Eine menschliche Identität

Was ist der Ausweg? Ich denke, der Weg muss von «Weiblichkeit» und «Männlichkeit» zu einer menschlichen Identität hin gehen. Wo bleibt da «der kleine Unterschied», auf den wir anzustoßen aufgefordert werden, die Spannung, der Flirt? Zum Ersten bin ich weitgehend mit Liljestrøm einig, wenn sie sagt (S. 129):

«Die laut besungene «Spannung zwischen den Geschlechtern» ist nicht mit Erotik geladen. Nein, die Luft zwischen Frauen und Männern ist von Furcht verdichtet. Eine Furcht, die in mangelnder Gleichwertigkeit wurzelt.»

Zum anderen haben wir lesbische und homophile Liebe. Die haben nicht «den kleinen Unterschied» um sich darauf stützen zu können, und auch nicht die Aufwertung, Bejubelung und romantischen Mythen der Gesellschaft. Dennoch blühen sie (und verblühen). Zum Dritten gibt es andere spannende Unterschiede zwischen Leuten als diejenigen, die mit dem sozialen Geschlecht verwurzelt sind. Wir sind nicht gleich, und wir werden es auch in einer neuen Gesellschaft einfach nicht sein. Befreit von der Zwangsjacke der stereotypen sozialen Kategorien bekommen wir mehr Raum, um uns als Individuen zu entfalten, und um uns gegenseitig als Individuen zu begegnen.

Gleichwohl kann es gut geschehen, dass es einen «kleinen Unterschied» geben wird, sogar einen, für den es Grund geben kann, auf ihn anzustoßen. Aber die Kluft, und die Deformierung von sowohl Frauen als auch Männern, die das Geschlechtersystem des Kapitalismus erschafft, muss überschritten werden.

Was werden die Konsequenzen sein? Worauf soll der Mann seine Identität bauen, wenn er sie nicht länger auf Macht über Frauen bauen kann? Dies ist das schmerzhafte Dilemma für Männer, die vor die Forderung nach einer Änderung der Rolle des Mannes gestellt werden. Das wird empfunden als ob sie dazu gezwungen werden, sich zwischen den Wahlmöglichkeiten, ein Unterdrücker oder eine Null zu sein, zu entscheiden

Aber, wie u.a. Morten Conradi (1986) darauf hinweist, hat die Identität von Männern mehrere Quellen. Eine von ihnen ist das Meistern. «Das einzige, was ich an mir selbst mag, ist, dass ich Gitarre spielen kann», sagte ein junger Junge, der es nicht so leicht hier in der Welt hatte (Ericsson, Lundby und Rudberg, 1985). Die meisten Männer haben mehrere Fertigkeiten und Aktivitäten, die sie nutzen können. Männer holen viel von ihrer positiven Identität aus dem, was sie können. Die Grundlage einer solchen Identität wird in einer Gesellschaft, wo die Möglichkeiten für eine allseitige Entwicklung von Fähigkeiten und Veranlagungen größer sind als jetzt, und wo der Abbau der Konkurrenz- und Prestigeseite die Angst vor Niederlagen weniger hemmend macht, eher gestärkt als geschwächt werden.

Ich habe zuvor gesagt, dass die Stärke von Männern auf Kosten von Frauen erkauft wird: damit Männer ihre starken Seiten entfalten können, müssen Frauen als Krücken und Aufwärmestuben fungieren. Eine solche parasitäre Stärke ist selbstverständlich unvereinbar mit einem gleichberechtigten Verhältnis zwischen den Geschlechtern.

Der größte Teil der praktischen Seite der «Bodenpersonalfunktion» von Frauen wird überflüssig werden, wenn die Hausarbeit gesellschaftlich organisiert wird. Aber was ist mit der Seite der Fürsorge, der psychologisch stützenden? Ich habe zuvor darüber geschrieben, wie der Übergang von einer Gesellschaft, die von «Handlung aus Berechnung» dominiert wird, zu einer Gesellschaft, die von «Handlung als Entfaltung» dominiert wird, auch das Verhältnis zwischen den Menschen beeinflussen wird. Nähe, Fürsorge und Freude über das Zusammensein selbst, wird eine wichtige Komponente in viel mehr Beziehungen sein als heute. Das Bedürfnis nach «seiner eigenen Aufwärmstube» wird abnehmen, wenn die Gesellschaft als Ganzes weniger kalt ist. Fürsorge wird von einer weiblichen Spezialfunktion dazu übergehen, eine Seite des menschlichen Zusammenspiels in den allermeisten Zusammenhängen zu werden.

Aber ich glaube, dass auch Frauen für mehr Gleichberechtigung im gefühlsmäßigen Zusammenspiel kämpfen müssen, damit auch der Mann mehr ihrer Fertigkeiten des Zusammenspiels bei sich entwickeln kann. In diesem Falle wird das eine neue Quelle positiver Identität des Mannes, etwas das viele Männer heute vermissen (lassen).

Frauen holen viel von ihrer positiven Identität gerade aus ihrer «Relationsorientierung». In einer Gesellschaft mit weniger scharfen Grenzen zwischen «instrumentellen» und «expressiven» Beziehungen zwischen den Menschen, wird «die weibliche Art» in viel mehr Zusammenhängen als jetzt gültig und geschätzt werden. Es wird einen anderen Typ von Gegenseitigkeit geben, Frauen werden gefühlsmäßig nicht ausgehöhlt und ausgesaugt werden, wie es heute geschieht. Außerdem werden Frauen viel größere Möglichkeiten zum Handeln, zum Entwickeln ihrer Fähigkeiten und Fertigkeiten, zur Beteiligung an unterschiedlichen Typen von Tätigkeiten bekommen, die die Grundlage für die Ausformung eines positiven Selbstbildes geben, weil man es kann. Der Abbau der ökonomischen Aufgaben der Familie, und der Grenze zwischen «öffentlich» und «privat» wird bedeuten, dass die jetzige Beschränktheit und Einrichtung auf die Allernächsten zum Vorteil für Umsicht und Interesse für die ganze Gesellschaft verschwinden wird.

Ich glaube an eine menschliche Identität. Eine Identität, die der Liebe bessere Bedingungen geben wird, sowohl der Liebe zwischen Frau und Mann, als auch zwischen Frau und Frau, zwischen Mann und Mann, zwischen Kindern und Erwachsenen. Die Liebe zwischen Mann und Frau wird nicht länger unlösbar mit Machtkampf verwickelt sein, und wird sich nicht auf einen psychologischen Abgrund mangelnden Verstehens und mangelnder Kommunikation ausdehnen müssen. Und Liebe zwischen zweien gleichen Geschlechts wird befreit vom Stempel der Minderwertigkeit, Verachtung und Verfolgung sein.

Eine rosarote Utopie? Ja, vielleicht. Und ganz sicher viel Leid, Verzweiflung und Raserei unterwegs. Aber in jedem Fall eine positive Möglichkeit. Weil wir wissen, dass sowohl die Gesellschaft als auch die Natur des Menschen verändert werden kann. Wir wissen einiges darüber, welche Bedingungen welche Art von menschlichen Eigenschaften erzeugen. Der Traum, und nach und nach die Wissenschaft, von einer neuen Gesellschaft erwuchs aus den Erfahrungen mit, und Analysen der Widersprüche in der jetzigen Gesellschaft. Warum sollten wir die Erfahrungen und die Analysen der Widersprüche im heutigen Menschen nicht dazu nutzen, um Träume, und nach und nach die Wissenschaft vom neuen Menschen zu erschaffen? Auch der Kampf zur Veränderung der Herzen der Menschen wird leichter, wenn wir wissen, wohin wir wollen.