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November 2005
 
 

Kurzbericht: Mit dem Rad von Lübeck bis Nørre Nebel und eine Woche im Ferienhaus in Søndervig



Ein Radreise im Sommer unternehmen kann jeder. Im Herbst, wenn es stürmt, regnet und früh dunkel wird, sieht die Sache ganz anders aus. Es hat sich eingebürgert, dass meine Frau, meine Schwiegereltern und einige Freunde jedes Jahr im November für eine Woche in ein Ferienhaus mit Sauna und Pool nach Dänemark fahren. Ein idealer Anlass, eine kürzere Strecke mal unter Herbstbedingungen mit dem Rad anzureisen. Denn auch wenn's noch so schlimm werden sollte - spätestens nach dreieinhalb Tagen erwarten mich Sauna und Pool.

Tag 1: Lübeck - Nortorf (95 km)

Um 10.30 ging es - wieder mal zu spät - los auf die erste Etappe. Mit vollem Rad musste ganz Lübeck durchquert werden; vorbei an Kohlmarkt, Holstentor und Lindenarcaden radelte ich nach Stockelsdorf und schließlich auf die B206 in Richtung Bad Segeberg, die sich dank eines Mehrzweck-Streifens gut befahren lies. Es war bewölkt und mit etwa 14 Grad nicht allzu kalt. Bad Segeberg zehrt von seinem Kalkberg und den Karl May Spielen, ist aber, die Segeberger mögen es mir nachsehen, potthässlich. Die Stadt wird dominiert vom kühl-funktionalen Bürogebäude der Kreisverwaltung, dem klobigen Möbel Kraft Gewerbekomplex und einem renovierungsbedürftigen Funkturm.
Ich radelte weiter über Heidemühlen und Kleinkummerfeld nach Neumünster, einer weiteren wenig sehenswerten Stadt. Über Wasbek verließ ich den Kleinmoloch und orientierte mich in Richtung Krogaspe, während es merklich dämmerte. Schließlich fuhr ich auf einem guten Radweg an der B205 bis nach Notorf und folgte der Beschilderung zum Campingplatz (CP), der sich in einem entfernterem Stadtteil befand und horrende 9,60 EUR kostete. Dafür gab es saubere Klos und Duschen, aber keine Küche.



Bad Segeberg, Blick auf die Kreisverwaltung




Das umweltfreundliche Fahrzeug




Zelten in Nortorf




Tag 2: Nortorf - Jarplund (bei Flensburg) (88,13 km)

Während es noch nachts geregnet hatte, zeigte sich am Morgen besseres Wetter. Ich packte alles zusammen, zog mich warm an und machte mich auf den Weg. Schon nach wenigen Kilometern zog ich die Jacke aus, weil ich zu stark schwitzte. Hie und da schaute sogar die Sonne aus dem ansonsten eher trüben Himmel. Entlang der B205 radelte ich nach Rendsburg, wo ich den Nord-Ostsee-Kanal in einem Fußgänger- und Fahrradtunnel unterquerte und mich anschließend planlos durch die Straßen arbeitete. Bei Büdelsdorf fand ich nicht nur den richtigen Weg, sondern auch eine Dönerbude, wo ich meine beginnende Unterzuckerung mit einer Riesenportion Fastfood bekämpfte. Man soll eben nicht mit völlig leerem Magen auf Tour gehen.

Auf einem Radweg entlang der B77 fuhr ich weiter bis Schleswig. Vom ehemaligen Wikingerdorf Heithabu war zuerst der Wiking-Turm zu sehen, ein am Schleiufer stehendes Hochhaus, das in meinen Augen architektonisch gut gelungen ist. Schleswig ist eine durchweg sehenswerte Stadt, die in topographischer Hinsicht genauso gut in einem Mittelgebirge liegen könnte. So wunderte ich mich des Öfteren über längere und deutliche Anstiege. Anschließend radelte ich über gut ausgeschilderte Nebenstraßen in Richtung Flensburg, wobei das ausgeprägt hügelige Gelände bis Jarplund bestehen blieb. Der Campingplatz dort liegt direkt an der Hauptstraße, ist mit 5.50 EUR sehr günstig und hat mir auch in Sachen Ausstattung gut gefallen. In einem nahen Laden kaufte ich mir etwas Bier, sank aber nach nur zwei Flaschen müde in den Schlafsack.



Schattenspiele an der B205 in der Nähe von Rendsburg




Der Wiking-Turm in Schleswig




Blick über die Schlei zum Schleswiger Dom




Tag 3: Jarplund - Store Darum (bei Esbjerg, DK) (125,43 km)

Um 7.00 Uhr erwachte ich aus einem tiefen und erholsamen Schlaf. Auch in dieser Nacht hatte es ein paar Mal geregnet, doch der Morgen zeigte sich trotz dicker Wolken trocken. Über Flensburger Vororte ging es zunächst nach Padborg, oder auch Puttburg, wie die dänische Grenzstadt von der deutschen Minderheit der Nord-Schleswiger genannt wird. Padborg lebt stark vom kleinen Grenzverkehr und verfügt über ausgedehnte Industriegebiete, die der ansonsten kleinen Stadt ein eher tristes Ambiente verleihen. Über die Landstraße 8 ging es bis Tinglev und weiter auf der 401 nach Løgumkloster. Hier gab es zwar keinen Radweg, aber das Fahren war dank des dünnen Verkehrs und eines ausreichenden Randstreifens problem- und gefahrlos. An mir vorbei zogen flache und reizarme Agrarlandschaften, wie sie typisch für Jytland sind. Der Wind blies dankbarer Weise aus südlichen Richtungen und hob so mein Durchschnittstempo leicht an. Schließlich radelte ich über die Landstraße 11 nach Ribe, wo es über weite Strecken einen zweispurigen und separaten Radweg gibt.

Ribe gilt als älteste Stadt Dänemarks und kann mit vielen gemütlichen Gassen voller alter Häuser aufwarten. Ich hatte beabsichtigt, den hiesigen Campingplatz aufzusuchen, weil er in meinem Reiseführer als ganzjährig geöffnet angegeben war. Im Touristenbüro erfuhr ich, dass diese Information falsch war. So hatte ich keine andere Wahl, als bis zum nächsten geöffneten Campingplatz weiter zu radeln. Ich verließ Ribe bei merklich einsetzender Dämmerung und machte mich auf den Weg nach Store Darum, einem Dorf etwas südwestlich von Esbjerg. Hierzu radelte ich erst entlang der Landstraße 11/24. Als diese zur Autobahn mutierte und der Radweg in eine sehr ungünstige Richtung weitergeführt wurde, musste ich mich über winzige Nebenwege durch ebenso winzige Döfer in Nordseenähe nach Store Darum quälen. Vor Einbruch der Dunkelheit fand ich das kleine Landdorf und auch den Campingplatz, der diesmal geöffnet hatte. Ich war der der einzige Gast auf dem weiten Gelände und genoß die geruhsame Einsamkeit.



Öde Industriegebiete in Padborg




Leider nicht die Regel: vorbildlicher Radweg and der Landstraße 11




Abendstimmung auf dem leeren Campingplatz




Tag 4: Store Darum - Nørre Nebel (65 km)

Das Wetter hatte sich deutlich verschlechtert. Schon beim Abbau merkte ich, dass ein starker Wind blies und der Himmel voll von bedrohlich dicken Wolken hing. So wurde der Weg nach Esbjerg eine sehr mühsame Angelegenheit, weil der stürmische Wind ausgerechnet von Vorn wehte und mein Durchschnittstempo auf deprimierende Werte unterhalb der 10 Km/h - Marke drückte. Zudem begann es zu regnen und das Radfahren wurde zur Schwerstarbeit. Esbjerg, mit etwa 70.000 Einwohnern fünftgrößte Stadt Dänemarks, zeigte sich in diesem Wetter trist und öde, was besonders auf die Hafengebiete zutraf, die auch bei schönem Wetter wohl keinen besseren Eindruck machen. Ich verließ die Stadt in Richtung Varde, was nicht einfach war, da es keine ausgeschilderten Radwege dorthin gab und die Hauptstraße für Radfahrer gesperrt war. Also quälte ich mich planlos über irgendwelche Radwege, von denen ich annahm, dass sie mich in die richtige Richtung führten. Schließlich fand ich nach Tarp und stieß dort auf den Radweg an der Landstraße 12 nach Varde.

Mittlerweile regnete es in Strömen und ich war naß bis auf die Haut, wobei nicht mehr zu unterscheiden war, was davon nun Regen und was Schweiß war. Bei Varde radelte ich über eine Umgehungstraße auf die Landstr. 181, die mich bis an mein Ziel führen sollte. Leider gab es hier keinen Radweg und auch keinen Randstreifen. Zum Ausgleich war Samstag und die Straße voll von deutschen Touristen, die von ihren Ferienhäusern kamen oder dorthin wollten. Am Fahrbahnrand bildete sich häufig ein Rinnsal von ablaufendem Regenwasser, das mir beim Pedalieren die Füße naßspritzte; zuweilen goß es wie aus Kübeln und ich wusste genau, was die allermeisten der vorbeifahrenden Leute dachten: der Kerl muss bescheuert sein.

Irgendwann erreichte ich Nørre Nebel, wo ich an einem Supermarkt anhielt, um mir etwas Verpflegung zu besorgen. Als ich wieder draußen war, fuhren - oh Zufall - meine Schwiegereltern vorbei und sahen mich naß und gezeichnet am Straßenrand stehen. Sie hielten und wir packten Rad und Gepäck in den Anhänger. Keine Frage, die letzten 40 Kilometer bis Søndervig hätte ich in zwei bis drei Stunden noch gut geschafft. Als ich aber im warmen Auto saß, war ich froh, dass die Quälerei nun ein Ende hatte.




Esbjerg im Herbststurm




Esbjergs Hafengebiet




Wohnsilos am Stadtrand


Noch ein paar Bilder aus Dänemark:


Touristisches Zentrum in Søndervig, einem öden Dorf



Marktplatz von Ringkøping



Mini-Fußgängerzone in Skjern



 
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