2.2 Der Begriff der Permanenten Katastrophe bei Hans Magnus Enzensberger

Hans Magnus Enzensbergers "Zwei Randbemerkungen zum Weltuntergang" (6) stellen ebensowenig wie die Thesen von Benjamin Teile einer kompletten Theorie dar. Schon der Titel verweist auf den geringen Anspruch an die Universalität der darin geäußerten Gedanken. In seiner zweiten Glosse setzt Enzensberger diese Art fragmentarischen Denkens "ohne Ÿrmelschoner" linken Theorien entgegen, die anderthalb Jahrhunderte lang ihre Stärke daraus bezogen, daß "sie auf einer positiven Utopie beruhte[n]." Genau um das Verschwinden dieser als sicher geglaubten Utopien geht es nicht nur in den zwei Marginalien, sondern auch im Gedicht Der Untergang der Titanic.

Daß diese Utopien heute keine Gültigkeit mehr haben, führt Enzensberger darauf zurück, daß die ihnen notwendigerweise zugrundeliegenden Untergangs- (Katastrophen-)Visionen keine Macht mehr haben, nicht mehr glaubhaft sind. Früher nämlich war der Sieg der Utopie auf den mit historischer Gesetzmäßigkeit erwarteten Untergang des ideologischen Gegners gegründet. Dieser Untergang wird durch eine Revolution herbeigeführt, aber das wesentliche an ihm ist, daß er unvermeidlich und determiniert ist. Verschwindet das Alte, im Falle der linken Utopien natürlich der Kapitalismus und das Bürgertum, so wird Platz geschaffen für das Neue. Inhärent in diesen obsoleten linken Utopien ist also der klassische Katastrophen-Begriff, als eines als singulär (aber keinesfalls monadisch!) wahrgenommenen Ereignisses, das einen Zusammenbruch und gleichzeitig einen Neuanfang darstellt.

Enzensberger ist sich sehr bewußt darüber, daß er, wenn er über Apokalypsen (7) und Katastrophen spricht, nicht reale Ereignisse meint, sondern gedankliche Konstrukte:

Die Vorstellung der Apokalypse hat an Wirkung verloren, weil sie in so vielen verschiedenen Formen und Variationen in unserer Kultur im Umlauf ist. Aus dem singulären Ereignis, das nur Seher und Propheten voraussagen konnten, ist ein langsam voranschreitendes Verhängnis geworden, das die Spatzen von den Dächern pfeifen.

Enzensberger verwendet den Begriff der "Apokalypse in Zeitlupe". Diese Formulierung verweist nicht nur auf den radikalen Verlust des wichtigsten Charakteristikums des klassischen Apokalypsen-Begriffes, nämlich der zeitlichen Begrenzung des Vorgangs, sondern deutet auch schon auf den Grund für diese Veränderung hin. Die Zeitlupe ist eine filmtechnische Innovation, und Enzensberger bringt denn auch die heutigen Repräsentations- und Wahrnehmungsformen der Apokalypse(n) mit dem Kino in Verbindung. Das Bild des gelangweilten Publikums in einem Filmtheater, das sich mit ruhiger Miene die gewaltigsten Katastrophen ansieht oder vielmehr als Unterhaltung konsumiert, weist Enzensbergers Konzept der Permanenten Katastrophe als ein medienkritisches aus.

Dies wird noch deutlicher an Enzensbergers Erkenntnis, daß die Apokalypse heutzutage nicht mehr alle gleichzeitig betrifft, ein Aspekt, der früher wesentlich für sie war. Heutzutage ist der Weltuntergang "von Land zu Land, von Klasse zu Klasse, von Ort zu Ort verschieden; während er die einen ereilt, betrachten ihn die anderen auf dem Fernsehschirm." Die Wandlung hat also etwas damit zu tun, wie die Katastrophen zu den Menschen gelangen, wie sie ihnen vermittelt werden. Die Repräsentationsformen haben sich geändert und mit ihnen die Formen der Wahrnehmung.