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Juni / Juli 2005
 
 
Schlussbetrachtung
Die Ausrüstung

Fahrrad:

Das wichtigste Utensil auf einer solchen Reise ist - wie sollte es anders sein - das Fahrrad. Und hier muss Reisetauglichkeit im Vordergrund stehen. Auf Fahrräder bezogen bedeutet das in erster Linie, dass eine ausreichende Stabilität vorherrscht, dass man im weitesten Sinne bequem radeln kann und dass sich viel Gepäck unterbringen lässt. Eine Panne auf einer langen Tour hält nicht nur auf, sondern vergällt einem auch die Laune. Also sollte man beim Radkauf unbedingt auf gute Qualität achten und nicht auf die oft nur oberflächlich aufgemotzten Massenartikel aus den Supermärkten und Raddiscountern reinfallen.

Im Unterschied zum durchschnittlichen Hausgebrauch der meisten Hobby- und Gelegenheitsradler ist das Rad auf einer ausgedehnten Reise enormen Verschleißeinwirkungen ausgesetzt. Nicht nur viel höhere Kilometerleistungen beanspruchen das Material erheblich, sondern vor allem das mitgeschleppte Gepäck sowie auch die stets wechselnde Qualität der Fahrwege. Und selbst dann, wenn man mit Glück keine Panne hat, kann allein die Angst vor dem Speichen- oder Rahmenbruch das Wohlbefinden beeinträchtigen. Daher also: Augen auf beim Fahrradkauf!

Zum Einsatz kamen bei Claudia und mir Reiseräder, die vom Lübecker Hersteller "Räderwerk" nach unserem Wunsch und zu durchaus erschwinglichen Preisen zusammengebaut wurden. Wegen besserer Lauf- und Stabilitätseigenschaften (Speichenbruch!) haben beide Laufräder einen Durchmesser von 26''. RST-Federgabeln dämpfen die vorderseitigen Vibrationen, während die Wirbelsäule durch eine Sattelstütze von Sitting-Bull entlastet wird. Bei mir wurde eine bergtaugliche 27-Gang Shimano Deore Schaltung eingebaut, bei Claudia eine 24-Gang Shimano Alivio. Beide Schaltungen haben ihre Arbeit im Übrigen einwandfrei ausgeführt. Als Low-Rider kamen XXXX von Tubus zum Einsatz, die oberhalb der Federgabel am Lenkerrohr befestigt werden. Dadurch hängen die Packtaschen vibrationsgedämpft, was die Fahreigenschaften verbessert und nebenbei auch den Tascheninhalt schont. Außerdem, und das war der Hauptgrund für diese Wahl, sind sie aus sehr strapazierfähigem Material hergestellt.
Bereift waren die Laufräder mit Big Apple Reifen von Schwalbe. Zugegeben, dabei handelt es sich nicht gerade um Reifen für den dauerhaften Einsatz im Gelände. Auch wenn unsere Routenplanung ausschließlich asphaltierte Wege vorsah, musste dennoch mit mieser Fahrbahnoberfläche gerechnet werden. Und hierfür ist der Big Apple als "City-Reifen" nun nicht vordergründig geschaffen worden. Weil wir aber keine Lust zum Wechseln hatten, nahmen wir für alle Fälle jeweils einen Schwalbe Marathon XR - Faltreifen mit. Der Big Apple hat übrigens alle Strapazen bestens ausgehalten.


Pannen unterwegs:

Keine einzige, nicht mal einen Platten hatten wir. Voraussetzung für diesen stressfreien Umstand war zum einen die o.g. Wahl des Rades und zum anderen seine regelmäßige Pflege und Wartung. Die Kette wurde alle paar Tage mit einem in Ballistol (Waffenöl) getränkten Lappen gereinigt und geölt. Außerdem wurde regelmäßig die Spannung aller Speichen kontrolliert, um einem Bruch vorzubeugen.



"Räderwerk"-Rad vor der Kulisse Stockholms



Packtaschen:

Packtaschen am Rad müssen unbedingt strapazierfähig und noch unbedingter wasserdicht sein. Nicht auszudenken, wenn sensible Dinge wie der Schlafsack oder die Unterwäsche nass würden, zumal mit Regen eigentlich immer zu rechnen ist. Beide Anforderungen erfüllen die Packsäcke des deutschen Herstellers Ortlieb, man kann sie durchaus als amtlichen Standard bezeichnen. Hat man sie per Rollverschluss geschlossen, kommt weder ein Tröpfchen Wasser hinein, noch ein Fitzelchen Luft hinaus. Wegen letzterem sollte man vor dem Zusammenrollen auch immer überschüssige Luft rausdrücken, so dass ihr Volumen nicht unnötig groß ist. Sie lassen sich schnell an- und abmontieren und sind zudem aus äußerst strapazierfähiger LKW-Plane gearbeitet, die so schnell nichts an sich herankommen lässt. Vorne kamen jeweils zwei Front-Roller Classic, hinten zwei Back-Roller Classic zum Einsatz. Zusätzlich benutzen wir noch Ortlieb Rollverschluss-Beutel für Zelt und Schlafsack.



Bepacktes Rad auf dem Senatsplatz in Helsinki



Kleidung:

Es gibt Kataloge voller Fahrradkleidung und ganze Abhandlungen darüber, wie sie beschaffen und aus welchem Material sie sein soll. Ganze Stäbe von Wissenschaftlern, Technikern und Designern arbeiten unermüdlich an den optimalen Kleidungsstücken für Radler. Die Ergebnisse sind zwar oft ganz passabel, haben aber den unschönen Nebeneffekt, dass sie Radler uniformieren. Ich kann mir nicht helfen, aber mir gefällt der sportlich-funktionale Radler-Look nicht besonders. Ich mag keine engen Radlerhosen, in denen sich jeder Pickel am Sack abzeichnet, und ich mag auch keine knallbunten Sportler-Jäckchen, die schwuchtelig im feuchten Gegenwind flattern.

Anstelle von hautengen Radlerhosen verwende ich spezielle Unterhosen (Gonso), die an den neuralgischen Stellen gepolstert sind. Wenn möglich, sollte man sie nach jedem durchfahrenen Tag reinigen, um Infektionen im Schrittbereich vorzubeugen. Das war's dann aber auch schon an besonderer Sportkleidung. Natürlich fährt es sich in Shorts selbst bei kühlem Wetter am besten; wenn's zu kühl wird sind isolierende Beinlinge die Mittel der Wahl.

Bei Regen fällt die Wahl der richtigen Klamotten schon schwieriger aus. Wasserdichte Überhosen sind auf längeren Strecken ungeeignet, weil der eigene Schweiß mindestens ebenso viel Nässe von innen erzeugt, wie von außen draufgeregnet. Zwar gibt es teurere Regenhosen aus atmungsaktivem Material. Nur kann ich mir schwer vorstellen, dass diese in der Lage sind, größere Schweißmengen schnell abzuleiten. Ich machte die besten Erfahrungen, indem einfach ich nichts unternahm und die üblichen Shorts anließ. Schließlich trocknet menschliche Haut immer schneller, als textiles Gewebe. Problematisch wird es, wenn die Temperaturen fallen und man auszukühlen droht. Das ist aber im süd-skandinavischen Sommer kaum der Fall. Für andere Touren und Jahreszeiten muss man dann wohl doch tiefer in den Geldbeutel greifen und atmungsaktive High-Tech Materialien kaufen oder, was besser & billiger ist, auf Beinlinge zurückgreifen.
Für den Oberkörper benutzten wir halbwegs atmungsaktive Regenjacken, die wir mal als Sonderangebot bei Tchibo (glaube ich jedenfalls) gekauft haben. Die waren durchaus brauchbar, einzig ihre Kapuzen waren unter Radfahr-Bedingungen ungeeignet, denn sie wurden vom Fahrtwind immer wieder vom Kopf geblasen. Hier hilft entweder eine Baseball-Mütze, die man unter der fest zusammen gezurrten Kapuze trägt, oder man verzichtet gänzlich auf eine Kopfbedeckung. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass letzteres zumindest um den Sommer herum die beste Lösung ist.

Körperliches:

Bei aller Materialschlacht und technischen Fachsimpelei darf man eines nie vergessen: das mit Abstand allerwichtigste Ausrüstungsstück ist der eigene Körper. Mehrtätgige und -wöchige Radrouren mit vollem Gepäck sind kein Wochenendspaziergang und verlangen nach guter Kondition und Konstitution. Ich habe im Vorfeld viel Ausdauersport betrieben und bin es gewohnt, oft und lange mit dem Rad unterwegs zu sein. So hatte ich unterwegs auf Tour keinerlei Beschwerden, außer vielleicht einigen Druckstellen im Gesäßbereich. Muskelkrämpfen beugte ich mit Magnesiumtabletten vor und natürlich trank ich immer ausreichend. So fielen auch ein, zwei, drei abendliche Weine am nächsten Tag nicht leistungsmindernd auf. Umgekehrt ist es erstaunlich, wie stark ein schwedisches Leichtbier, direkt im Anschluss an eine längere Etappe getrunken, wirkt.
Wichtig ist natürlich auch die richtige Fahrtechnik. Um Knie und Kondition zu schonen, gilt die Devise "Speed Kills". Danach ist es am besten, a) lieber etwas langsamer zu fahren, als man eigentlich könnte, und b) lieber einen Gang niedriger zu wählen, dafür aber die Tittfrequenz entsprechend zu erhöhen.

Sonstige Ausrüstung:

Zum Thema Ausrüstung ist unter Trekking & Bike viel zu lesen, daher beschränke ich mich hier auf eine kurze Aufzählung.
Als Zelt kam das Rejka Zatara zum Einsatz, ein leichtes und absolut witterungsfestes Kuppelzelt. Bequem genächtigt haben wir auf selbstaufblasenden Matten von Therm-a-Rest, wobei Claudia einen SAM Arctic Comfort Schlafsack mit Du Pont Thermolite Plus Füllung (1950g) benutze. Da mir das als zu warm und schwer vorkam, kombinierte ich einen billigen und sehr leichten Sommer-Schlafsack aus dem Supermarkt mit einem sehr leichten, einlagigen Fleece-Schlafsack. Als es in Sävsjö nachts an die 5 Grad kühl wurde, steckte ich beides ineinander und konnte so gut schlafen. Es hätte aber auch nicht mehr viel kälter werden dürfen. Ansonsten diente mir der Fleece-Schlafsack zusammengerollt als Kopfkissen.


 
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