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Der letzte Tango

Die Milonga neigt sich ihrem Ende entgegen, das wir gar nicht wahrhaben wollten, weil wir den Blick zur Uhr vergaßen und negierten. In einem Tanz, dessen Weg wichtiger ist als sein Ziel, bleibt die Zeit außen vor, muß sie nicht gemessen werden. Und dennoch hat die Milonga ihre chronologische Begrenzung, müssen Seele, Geist und Körper entspannen und in die Profanwelt zurückkehren. Die Zwischenwelt dazu ist der letzte Tango, noch nicht ganz  außen vor, aber auch nicht mehr mitten drin.

So besehen hat der letzte Tango etwas Endgültiges, er ist ein kleiner Abschied, ein kleiner Tod. In besonderem Maße erinnert er uns an die Vergänglichkeit allen Lebens. Und eben deswegen wird er noch einmal mit aller Bewußtheit und aller Innigkeit getanzt, geradezu zelebriert. Er hält uns durch seine Besonderheit ganz im Jetzt und Hier, fesselt uns und erwartet die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Sinne.

Sich ihm auszuliefern bedeutet eine Abgabe von persönlicher Macht, ein tiefes, bewußtes und sofortiges Loslassen. Auf der Milonga noch war man Herr seiner selbst. Wann, mit wem und wie lange sie mit ihm und er mit ihr tanzte, lag in der eigenen Entscheidung, der je individuellen freien Bestimmung. Durch den letzten Tango, drohend vom Tangojay oder dem Orchesterleiter angesagt, müssen wir unsere Selbstbestimmtheit abgeben. Eine Selbstbestimmtheit, die sich bisher auf der Milonga scheinbar nicht an Zeit und Raum gebunden fühlen mußte.

Der letzte Tango wird unweigerlich noch einmal zu einem bewußten Übergang der Welten gestaltet, bevor die Milonga erstirbt. Doch alle wissen, daß sie einst wieder ersteht. Weil dem Gesetz der Polarität nach der Spannung die Entspannung folgt. Das gibt dem letzten Tango zusätzliche energetische Aufladung, auch wenn es nur das Bewußtsein ist, mit dem er so anders als die übrigen Tangos getanzt wird.

Es gibt Tanzende, die sich diesem letzten Tango entziehen. Vor diesem Oktroy, dieser von außen auf sie zukommenden Knebelung schrecken sie zurück, denn dies würde ein gänzliches Sichausliefern, Loslassen und Hingeben an die Verhältnisse bedeuten. Sie ziehen es vor, bereits früher zu gehen, sie haben eine gewisse Scheu davor, den letzten Tango der Veranstalter zu tanzen. Sie möchten vielmehr die Milonga aus eigenem Entschluß und kurz vor dem offiziellen Ende verlassen. Sie wollen, wenn sie ins Dunkel treten und sich von ihr entfernen, zuhören, wie sich noch die Töne ihres Tanzes mit denen der profanen Umgebung zu vermischen beginnen, um dann ganz zu entschwinden und wie die Lichter der Milonga kleiner werden und erlöschen.

Und dies alles tun sie in dem Bewußtsein eigener Stärke, eigener Bezwingung, dem unweigerlichen und gewissen Ende durch ein selbstgesetztes Zeichen zuvorgekommen zu sein, in einer Art inneren Befriedigung darüber, Macht freiwillig abgegeben zu haben, sich nicht an den letzten Tango mahnen lassen zu müssen, in dem Stolz darauf, die Sehnsucht nach dem Tango überwunden zu haben wie jemand, der einen wichtigen Entschluß in die Tat umgesetzt hat, bevor ihn die Geschehnisse von außen zu dem Entschluß und der Tat zwingen. Sie möchten selbst festlegen, wann ihr persönlicher "letzter Tango" stattfindet. Sie möchten gern festhalten an einem kleinen Stückchen Selbstbestimmtheit und sie verfügen vielleicht noch nicht über die Souveränität, sich dem Schicksal ganz und gar hinzugeben.

Oder doch über eben jene Stärke, ein Ende finden zu können, bevor das Ende einen selbst findet? Den immerhin lassen diese Menschen den Tango bereits zu einem Zeitpunkt freiwillig los, bevor ihnen das Leben die Tanzschuhe von den Füßen und dem Tanguero die Tanguera aus dem Arm nimmt. Man weiß, wann man genug hat und beendet die persönliche Milonga durch einen selbstgesetzten Schlußakkord, durch einen kleinen bewußt genossenen Höhepunkt.

Der erste Tango einer Milonga ist noch ein Versuchsfeld sowie eine räumliche wie atmosphärische Zone des Eintauchens, der letzte Tango dahingegen ein mit dem Signum des Austritts, des unweigerlichen Endes gekennzeichnetes Fanal. Wie immer die Tanzenden den letzten Tango genießen: Er bleibt ein osmotischer Tanz, selbstsam verquickt mit der Welt der Milonga und dennoch der Profanwelt schon so nah, er bildet die Treppe in die Welt da draußen und zeigt uns, wie sehr wir uns einem Trugbild hingeben konnten, dem wir in der Milonga gehuldigt haben. Dem Trugbild, die Milonga würde Ewigkeiten andauern und die Zeit vergessen machen.

Aber wäre das wirklich wünschenswert? Wie alles im Leben gebiert die Milonga ihre Faszination auch nur daraus, daß sie nicht immer stattfindet, daß wir sie loslassen, wenn es uns am Schönsten dünkt, daß wir die Profanwelt besitzen, die uns fordert und die es uns erst wieder möglich macht, die Milonga interessant zu finden - und ihr das nächste Mal als Eintauchender erneut herausfordernd zu begegnen.

Der Abschied des letzten Tangos schenkt uns die Gewißheit des ersten Tangos der kommenden Milonga, unterbrochen durch unser gewöhnliches Leben, welches nicht weniger Berechtigung und Sinn hat als die Milonga. Nur dadurch wird der letzte Tango zu einem Grenzwächter, der uns aufmerksam durch unser gesamtes Sein begleitet und den Schlagbaum der Milonga hinter uns zufallen läßt. Ob dies unbarmherzig oder freudig geschieht: Alles das liegt nur in unserem Inneren begründet - und ist mit der süßlichen Gewißheit des baldigen Wiedererstehens getränkt. Wie gnädig doch das Leben ist.

Doch auch diese Aussicht sollte uns nicht zum Übermut verleiten. Irgendwann ist die Zeit gekommen, in der wir unseren letzten Tango tanzen, wohl immer unvermutet und allemal ungeplant, bevor wir die Tanzschuhe für immer ausziehen. Das geschieht dann, wenn wir aus der Profanwelt verschwinden und weder zur Milonga noch in unser gewöhnliches Außenleben zurückkehren können, weil wir unseren `letzten Tango´ mit unserem Leben vollziehen und einen vorhersagbaren irdischen Tod erleben.

Darum sollte man jeden Tango als den "letzten Tango" zelebrieren: Mit aller Innigkeit und Dankbarkeit dem Leben gegenüber, in der Gewißheit, daß er der letzte Tango gleich dem Tod ein Grenzgänger ist. Und insgeheim wissen wir allemal: Wir werden immer Grenzgänger bleiben und hierher an diesen Übergang zurückkehren - bei der kommenden Milonga oder vielleicht auch im kommenden Leben.

(Bei dem vorliegenden Auszug handelt es sich um einen Extrakt ohne Fußnoten und Quellennachweise aus dem Werk von Claus Heinrich Bill: El Tango Ríoplatense. Skizzen über die Philosophie eines lateinamerikanischen Gesellschaftstanzes)


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