre Erneuerungsphantasien sich nicht mehr an einzelne Ereignisse haften können, die dann geradezu leidenschaftlich herbeigesehnt werden, stattet Baudrillard das katastrophische Gesamtsystem mit ästhetischen Attributen der "Verführung" und "Leidenschaft" aus. Die Ereignislosigkeit der Simulationswelt läßt sich nur durchbrechen, indem das Subjekt entzückt dem "Flottieren der Signifikanten" zustimmt, durch "ekstatische Hingabe und Auslieferung [...] an die Indifferenz, die vom Objekt ausgeht."
Durch die Hingabe aller Subjekte an den katastrophischen Zustand, oder
vielmehr, durch die immer deutlichere Gewahrwerdung dieses Zustands als
eines katastrophischen, wird dieser so intensiviert, daß er schließlich
doch an seine Grenze kommt und - etwas geschieht. Diese paradoxe, ästhetische
Intensivierung, wo es keine Intensität mehr gibt, läßt
sich mit Kaisers dramatischer Gestaltung seiner
Gas-Welt vergleichen,
einer Welt, in der es keine Dramen mehr geben dürfte. Baudrillards
Simulationstheorie läßt ebenso wie Kaisers Dramen vor dem Leser
ein so totalitäres, lückenloses System erstehen, daß ihn
das Grauen packt. Der geschilderte Zustand wird ästhetisch so intensiviert,
daß der Leser seinen Zusammenbruch wünscht. Es leuchtet ein
anderer Zustand auf, der eine totale Negation des Bestehenden ist.
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