1. Einleitung

In seinem Sachwörterbuch der Literatur (1) gibt Gero von Wilpert folgende Definition der Katastrophe: "in der Dramaturgie bes. der Tragödie entscheidender Wendepunkt meist am Abschluß der Handlung, bringt die Lösung des Konfliktes ..." Neben dieser literarischen Deutung findet sich im Brockhaus (2) eine allgemeine Definition: "schweres Unglück, Zusammenbruch; Naturereignis mit verheerender Wirkung (Natur-K.)." Beiden Definitionen gemein ist die Beschreibung der Katastrophe als eines punktuellen Ereignisses, in dem etwas zum Abschluß kommt (zusammenbricht).

Schon immer barg der Begriff der Katastrophe auch ein positives Moment in sich. So wie die Katastrophe in der Tragödie zur "Lösung des Konfliktes" führte, so brachten natürliche und technologische Katastrophen nicht nur Verheerung, sondern auch die Hoffnung auf Neues mit sich. Die Vorstellung der Apokalypse, des Weltzusammenbruchs, barg in all ihrer Furchtbarkeit vor allem Hoffnung auf die Überwindung Satans und den Beginn des Reich Gottes in sich. Katastrophen hatten für die Menschen seit jeher reinigende Kraft, sie bringen etwas Schlechtes zum Abschluß und schaffen dadurch Raum für Neues. Dies zeigt, daß der Begriff der Katastrophe immer auch ein subjektiver ist: Er bezeichnet nicht nur reale Ereignisse, sondern auch die Art und Weise, wie diese Ereignisse wahrgenommen und interpretiert werden.

Georg Kaiser, Walter Benjamin, Hans Magnus Enzensberger und Jean Baudrillard deuten nun die Katastrophe von einem singulären Ereignis zu einem permanenten Zustand um. Geschieht diese Umdeutung auf jeweils unterschiedliche Weisen, so arbeiten doch alle vier Konzeptionen mit einem Verschwinden der positiven Kraft der Katastrophe. Was Georg Kaiser in seinen Gas-Dramen und Benjamin, Enzensberger und Baudrillard in ihren theoretischen Überlegungen beschreiben, sind gesellschaftliche Zustände, in denen Ereignisse ihre verändernde Kraft verloren haben. Oder vielmehr: Die Menschen nehmen diese Ereignisse nicht mehr als Veränderung bringende Katastrophen wahr. Gerade in dieser Immunität gegen Veränderung besteht die Permanente Katastrophe.

Zuerst stelle ich die Katastrophen-Begriffe von Benjamin, Enzensberger und Baudrillard vor. Darauf folgt dann eine eingehende Analyse der Gas-Dramen von Georg Kaiser, die zeigen soll, daß das Verschwinden des positiven Moments einer Katastrophe nicht auf eine Veränderung des Ereignisses selbst, sondern auf eine Veränderung in seiner Wahrnehmung zurückzuführen ist. Der dritte Teil geht der Frage nach, welche Rolle die Literatur dabei spielen kann, Veränderung in in eine Welt zu bringen, die zunehmend gegen Veränderung gefeit scheint. Im fünften und letzten Teil versuche ich dann, den Begriff der Permanenten Katastrophe historisch zu fassen. Versucht wird in aller Kürze eine Geschichte der Wahrnehmung, die den heutigen Zustand der "Totalen Ereignislosigkeit" (Baudrillard) als den Endpunkt einer Entwicklung begreift, die im 19. Jahrhundert mit der einsetzenden Industrialisierung begann.