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Der Tango al Revés

Erstaunlich wenig findet man bisher (2008) in der deutschsprachigen Tangoliteratur zum historischen Tanzstil Tango al Revés (auch Schattentango, Tango Doble Frente, Tango in shadow position genannt), noch weniger allerdings eine deutschsprachige Anleitung dazu. In der bedeutendsten deutschen Tangozeitschrift Tangodanza taucht der Name überhaupt zum ersten Male im zehnten Jahrgang 2008 anläßlich einer Rezension der Lern-Sehscheibe von Anton Gazenbeek auf, der anscheinend als Erster im internationalen Raum auf den Tango al Revés aufmerksam gemacht hat - oder ihn zumindest versucht wieder zu beleben. [1] Auch im Tanzuntericht der renommierten Tangoschulen Deutschlands findet der Tango al Revés zur Zeit nur wenig Interesse und ist, zumindest bei Recherchen im Internet, nicht leicht ortsausfindig zu machen.

§ 1. Begriffsdefinition Tango al Revés

Zu diesem etwas anderen Tanzstil des Tango Argentino schreibt ein Anonymus indes einleitend treffend Folgendes: "Es ist ein Tangostil, bei dem sich beide Tanzenden mit dem Körper in Tanzrichtung nach vorn bewegen. Die Frau zeigt dem Mann den Rücken und der Mann umfaßt ihre Hüfte. Viele Zeitgenossen wissen nicht, daß dies ein sehr alter Tangotanzstil ist, erfunden von den Milongueros der 1940er Jahre. Ebenso viele wissen nicht, daß man alle Schritte aus der konventionellen Tangoposition (derecho) auch al Revés tanzen kann. Es sei betont: Alle Schritte! Viele glauben weiters nicht, daß man Tango Doble Frente improvisieren könnte, selbst nicht bei einem guten Führenden und einem sehr guten Folgenden. Aber Tango al Revés kann ebenso getanzt werden wie Vals criollo oder Milonga con traspie. Einer der begabstesten Tänzer diese Stiles und eifriger Erweiterer des Vokabulars diese Tanzstils war Antonio Todaro. Raul Bravo, Miguel Angel Zotto, Pablo Veron, Carolina Iotti und Milena Plebs waren andere, die sehr gut Tango Doble Frente tanzten." [2]

Diese virtuelle Seite möchte daher erstmals für den deutschsprachigen Raum eine kleine Philosophie und praktische Anleitung  zum Selbststudium dieses sehr interessanten Tango al Revés bieten, der sich als bemerkenswerte Variante von Tangotanzstilen herausstellt, wenn man ihn näher betrachtet. [3]

Es ist indes nicht die Absicht des Verfassers, den Tango al Revés als das Non Plus Ultra der Tangotanzstile zu bezeichnen. Aber wer ihn tanzt, wird ein wenig zum Umdenken gezwungen und wird sich seiner Führungs- und Folgequalitäten im Allgemeinen bewußter werden. Tango al Revés kann also dazu dienen, festgefahrene Muster und Figuren aufzulösen, in Einzelbestandteile gleich einer Matrix zu zerteilen, um den Tanz freier zu gestalten, aber auch, um sich Bewegungsabläufe bewußter zu machen.

§ 2. Voraussetzungen zum Tango al Revés

Wer sich für den Schattentango interessiert, sollte vorher möglichst bereits Tango argentino getanzt haben. Er wird es dann mit dem Tango Doble Frente wesentlich einfacher haben, aus mehreren Gründen. Zum Einen unterrichtet kaum eine Tanzschule Tango al Revés als "Grundtango", sondern zumeist eben den klassischen Tango Argentino. Zum Zweiten lassen sich die Module (es wird hier bewußt nicht von Figurenabfolgen gesprochen) des konventionellen Tango Argentino unter Berücksichtigung der veränderten Partnerpositionen in den Tango al Revés relativ rasch importieren. Neu erlernt werden muß daher vor allem die veränderte Führung und das Tanzen in einem neuen Beinsytem.

§ 3. Die Position des Führenden

Wie im bisherigen Tango Argentino wird auch im Tango al Revés allein durch die Körpersprache geführt. Die Bezugspunkte der Übertragung von tänzerischen Impulsen gehen zwar auch vom linken Arm des Führenden aus, aber auch vom rechten Arm, der auf Bauch oder Hüfte der Frau liegt. Beide Arme dienen aber auch hier lediglich als Verlängerung des Thorax, aus dem die Impulse zum Führen stammen und der den Rahmen der Arme verstärkt wird.

Der Abstand zwischen den Tanzpartnern kann individuell gewählt werden und ergibt sich je nach Zusammensetzung, Sympathie, Harmonie, Übung sowie Körpergröße des Tanzpaares. Es ist jedoch ratsam, den Abstand nicht zu sehr zu verengen, da sonst die Ausführung einiger Module, vor allem von Drehungen) nicht möglich ist. Außerdem besteht für den Führenden anders als beim gewöhnlichen Salóntango die Gefahr, daß er mit den in der Regel verletzungsträchtigen spitzen Hacken der Folgenden kollidiert. Wie sonst auch erfordert der Tango al Revés die Erstellung und Pflege eines deutlichen Verständigungs-Codices zwischen den Tanzpartnern, der nur durch wiederholte Übung verfeinert werden kann.

Die Position der rechten Hand des Führenden kann flexibel gestaltet werden. Liegt die Hand des Mannes auf dem Bauch der Frau, so sieht dies besonders elegant aus, bedarf aber auch einer ständigen ausgemittelten Spannung der rechten Frauenhand, die auf der Führendenhand liegt und diese also quasi zwischen Hand und Bauch sanft gefangen hält. Weniger von dieser speziellen Spannung braucht die Frau, wenn die Manneshand stärker anatomisch fixiert ist, zum Beispiel an der Frauentaille, auch wenn daraus nie ein Klammergriff werden sollte.

Die Hände des Führenden werden auf diese Weise etwas mehr in die Führungsverantwortung genommen als beim gewöhnlichen Tango Argentino. Die rechte Hand der Frau liegte aber in jedem Falle auf ihrem Bauch oder ihrer Taille, je nach persönlichen Vorlieben und Bequemlichkeiten. Die linken Hände von Mann und Frau treffen sich in der fast gewöhnlichen Tanzhaltung des Tango Argentino (nach außen abgespreizt, aber locker im Raum befindlich). Auch hier ist eine gute Spannung wichtig, damit die männlichen Impulse für Drehungen und Reichtungsvorschläge von der Frau gut aufgenommen, interpretiert und körperlich umgesetzt werden können.

§ 4. Die Position der Folgenden

Die Frau ist im Tango al Revés wesentlich stärker offen, als dies bei der geschlossenen Umarmung des bisherigen Tango Argentino der Fall ist. Der Innigkeit des Tanzpaares muß diese geöffnete Haltung in Tanzrichtung aber keinen Abbruch tun. Durch eine im Gegensatz zum gewöhnlichen Tanzstil eher gelockerte Umarmung besitzt die Frau zudem einen größeren Spielraum zur Eigeninititative, aber auch eine größere Bandbreite, um auf Bewegungsimpulse des Mannes individuell zu reagieren. Das Zusammenspiel beider Tanzpartner sollte daher bereits ausreichend ausgeprägt sein, um zu guten Ergebnissen einer Harmonie zu kommen.

§ 5. Die Umarmung

Ein Grundmerkmal des Tango Argentino ist beim Tango al Revé deutlich modifiziert: El Abrazo oder die Umarmung. Die sonst statthabende Umarmung des Mannes mit dem linken Arm der Frau ist beim Schattentango aufgehoben; sie umarmt nur noch sinnbildlich den Mann in Form seiner rechten Hand an ihrer Taille oder auf ihrem Bauch. Durch die Aufhebung der geschlossenen Tanzhaltung könnte man somit den Tango al Revés als eine geöffnete Tanzweise beschreiben. Dennoch braucht auch sie besonderes Vertrauen, da die Frau tatsächlich nichts vom Führenden sieht, sondern ihn lediglich aus der hinteren Position spürt.

Beim herkömmlichen Tango wird sehr deutlich, daß das Paar sehr auf sich bezogen, introvertiert tanzt. Es bildet durch die Umarmung eine abgeschlossene Einheit, die sich von anderen abgrenzt, einen Mikrokosmos im Paar schafft. Tango Doble Frente verändert diese Stellung, nicht nur, weil die Partner nicht mehr einander mit ihrer Front zugewandt sind und die Folgenden nicht mehr rückwärts schreiten, sondern weil beider Front in eine Richtung zeigt und beide (in der Regel) vorwärts tanzen. Dennoch hat die veränderte Umarmung im Schattentango auch seine reizvolle Intimität. Für den Folgenden, der vorausschreitet und den Führenden, der im Schatten tanzt (auch eine spannungsgeladene Paradoxie des Tango Doble Frente), ergibt sich ein besonderes Vertrauensverhältnis.

Tango al Revés ist auch ein besonders guter Indikator dafür, ob ein Paar für sich tanzt oder gedanklich zu sehr bei den anderen Tanzpaaren der Milonga ist. Schießlich präsentiert man sich, ob gewollt oder ungewollt, beim Tango al Revés wesentlich extrovertierter (und dies nicht nur, weil man in Deutschland erst wenige Paare in diesem Stil tanzen sieht). Die Folgenden werden dabei zur Schau gestellt, die sonst in der Umarmung verschlossene und nur dem Tanzpartner zugewandte Front wird "öffentlich" gemacht.

Die Folgenden werden also lediglich von einem Schatten verfolgt, sind sonst aber den Energien und Blicken der Milonga, die schließlich überall ihre Augen hat, ausgesetzt. Tango al Revés bedarf also schon eins guten tänzerischen Selbstbewußtseins. Aber Extrovertiertheit sollte nicht die Motivation des Tanzstiles sein. Schattentango kann ebenso interovertiert getanzt werden wir gewöhnlicher Tango Argentino, wenn das Paar ganz bei sich bleibt und nicht auf die Außenwirkung achtet, sondern auf das, was sich im Paar gut anfühlt.

§ 6. Module zum Kombinieren

Wie vorher erwähnt, lassen sich von gekonnten Tänzern mit einiger Anleitung und Übung wegen der grundsätzlich veränderten Position alle Module tanzen, die man auch im herkömmlichen Tango verwendet, insbesondere als Grundelemente das Gehen, das Kreuz und die Moulinette, aber auch Gancho, Espejo und Ähnliches.

Beginnen sollte man den Selbstunterricht nach der dreigestaffelten Stufenfolge: Stehen, Gehen, Drehen. Der erste Teil sollte demnach der Umarmung und dem Auffinden einer passenden Haltung gewidmet sein. Für die Führenden ist es außerdem wichtig, daß sie sich nicht wie beim normalen Tango Argentino zu sehr nach vorn neigen. Dort wartet kein Führungsimpuls mehr auf sie, der ausschließlich von hinten und gelegentlich von der Seite kommt. Daher ist eine gerade und aufrechte Tanz- und Körperhaltung wichtig, ebenso das eigene Achsehalten.

Grundsätzlich unterscheidet sich der Tango al Revés vom üblichen Tango Argentino durch das Beinsystem. Galt bisher das parallele System, so gilt nun das gekreuzte System. [4] Dies ist zunächst ein verwirrende Definition, aber es dürfte klar sein, daß Mann und Frau - in der Regel - den gleichen Fuß benutzen: Setzt er rechts, muß auch sie rechts setzen. Setzt er hingegen links, wird auch sie zu einer Aktion mit links eingeladen.

Danach kann man zur Übung des Gehens und dem schlichten Caminar übergehen und mit verschiedenen Abständen im Paar experimentieren, eine Cunita (Wiege) einbauen, mit Corrida (kurzzeitigen Verdoppelungen im Takt) tanzen, Seitenschritte einbauen.

Erst dann sollte man sich mit Drehungen befassen, zunächst mit einfachen Ochos, die sich durch die Drehungen der Frau kennzeichnen, während der Mann die zwei Führungselemente a) der Disociación (Thoraxverdrehung) als Zeichen für die Frau ihren Körper in der Achse zu bewegen und b) des Schrittes als Zeichen für die Frau, ihren Körper auf der Fläche weiter zu bewegen, vollzieht. Im Einzelnen:

Alle Ochos sind sowohl aus dem Caminar (Gehen) heraus unmittelbar zu tanzen, aber auch aus einer vorherigen Levantada (Corte, Stop, Bruch, Anhalten "nach oben"), was besonders schön bei den Rückachten aussieht, die allerdings auch eine besondere Aufmerksamkeit erfordern, damit die Frau dem Mann nicht auf seine hinter ihr befindlichen Füße tritt. Boleos (Schleuderbewegungen der Frauenbeine nach einem Corte als Contra posición) können ebenfalls eingesetzt werden, erfordern jedoch entsprechende Übung.

Die Möglichkeiten für Adornos und Firuletes (Verzierungen) sind reichlich gegeben. Hier muß nur darauf geachtet werden, daß dazu a) genügend Platz vorherrscht und sich b) die Tanzpartner nicht gegenseitig behindern. Bei den Rückachten beispielsweise kann die Frau auch das Bein des Mannes, wenn dieser ihr genügend Zeit läßt zur Verzierung, mit einer Caricia (Zärtlichkeit), einer Acaricia (Liebkosung) versehen. Im gemeinsamen Stehen und Gehen in der Grundposition des Caminars sind Eigenganchos (plötzliche Beinhaken) möglich oder auch eine Elevada (Hochheben des Fußes).

§ 7. Beispiele für Eingänge und Ausgänge

Je nach persönlichen Vorlieben wird man kaum Tango al Revés als alleinigen Tanzstil wählen, sondern gern ab und zu Übergänge vom und in den konventionellen Tango praktizieren wollen. Für diesen Wechsel bieten sich verschiedene Übergänge an.

Allen Übergängen gemein ist a) der Wechsel der Folgendenposition oder der der Führendenposition um 180 Grad, unterstützt und begleitet allerdings stets von b) eingebauten Wechselschritten des Mannes oder der Frau, um vom parallelen Beinsystem des herkömmlichen Tangos ins gekreuzte Beinsystem des Tango al Revés hineinzukommen.

Eine einfache Art des Einganges in den Tango al Revés ist aus der Grundposition ein seitlicher Paso (Schritt) des Mannes nach links mit Fußwechsel bei gleichzeitiger Drehung der Frau auf ihrem linken Fuß. Dabei gleitet die Hand des Mannes, bisher auf dem Rücken der Frau liegend, in einer einheitlichen Bewegung an dem Körper der Frau - zarte Fühlungnahme haltend - vom Rücken an ihre rechte Taille oder auf den Bauch.

Ein einfacher, aber dennoch raffinierter Ausgang (allerdings gegen die Tanzrichtung) ist die umgekehrt getanzte Moulinette der Frau. Aus dem Caminar kann der Mann dabei die Frau nach links in eine Moulinette führen. Sie tanzt dann Vor-Seit-Rück statt sonst üblich Rück-Seit-Vor), so daß sie wieder vor ihn kommt, wobei er sich gleichzeitig zu ihr hindreht. Durch ihren Dreierschritt ist dann auch wieder das gekreuztre ins parallele Beinsystem verwandelt worden und man kann flüssig weiter in gewöhnlicher Tangoumarmung tanzen.

§ 8. Improvisation

Oberstes Gebot beim Tango al Revés sollte die Improvisation mit dem bekannten Material an Modulen sein. Wer improvisiert, lernt zwar nicht umgehend raffinierte und komplizierte Muster, aber bleibt in seiner Kreativität lebendiger und erarbeitet sich den Tango al Revés auch wesentlich effektiver, da es sich um eigene Erkenntnisse handelt, die der ureigensten Grundchoreographie der Möglichkeiten und Vorlieben angepaßt werden können. Jede Verfestigung oder Pressung der Module in Figuren sollte vermieden werden; sie hemmen in diesem Falle die Freude und das eigene Potential zum Lernen durch Zufall. Insofern sind die oben erwähnten Ausführungen mit Anleitungen auch nicht verabsolutierend zu verstehen, sondern lediglich als Beispiele tanzbarer Modulkombinationen in einer großen Matrix an Möglichkeiten.

Es sei daher aufgefordert, durch wiederholtes Tanzengehen und durch Mut zum Irrtum gemeinsam zu lernen. Nicht zuletzt dieser Weg ist das eigentliche Ziel, nicht zwangsläufig die Aufführungsreife. Und ein kurzes Video zum Thema mit verschiedenen, leider sehr kurzen Ausschnitten zum Tanzstil Tango al Revés zeigt durchaus, daß auch ein sehr einfach getanzter Schattentango (dort: Martha y Manolo) seinen Reiz hat. [5]

Ergänzende Anmerkung vom April 2010: Seit 2009 gibt es bei Youtube mehrere schöne Schattentango-Videos als Showmitschnitt und als Tutorial. [6] Deren Anzahl steigt noch weiterhin an, für aktuelle Neuerungen gebe man daher gern bei Youtube die Suchwörter "tango al reves" ein.

§ 9. Resumée

Der hier vorgestellte Schattentango ist ein Tanzstil des Tango Argentino, der zur Zeit (2008) ein weitgehendes Schattendasein in der deutschen Tangoszenerie spielt. Gerade deswegen eignet er sich wie auch andere Spielformen des Tangos (beispielsweise Milonga con traspie) zur Auflockerung des Tangos mit netten tänzerischen Spielereien und Extravaganzen, fordert aber auch im Lernprozeß zum Umdenken und Neueinfühlen in die herkömmlichen Elemente von Führen und Folgen auf.

Tango al Revés kann daher aufbauend zum gewöhnlichen Tango Argentino benutzt werden und erweitert die Sichtweisen von Paartanz, ganz abgesehen davon, daß sein Erlernen viel Freude bereitet und eigene Kreativität fördert und fordert. Nicht zuletzt ist er fernerhin eine weitere Möglichkeit des Mannes, die Frau zu "seiner" Parkettkönigin zu küren und sie im Tango "glänzen" zu lassen, Kavalier zu sein.

§ 10. Annotationen


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