Der Wert der weiblichen Arbeitskraft

Frauen haben niedrigere Löhne als Männer. Früher war dies eine ganz offene Angelegenheit. Für genau die gleiche Arbeit gab es einen Frauenlohn und einen Männerlohn. 1914 betrug z. B. der Einstiegslohn für einen männlichen Pfleger im Heim für geistig Behinderte in Dale 600 Kronen im Jahr, während er 350 Kronen für einen weiblichen betrug (Ericsson, 1974).

Jetzt ist diese offene Lohndiskriminierung an vielen Orten nicht mehr vorhanden. Aber der Unterschied zwischen Frauenlohn und Männerlohn ist nicht verschwunden. Denn der Arbeitsmarkt ist geschlechtsspezifisch geteilt. Und die Löhne sind in den frauendominierten Berufen niedriger als in den männerdominierten. So verhält es sich in der ganzen Welt, praktisch gesehen ohne Ausnahme. Eine Untersuchung der ILO9 aus dem Jahre 1982, an der sich 25 Länder beteiligten, zeigte, dass der Stundenlohn von Frauen in der Industrie 3/4 desjenigen der Männer ausmachte. Für die wenigen Entwicklungsländer, die in der Untersuchung berücksichtigt sind, ist das Lohnniveau der Frauen etwas niedriger als in den industrialisierten Ländern. Aber es gibt große Unterschiede von Land zu Land. Das Gemeinsame besteht darin, dass der Frauenlohn überall niedriger liegt als der Männerlohn. Zufolge der ILO liegt dies hauptsächlich an einer Konzentration von Frauen in Berufen mit niedrigerem Lohn und nicht daran, dass Frauen für die gleichen Jobs einen niedrigeren Lohn als Männer bekommen (referiert in: Leger Sivard, 1986).

Warum sind Frauen in Berufen mit niedrigem Lohn konzentriert? John Humphrey (1984, S. 219) weist darauf hin, dass die meisten Erklärungsmodelle davon ausgehen, dass der Arbeitsmarkt aus sich heraus dem Geschlecht keine Bedeutung zukommen lässt. Der Arbeitsmarkt ist vom Ausgangspunkt her geschlechtsneutral. Aber aufgrund der Situation, in der sie sich außerhalb des Arbeitsmarktes befinden, haben Frauen eine Tendenz, in unqualifizierten, wenig Kompetenzen übertragende Jobs mit geringen Aufstiegsmöglichkeiten zu landen. Frauen «wählen» wenig beanspruchende Berufe, die sich mit der Hauptverantwortung für die Familie kombinieren lassen, sie haben eine niedrige Ausbildung und geringe Ambitionen. All dies führt dazu, dass Frauen sich in Niedriglohnberufen anhäufen. Der Unterschied zwischen dem Lohn von Frauen und Männern ist also das Resultat außerhalb liegender Faktoren, die auf die Möglichkeiten der Frauen auf dem Arbeitsmarkt einwirken.

Dies trifft sicherlich weitgehend zu. Aber es ist nicht die ganze Geschichte. Vermutlich auch nicht der wichtigste Teil. Humphrey weist auf Folgendes hin:

«Der Markt taxiert männliche und weibliche Arbeitskraft nicht unabhängig vom Geschlecht. Dieser Punkt wird sehr deutlich in Studien über das Verhältnis von Geschlecht und Qualifikationen. Der Arbeitsmarkt funktioniert nicht lediglich so, dass er Frauen von qualifizierten (gelernten, «skilled») Jobs ausschließt. Es verhält sich auch so, dass Jobs abgewertet («downgraded») werden, wenn sie von Frauen ausgeführt werden. Wie Phillips und Taylor es ausdrücken: «Es ist das Geschlecht des Arbeiters, eher als der Inhalt der Arbeit, das entscheidet, ob Arbeit als qualifiziert oder nicht qualifiziert bewertet wird («skilled or unskilled»).»

Dies beinhaltet, dass es einen Unterschied im selbigen Wert der weiblichen und männlichen Arbeitskraft gibt. Es ist nicht lediglich so, dass Frauen aufgrund eines systematischen Zusammentreffens verschiedener unglücklicher Umstände in den am schlechtesten bezahlten Jobs landen, selbst wenn es sich auch derart verhält. Das Kapital kann weibliche Arbeiter billiger einkaufen als männliche, ganz einfach weil sie Frauen sind. Dies ist eine wichtige Schlussfolgerung, weil es Vorstellungen den Boden entzieht, wonach das Hauptproblem von Arbeiterinnen darin besteht, dass sie «so vieles akzeptieren», «sich mit dem abfinden, was angeboten wird» usw. Das Hauptproblem besteht darin, dass sich Frauen ganz andere Verhältnisse darbieten als Männern - weil sie Frauen sind. Der niedrige Frauenlohn ist nicht vorrangig ein Resultat der mangelnden Effektivität von Frauen im gewerkschaftlichen Kampf. Dass der Wert der weiblichen Arbeitskraft niedriger liegt als derjenige der männlichen, ist eine Seite des Geschlechtersystems der Gesellschaft. In der heutigen Zeit wird dies dadurch verhüllt, dass Frauen und Männer nicht genau die gleiche Arbeit ausführen, und dass die von Männern ausgeführte Arbeit als «qualifizierter» gewertet wird, wie Humphrey es beschreibt. Dies geschieht nicht lediglich in der Industrie. In ihrer Studie über Frauen in Einzelhandelsgeschäften referieren Foged und Markussen eine relativ typische Episode, erzählt von einer der Frauen, die sie interviewt haben (1964, S. 130):

««Da wurde ich wirklich böse. Er war gerade fertig ausgebildet und wurde hier eingestellt. So bekam ich zu sehen, was er an Lohn bekommt, und er bekam 400 Kronen mehr als ich, die hier so viele Jahre gewesen war. Ich wurde ziemlich sauer. Ich ging zum Chef und sagte, dass dies, nach meiner Meinung, eine Sauerei war. Warum zum Teufel soll er mehr im Lohn haben als ich? Das gibt es doch nirgendwo. Ja aber so sollte er die anderen (an)treiben und ablösen. Nun ja, aber ich soll die Fensterauslagen (be)treiben und ordnen, sagte ich daraufhin. Meine Arbeit ist weiß Gott gleich viel wert wie seine.»
Trotz gleicher Ausbildung führen Männer und Frauen selten genau das Gleiche aus. Die Entscheidung ob das Ablösen oder das Schmücken von Fenstern am meisten Wert ist, hängt in hohem Grade davon ab, welches Geschlecht diese Arbeit ausführt. Männer erhalten Kraft ihres Geschlechtes höheren Lohn.»

Wo kann dies herrühren? Wie bekannt meinte Marx, dass der Wert einer Ware bestimmt wird durch die Menge an Arbeit, die notwendig war, um die Ware zu produzieren. Ein Auto ist wertvoller als eine Nähnadel, weil im Auto mehr Arbeit niedergelegt ist als in der Nähnadel. Unter dem Kapitalismus ist auch die Arbeitskraft eine Ware, die der Arbeiter an den Kapitalisten verkauft. Der Arbeiter bekommt also nicht für die Arbeit bezahlt, die er ausführt. Er oder sie bekommt das bezahlt, was die Ware Arbeitskraft wert ist. Wenn er oder sie ihre Arbeitskraft verkauft hat, ist es dem Kapitalisten gestattet, diese den ganzen Arbeitstag zu gebrauchen und so viel Arbeit aus ihr herauszupressen, wie er in der Zeit nur schaffen kann, in der er die Arbeitskraft des Arbeiters zur Verfügung hat.

Aber wie kann man den Wert der Ware Arbeitskraft festsetzen? Auf die gleiche Weise, wie man den Wert anderer Waren festsetzt, meinte Marx: Der Wert der Ware Arbeitskraft wird bestimmt durch die Menge an Arbeit, die notwendig ist, um sie zu produzieren.

Soweit es die Ware Arbeitskraft angeht, bedeutet dies, dass der Wert der Arbeitskraft der Menge an Arbeit entspricht, die notwendig ist, um die Lebensnotwendigkeiten zu produzieren, die der Arbeiter zum Leben und zum arbeitsfähigen Antritt auf seinem Job Tag für Tag braucht (plus Versorgung einer eventuellen Familie).

Aber dies ist nicht ganz unkompliziert. Eine der Komplikationen besteht darin, dass der Wert der Arbeitskraft nicht nur vom physischen Minimum her bestimmt wird, was zum Überleben und zum Produzieren einer ausreichenden Energie, um arbeiten zu können (und sich zu vermehren) erforderlich ist. Der Wert der Arbeitskraft besitzt auch ein «historisches und moralisches» Element, sagt Marx. Das bedeutet, dass es einen historisch bestimmten Standard für etwas gibt, was «Grundversorgungmittel» sind. Dieses historische und moralische Element sieht im heutigen Norwegen anders aus als vor 100 Jahren, und es sieht im heutigen Norwegen anders aus als im heutigen Bangladesch.

Die Ursache des Unterschieds beim Wert der Arbeitskraft von Frauen und Männern muss in diesem «historischen und moralischen» Element gesucht werden. Marginale Unterschiede im physiologischen Bedarf von Frauen und Männern können kaum die Erklärung sein.

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Anmerkungen

(9) ILO = International Labour Organization; Sonderorganisation der Vereinten Nationen, die sich mit den Arbeits- und Lebensbedingungen von abhängig Beschäftigten befasst.