Home > Radreiseberichte > Radreise Skandinavien 2005 >Tag 18
Juni / Juli 2005
 
 
Tag 18: Helsinki, Kyrkslätt - Hanko (101 Km)
Crash-Sightseeing in HelsinkiNachdem gegen Acht Uhr das Wecksignal in unserer Luxus-Couchette ertönt war, schälte ich mich als erster aus der Koje. Langsam wurden auch meine zwei Mitreisenden wach. Marty, der Kanadier, erzählte mir verkatert, dass die Schweden wegen ihrer Alkoholpolitik nicht mehr alle Tassen im Schrank hätten. Bei aller Sympathie für dieses Land konnte ich da nicht so recht widersprechen. Ich zog mich an und ging an Deck, um nach dem Wetter zu sehen. Wie durch die Vorhersage erwartet, blies mir stürmischer und kalter Wind entgegen. Vorn auf Deck konnte man kaum stehen. Der Himmel hing voller dicker Wolken und es hatte geregnet. Schade, dachte ich, das war's erstmal mit dem skandinavischen Hochsommer.

Als die Autodecks freigegeben wurden, ging ich zu meinem Rad und stellte mit Erleichterung fest, dass alles heil und vollständig war. Gespannt wartete ich auf das Öffnen der großen Ladeklappe. Ein paar Minuten später stand ich orientierungslos irgendwo am Hafen von Helsinki und überlegte, was ich nun in der Stadt machen sollte. Ich entschied mich für eine kurze intuitive Sightseeingtour auf dem Rad, fuhr also recht planlos umher. Das mag zwar für einen ambitionierten Reisenden dilettantisch erscheinen, ist aber nicht die schlechteste Methode, wenn es darum geht, den spezifischen Charakter einer fremden Stadt aufzunehmen. Und in dieser Hinsicht schnitt Helsinki einigermaßen gut ab. Keine Frage, an Stockholm reicht die finnische Hauptstadt nicht heran, sie wartet aber mit einer vollkommen anderen Architektur und einem ganz anderen, fast schon osteuropäischen Charakter auf. Dabei kam mir entgegen, dass Helsinkis City nicht besonders groß ist und durchaus viele schöne Seiten hat. Jedenfalls fühlte ich auch im finnischen Nieselregen sehr wohl.

Nach einigen Runden erreichte ich den berühmten Senatsplatz, der vom noch berühmteren Dom gekrönt wird. Das Ende meiner kurzen Stadtbesichtigung markierte der imposante Hauptbahnhof. Weil ich mich nicht durch das Straßengewirr aus der Stadt heraus quälen wollte, fragte ich im Bahnhof nach, ob ich samt Rad per Regionalbahn Helsinki verlassen könnte. Es ging. So wartete ich im Nieselregen auf den nächsten Zug nach Kyrkslätt und stellte dabei fest, dass Helsinki kurz hinter dem Bahnhof schon aufzuhören schien.



Erster Eindruck von Helsinki




Der Marktplatz




Bepacktes Reiserad vor dem Dom




Schöne Gasse (führt direkt auf den Senatsplatz zu)




Standardisierte Einkaufsmeile mit standardisierten Geschäften


Eine unsportliche Abkürzung und ab nach Hanko

Eine Radreise ist eine Radreise ist eine Radreise. Wenn man nicht anders kann, wie etwa bei der Überquerung von größeren Gewässern, soll man gefälligst das Rad benutzen. Der sportliche Gedanke verpflichtet dazu, alle befahrbaren Strecken auf dem Drahtesel zurückzulegen. Er verbietet aber etwa, das arme Rad in einen Zug zu verfrachten und samt Radler befördern zu lassen. Genau das jedoch habe ich getan. Zwar hatte ich mir in Stockholm einen Stadtplan von Helsinki besorgt um den Weg aus der Stadt heraus finden. Doch musste ich bei der Lektüre feststellen, dass mich ein solches Unterfangen viel Zeit und Nerven kosten würde. Helsinki kann am besten auf Autobahnen verlassen werden; wie es mit Fahrradwegen aussieht, steht auf einem anderen Blatt. Und so erinnerte ich mich an den Rat des finnischen Couchette-Genossen aus der Fähre, doch besser den ÖPNV zu benutzen.

Gedacht, getan. Im Hauptbahnhof besorgte ich mir eine Fahrkarte nach Masala, von dem ich annahm, schnell auf den Weg nach Hanko zu kommen. Als ich in den Zug stieg, erwies sich die Enge in den Abteil-Vorräumen als Ärgernis. Nur mit Mühe bekam ich mein Rad überhaupt hinein. Und bei jedem Halt musste ich es mühsam hin und her bugsieren, damit andere Fahrgäste ein- und aussteigen konnten. Meine unsportlichen Ambitionen erreichten einen unrühmlichen Höhepunkt, als ich auf dem Streckennetzplan erkennen konnte, dass mir die Fahrt bis zur Endhaltestelle einen beträchtlichen Teil meines Weges ersparen würde. Als der Schaffner kam, löste ich kurzerhand nach und fuhr so bis nach Kyrkslätt, wo ich schnell den Radweg an der Fernstraße 51 fand.

Meine Route führte zunächst über Inga und Karis nach Ekenäs. Anfangs war das Radeln ein reines Vergnügen. Auf guten Radwegen oder Seitenstreifen konnte ich selbst längere Strecken in recht hohem Tempo fahren (> 30 Km/h). Ab Karis, wo die Fernstraße 52 zu nehmen war, änderte sich das allerdings schlagartig. Der Seitenstreifen schrumpfte auf Minimalgröße, dafür nahm der LKW-Verkehr rapide zu. Vor allem russische Autotransporter brausten ständig an mir vorbei. Ab Ekenäs wurde die Landschaft zunehmend hügeliger und auch eintöniger. Fortan beherrschten langweilige Fichtenwälder das Bild. Vor dem Ortseingang nach Hanko erreichte ich schließlich den Campingplatz Silverstrand, mein Ziel. Weil aber gerade eine Regatta stattfand, musste ich gleich das ganze Wochenende buchen und 30 Euro berappen. Hätte ich nicht am folgenden Tag Claudi erwartet, hätte ich ob dieser Unverschämtheit lieber im Wald gepennt. Davon einmal abgesehen, war der Platz aber schön gelegen und halbwegs gut ausgestattet. Außerdem hatte sich das Wetter entscheidend gebessert.



Der Hauptbahnhof von Helsinki




Bahnhofsvorplatz




Sonnenuntergang in Hanko, aus dem Zelt heraus fotografiert



Wetter: erst regnerisch und nur mäßig warm, dann heiter und wärmer.
Übernachtung: CP "Silverstrand": schön gelegen, leider unverschämt teuer wegen des Regatta-Wochendpackets, das an diesem Tag obligatorisch war.
Gesamtkilometer: 1330,99




 
oben oben