Einleitung
Zu der Zeit, zu der E.T.A. Hoffmann seine Erzählung "Des Vetters Eckfenster" schrieb, war das Panorama für jeden Großstadtbürger eine bekannte Attraktion. Thomas Eicher (1) geht zu Recht davon aus, daß Hoffmann als ein stark an der Malerei interessierter Schriftsteller genauestens auch mit der Technik der Panoramenmalerei vertraut war. Wenn er also den Besucher des Vetters bemerken läßt, daß dieser von seinem Fenster aus "mit einem Blick das ganze Panorama des grandiosen Platzes" (2) übersehen könne, dann schwingt in dieser Aussage ein umfassendes Wissen um ein neuartiges künstlerisches Verfahren mit. Die These ist nun, daß die Erzählung einer Unterweisung in dieses neuartige künstlerische Verfahren gleichkommt. Was der Vetter seinem Besucher und letztlich dem Leser erteilt, ist eine Lektion in der panoramatischen Erfassung der Welt. Wie aus der Erzählung ersichtlich wird, ist dieses neue Verfahren jedoch kein künstlerischer Selbstzweck, sondern eine bittere Notwendigkeit. Es wird gezeigt, daß dieses neue, panoramatische Verfahren den Vetter in die Lage versetzt, eine Krise zu überwinden, die nicht nur persönlicher, sondern allgemeiner, gesellschaftlicher Natur ist. Man kann von einer historischen Krise der Wahrnehmung sprechen. In einem ersten Teil soll die Art der künstlerischen Krise des Vetters genauer untersucht werden. Es soll deutlich werden, daß sie Teil einer umfassenderen Krise der Wahrnehmung und Abbildung der Wirklichkeit ist, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht nur sämtliche Künste, sondern das gesamte gesellschaftliche Leben betraf. Diese Krise läßt sich begreifen als der Ausdruck eines Bruchs zwischen historischem Subjekt und einer komplizierter gewordeneren Außenwelt. Für den Künstler ergab sich das Problem, wie er diese veränderte Wirklichkeit getreu abbilden konnte, wie er also sein Imaginationsvermögen mit der Realität wieder in Einklang bringen konnte. In einem zweiten Schritt wird untersucht, auf welche Weise der Vetter seine Krise überwindet, d.h. wie es ihm gelingt, sein Imaginationsvermögen und die Außenwelt wieder in Übereinstimmung zu bringen. Durch Nachweisung struktureller Parallelen zwischen der Panoramenmalerei und dem Verfahren des Vetters soll dieses letztlich als "panoramatisch" begriffen werden. Das Panorama oder vielmehr die panoramatische Wahrnehmungsweise erscheint als das notwendige Ergebnis einer Veränderung des Verhältnisses zwischen dem Menschen der damaligen Zeit und seiner sozialen Umwelt. |
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