1. Die künstlerische Krise des Vetters
Oberflächlich betrachtet könnte man meinen, die künstlerische
Krise des Vetters sei rein persönlicher und physischer Natur. Er hat
"durch eine hartnäckige Krankheit den Gebrauch seiner Füße
verloren" (597), kann sich also nicht mehr aus seinem kleinen, sich über
dem Berliner Gendarmenplatze befindlichen Zimmer fortbewegen. Ein Dichter,
der sich nicht mehr unters Volk mischen kann, hat schlechte Karten. Katastrophal
wird es aber, wenn auch seine Hände gelähmt sind: "[D]en Weg,
den der Gedanke verfolgen mußte, um auf dem Papiere gestaltet zu
erscheinen, hatte der böse Dämon der Krankheit versperrt." Die
Lesart der rein persönlich-physischen Natur der Krise des Vetters
wird außerdem unterstützt durch den Hinweis darauf, daß
Hoffmann sich 1822 in genau derselben Misere befand. Auch er war durch
Krankheit an seine Wohnung gefesselt, und es liegt nahe, die Erzählung
als Darstellung und Verarbeitung einer rein persönlichen Krise zu
lesen.
Aber die Krise des Vetters hat noch andere Aspekte, die zu anderen Lesarten
Anlaß geben. So vermochte "die schwerste Krankheit [...] nicht den
raschen Rädergang der Fantasie zu hemmen, der in seinem [des Vetters]
Innern fortarbeitete, stets Neues und Neues erzeugend." (597) In die Krise
geraten ist also keineswegs die Phantasie des Vetters, sein Imaginationsvermögen.
Nach wie vor schafft er oder vielmehr es (das geheimnisvolle Räderwerk)
in seinem Innern, doch er ist nicht mehr in der Lage, diese Produkte seiner
Phantasie niederzuschreiben, sie nach außen zu tragen. Als gestört
erweist sich also die Vermittlung der inneren Bilder.
Noch deutlicher wird das Dilemma des Vetters durch seine eigene, an
den Besucher gerichtete Erklärung:
Vetter, mit mir ist es aus! Ich komme mir vor, wie jener alte, vom
Wahnsinn zerrüttete Maler, der tagelang vor einer in den Rahmen gespannten
grundierten Leinewand saß, und allen, die zu ihm kamen, die mannigfachen
Schönheiten des reichen, herrlichen Gemäldes anpries, das er
soeben vollendet, - ich gebís auf, das wirkende schaffende Leben, welches
zur äußern Form gestaltet aus mir selbst hinaustritt, sich mit
der Welt befreundend! - Mein Geist zieht sich sich in seine Klause zurück!
(S. 597/598)
Peter von Matt und in seiner Nachfolge Heinz Brüggemann
haben nachgewiesen, daß es sich bei dieser Stelle um ein Selbstzitat
von Hoffmann handelt. (3) Bezug genommen
wird hier auf die Erzählung "Der Artushof", die von der künstlerischen
Krise des Malers Berklinger handelt. Dieser sitzt "vor einer großen
aufgespannten grau grundierten Leinwand". (4)
Einem Besucher schildert er ein auf dieser leeren Leinwand sich angeblich
befindendes Bild und macht ihn "auf die geheimnisvolle Verteilung des Lichts
und der Schatten aufmerksam". (Sb., S. 157) Er gerät bei seiner Schilderung
des imaginären Werkes immer mehr in Verzückung und bricht schließlich
zusammen. Berklingers Tochter gibt Aufschluß über das Verhalten
ihres Vaters: "Er sitzt ganze Tage vor der aufgespannten grundierten Leinwand,
den starren Blick darauf geheftet; das nennt er malen, und in welchen exaltierten
Zustand ihn dann die Beschreibung eines solchen Gemäldes versetzt,
das haben Sie eben erfahren." (Sb., S. 157)
Von Matt schließt aus diesem Selbstzitat, daß es Hoffmann
darum geht klarzumachen, "daß es nicht etwa die physische Lähmung
ist, welche die Entstehung schriftstellerischer Werke verhindert", sondern
ein tiefer Bruch "im Entstehungsprozeß des Kunstwerks, im Akt der
ästhetischen Produktion, der auf der Inkommensurabilität von
Innen und Außen beruht". Dem läßt sich ohne weiteres zustimmen,
nicht aber den folgenden Ausführungen von Matts. Bei der Erläuterung
des tiefen Bruchs zwischen Subjekt und Objekt wird deutlich, daß
er ihn geradezu für eine anthropologische, ahistorische Konstante
hält. Die von ihm konstatierte "Inkommensurabilität von Innen
und Außen" ist jene, "welche dem Menschen schlechthin das Zu-Hause-Sein
in dieser Welt, in Natur, Liebe und Menschengesellschaft verwehrt."
Dieser Lesart widersprechen andere Hinweise in der Erzählung, die
darauf schließen lassen, daß die von der Lähmung symbolisierte
Inkommensurabilität von Innen und Außen spezifisch historische
Züge trägt, d.h daß sie auf Veränderungen in der Außenwelt
zurückzuführen ist. Besonders aufschlußreich ist in dieser
Hinsicht eine Episode, die sich vor der Lähmung zugetragen hat. Der
Vetter erzählt seinem Besucher von der Begegnung mit einem Blumenmädchen,
das in die Lektüre eines seiner eigenen Werke vertieft war. (S. 606
ff.) Er schildert, wie die Entdeckung dieses Umstandes in ihm die "süßesten
Autorgefühle" weckte und er mit "anscheinender Gleichgültigkeit"
das Mädchen nach ihrer Meinung fragte. Als er ihr schließlich
seine Identität als "Autor des Buchs, welches sie mit solchem Vergnügen
erfüllt hat" offenbart, ist es klar, daß er eine ehrfurchtsvolle
Lobpreisung von ihr erwartet. Doch die Reaktion fällt gänzlich
anders aus:
Es fand sich, daß das Mädchen niemals daran gedacht, daß
die Bücher, welche sie lese, vorher gedichtet werden müßten.
Der Begriff eines Schriftstellers, eines Dichters war ihr gänzlich
fremd, und ich glaube wahrhaftig, bei näherer Nachfrage wäre
der fromme kindliche Glaube ans Licht gekommen, daß der liebe Gott
die Bücher wachsen ließe wie die Pilze. (608)
Ulrich Stadler zufolge beleuchtet die "geradezu erschreckende
Ahnungslosigkeit der Blumenverkäuferin gegenüber den Bedingungen
künstlerischer Produktion [...] grell die scheinbar bis zur Funktionslosigkeit
verschärfte Isolation des Schriftstellers." (5)
Streng historisch-marxistisch verfahrend, führt er diese Funktionslosigkeit
auf neue ökonomische Bedingungen zurück. Die historisch neue
Form der Warenzirkulation "deckt die entscheidenden Vermittlungen zu, macht
sie unsichtbar." Ebenso wie alle anderen Produkte haben sich auch Bücher
von ihrem Ursprungsort und ihrem Schöpfer getrennt, sie sind zur Ware
geworden, die zu Markte getragen wird. Von dieser Veränderung der
ökonomischen Strukturen und somit des gesamten Großstadtlebens
scheint der Vetter nicht viel mitbekommen zu haben. Sein Selbstbild als
"sublime[s] Genie, dessen schaffende Kraft solch ein Werk erzeugt", als
aus den Tiefen seiner Imagination schöpfender Künstler, erweist
sich als veraltet. Das Volk, als dessen Repräsentantin das Blumenmädchen
gelten kann, hat eine ganz andere Auffassung von der Literatur als etwas,
was quasi von selbst entsteht und keinen individuellen Schspfer hat.
Die Episode mit dem Blumenmädchen hat gezeigt,
daß sich etwas im sozialen und ökonomischen Gefüge der
Stadt verändert hat. Gewisse Zuordnungen, z. B. zwischen einem Buch
und seinem Autor, scheinen nicht mehr so selbstverständlich zu sein.
Um mit Stadler zu sprechen, die Warenzirkulation hat die Vermittlungen
und Verbindungen verdeckt. Insofern ist es bedeutsam, daß der Gegenstand
der Anschauung des Vetters ein Marktplatz ist, der zentrale Ort der Warenzirkulation.
Aber nicht nur die Herkunftsorte der Waren sind nicht länger erkennbar,
sondern auch die der vielen Menschen, die sich auf dem Markt treffen. Günter
Oesterle spricht von der "aus dem Ständeverfall, der Verstädterung,
der Zunahme des Reisens sich ergebende Unsicherheit der Bürger, ihr
Gegenüber einschätzen zu können" (6).
Hinzunehmen könnte man noch die Verschiebungen, die die napoleonischen
Kriege mit sich brachten, und auf die der Vetter auch Bezug nimmt. (7)
Die Krise des Vetters hat also nicht nur private Gründe, sondern
reflektiert gesellschaftliche Veränderungen. In die Krise geraten
erscheint eine ganz bestimmte Form des künstlerischen Verfahrens,
nämlich eine nur nach innen gerichtete. Wie der Maler Berklinger hat
der Vetter anscheinend immer nur in sein Inneres, auf die Fabrikationen
seines "Rädergang[s] der Fantasie" geschaut und dabei seine sich verändernde
Umwelt nicht mehr wahrgenommen. Die zunehmende Entfremdung führte
schließlich zur Inkommensurabilität von Innen und Außen,
zu einem Bruch, der von der Lähmung symbolisiert wird. Dieser Bruch
zwischen Subjekt und Objekt läßt sich auch am Besucher feststellen.
Als dieser zum erstenmal, von seinem Vetter dazu aufgefordert, aus dem
Eckfenster schaut, erweist er sich als unfähig, daß Marktgeschehen
zu erfassen, d.h. es in irgendeiner Weise sinnvoll wahrzunehmen:
Der Anblick war in der Tat seltsam und überraschend. Der ganze
Markt schien eine einzige, dicht zusammengedrängte Volksmasse, so
daß man glauben mußte, ein dazwischengeworfener Apfel könne
niemals zur Erde gelangen. Die verschiedenen Farben glänzten im Sonnenschein
und zwar in ganz kleinen Flecken; auf mich machte dies den Eindruck eines
großen, vom Winde bewegten, hin und her wogenden Tulpenbeets, und
ich mußte mir gestehen, daß der Anblick zwar recht artig, aber
auf die Länge ermüdend sei, ja wohl gar aufgereizten Personen
einen kleinen Schwindel verursachen könne, der dem nicht unangenehmen
Delirieren des nahenden Traumes gliche ... (599)
Die Wahrnehmungsschwierigkeiten des Besuchers sind nichts
anderes als die Kehrseite der künstlerischen Ausdrucksprobleme des
Vetters. Ebenso wie dieser außerstande ist, seine Innenwelt nach
außen zu tragen, so erweist sich jener angesichts des äußerst
komplexen Marktgeschehens als unfähig, die Außenwelt sinnvoll
nach innen zu bringen, also sie zu verarbeiten. Über die Anschauung
einer amorphen Masse kommt der Besucher nicht hinaus, und zu konkreten
Erkenntnissen könnte er damit wohl kaum gelangen. Um der Flut von
Eindrücken und Reizen gerecht zu werden, nimmt er eine gebräuchliche
Naturmetapher zu Hilfe, die des "hin und her wogenden Tulpenbeets", doch
sie erweist sich schließlich als unbrauchbar. Zum Schluß landet
er beim "Schwindel" (8) und beim "Delirieren
des nahenden Traumes", worin sich der resignierte Rückzug auf die
eigene Innenwelt ausdrückt. |