Streik in den Zinnbergwerken in Bolivien. Die Fronten stehen sich unerbittlich gegenüber, weder Betriebsleitung noch die Arbeiter wollen nachgeben. Für die Betriebsleitung beginnt es prekär zu werden. Sie sitzt drinnen auf einem großen Lagerbestand von Mineralien fest, auf die die Kunden warten. Wenn sie 20 Lastwagenladungen raus bekommen, ist viel gewonnen. Da entscheidet sich das Hausfrauenkomitee, die Frauen der Grubenarbeiter, die sich organisiert haben um sich am Kampf beteiligen zu können, auf seine Weise: «Diese Lastwagen müssen wir stoppen!» Ihre Sprecherin Domitila erzählt, wie sie es gemacht haben:
«Um neun Uhr am folgenden Morgen ging eine Gruppe Frauen dorthin, wo die Lastwagen standen. Einige hatten sich gerade in Bewegung gesetzt, und die Fahrer erweckten den Eindruck als kümmerten sie sich nicht um uns. Aber wir sind immer ziemlich selbstbewusst gewesen - sagen die jedenfalls - so hatten wir einige Dynamitstangen mitgenommen. Wir setzten uns in einen der Lastwagen und sagten zum Fahrer: «Wenn du fährst, werden wir diese Dynamitstangen anzünden, und alles wird explodieren.» «Nein, nein, ich werde den Wagen verlassen,» sagte er und sah zu, dass er raus kam, schneller als geschwind. Wir schafften es, den Lastwagen daran zu hindern, das Gelände zu verlassen, und organisierten uns schichtweise. Drei der Genossinnen passten von sieben Uhr morgens bis drei Uhr nachmittags auf die Lastwagen auf, während andere Frauen Essen für sie zubereiteten und die Kinder versorgten. Dann, um drei Uhr, gingen diese Frauen zum Aufpassen zu den Lastwagen bis elf Uhr abends, während die anderen Essen zubereiteten und die Kinder passten. Eine neue Schicht ging von elf Uhr abends bis sieben Uhr am Morgen, während andere sich um deren Familien kümmerten.»
Diese Geschichte erzählt eine ganze Menge. Sie zeigt, dass Frauen sich aktiv am Kampf der unterdrückten Klassen beteiligen. Wenn Frauen sich organisieren, ist dies wörtlich genommen Dynamit! Jedoch mitten im härtesten Kampf tragen sie die spezielle Frauenrolle mit sich herum: Sie müssen nicht lediglich die Streikposten selbst organisieren, sondern auch das Kinderpassen und die Essenszubereitung füreinander.
Auf der ganzen Welt kämpfen Frauen. Sie führen einen doppelten Kampf: als Teil der unterdrückten Klassen, und als unterdrücktes Geschlecht. Die Frauenbewegung ist kein «weißes», westliches Phänomen. Der erste «moderne» 8. März-Aufzug in Oslo fand im gleichen Jahr statt, wie der erste «moderne» 8. März-Aufzug in Manila auf den Phillippinen (1971). Die Verhältnisse der Frauen in dem kleinen, reichen kapitalistischen Land Norwegen waren sehr verschieden von den Verhältnissen der Frauen in den halbfeudalen Phillippinen, verarmt und unterdrückt vom amerikanischen Imperialismus und von einer gierigen und despotischen einheimischen Oberklasse. Etwas band uns dennoch zusammen und brachte uns dazu, mit Plakaten und Sprechchören auf die Straßen zu gehen - gleichzeitig. Dieses «etwas» - ein erwachendes Frauenbewusstsein - ist seitdem in seiner Stärke angewachsen. Wenn Textilarbeiterinnen in Südkorea für bessere Arbeitsbedingungen streiken, und für die Erlangung der Macht über ihre eigene Gewerkschaft kämpfen, da begegnet ihnen auch die Frauenverachtung auf Seiten ihrer Widersacher und der Zweifel bei ihnen selbst: Schaffen wir das, wir, die wir Frauen sind? Der Frauenkampf wird ein notwendiger Teil des Streikkampfes. Wenn englische Bergarbeiterfrauen sich organisieren, um Arbeitsplätze und die örtliche Gemeinschaft zu verteidigen, entdecken sie, dass auch etwas mit ihnen selbst geschieht - als Frauen: Sie kommen stolzer, stärker und selbstbewusster aus dem Kampf heraus, und es gibt vieles, mit dem sie nicht mehr bereit sind, sich abzufinden. Mit Niedriglohn abgespeisten Frauen in Norwegen, die für einen Lohn streiken, von dem es möglich ist zu Leben, ist die anwachsende Wut darüber vertraut, dass Frauen als Geschlecht geringer geschätzt werden als Männer. Und sie fragen sich warum, und mit welchem Recht. In Nicaragua, wo Landarbeiterinnen vor der Revolution nicht ihren eigenen Lohn ausbezahlt bekamen (den bekam der Mann), fordern sie jetzt ihre eigene Machete, samt Kindergärten und Kantinen. Und die Frauen in Eritrea, die einen bewaffneten Kampf für nationale und soziale Befreiung führten, kämpfen auch dafür, als freie Frauen in einem freien Land zu leben.
Der Frauenkampf ist eine große, weltumspannende Bewegung. Er hat tausend verschiedene Ausdrucksformen, und dennoch findet sich etwas Gemeinsames. Diese Bewegung fordert herrschende Machtverhältnisse heraus, soziale Strukturen, Gedanken und Gefühle. Sie schafft Unruhe und kündet von großen Veränderungen. Die Frauenbewegung ist ein Aufbruch von der alten Welt.
Noch nie hat die Welt es so dringend benötigt, verändert zu werden wie jetzt. «Kann sein, dass es gilt unsere Erde zu retten» schrieb Rudolf Nilsen7 vor vielen Jahren. Jetzt können wir «Kann sein» auslassen. Die Erde muss vor einem System gerettet werden, das Krieg und Hungerkatastrophen hervorbringt, das Wald, Wasser und Luft vergiftet, das die Mehrzahl der Menschen zu überflüssigen Kostenstellen macht.
«Die besten unter euch sind aufgerufen», schrieb Rudolf Nilsen weiter. Heute bedeutet das, dass die gewöhnlichen8 Frauen in der ganzen Welt aufgerufen sind. Ohne sie gibt es keine Hoffnung. Die Mehrzahl der Frauen hat doppelten Grund, für die Erschaffung einer neuen Welt zu streiten: Sie werden unterdrückt und ausgebeutet als arbeitende Menschen. Und sie werden als Geschlecht unterdrückt. Wie Domitila und ihre Genossinnen müssen sie zusammen mit den Männern gegen die Führung in der Bergwerksgesellschaft und deren Hilfskräfte in der Regierung kämpfen. Aber sie müssen auch gegen die ihnen auferlegte doppelte Arbeitsbelastung kämpfen, und gegen die Frauenunterdrückung und Frauenverachtung, die die Gesellschaft durchdringt. Die Frauen befinden sich ganz unten. Die ganze Welt muss vom Untersten zuoberst gekehrt werden! Das kann nicht geschehen, ohne dass diejenigen, die ganz unten sind, sich erheben.
Dieses Buch versucht dafür zu argumentieren, dass das ökonomische System, das heute in der Welt dominiert, nämlich der Kapitalismus und der Imperialismus, ein Unglück für die Frauen ist. Es saugt Arbeit und Lebenskraft aus ihnen heraus, es bindet sie in einer machtlosen Position fest, und es verkrüppelt sie als Menschen. Es versucht weiter dafür zu argumentieren, dass der Frauenkampf eine gewaltige Kraft im Kampf zum Sturz des gegenwärtigen Systems und für die Erschaffung von etwas Neuem und Besseren ist. Dies zu verstehen, ist wichtig für alle, sowohl Frauen als auch Männer, die wünschen, «unsere Erde zu retten». Es ist wichtig zu wissen, dass wir kämpfen müssen, und es ist wichtig zu wissen, wie. Wir benötigen eine Strategie. Dieses Buch versucht auch dazu etwas zu sagen.
Ich selbst habe meinen Platz in der klassischen marxistischen und kommunistischen Tradition. Da gibt es sowohl Gutes als auch Schlechtes, das Verhältnis zum Frauenkampf und zur Frauenbefreiung betreffend. Dieses Buch ist auch als ein Beitrag zur Entwicklung und Veränderung der traditionellen kommunistischen Haltung zum Frauenkampf zu verstehen.
Der Kampf für die Frauenbefreiung ist so umfassend, dass er einem den Atem verschlagen kann. Es gibt kaum eine Frage, die geschlechtsneutral ist. Die Frauenunterdrückung ist in die ökonomische Basis des Kapitalismus eingewebt, in das System der Machtausübung der Bourgeoisie und in die intimsten zwischenmenschlichen Verhältnisse. Der Frauenkampf kann daher nicht eine abgegrenzte «Teilbereichsfrage» sein. Wir müssen die Frauen bei allen Analysen der Gesellschaft berücksichtigen und beteiligen, und bei allen Versuchen die Gesellschaft zu verändern.
Dieses Buch ist nicht entstanden auf der Grundlage eingehender theoretischer Studien und beansprucht auch nicht, eine ganzheitliche Theorie über Frauenunterdrückung unter dem Kapitalismus zu geben. Die Fragen, die aufgegriffen und zu beantworten versucht werden, sind zuallererst solche, die sich in dem praktischen Kampf aufgeworfen haben, in dem ich und viele andere sich erhoben haben. Der praktische Kampf erzeugt Widersprüche und Probleme, bei denen es wichtig ist zu versuchen Klarheit reinzubringen, um weiterzukommen. Das Buch ist daher zu verstehen als ein Beitrag in einer Debatte und in einem stattfindenden Prozess mit praktischem Kampf und der Zusammenfassung von Erfahrungen.
Dennoch hoffe ich, meine Argumente mit einer gewissen Wissenschaft belegt zu haben. Aber dieses Buch ist gleich viel ein Resultat von Leidenschaft: von meinem eigenen Leben als unterdrückte Frau, und der Wut und der Sehnsucht nach Veränderung, die diese Erfahrungen erzeugt haben.
Das Buch habe ich wie folgt aufgebaut: Der erste Teil (die ersten fünf Kapitel) handelt davon, wie die Frauenunterdrückung in das ökonomische System und die Machtstruktur des Kapitalismus eingewebt ist: Wie der Kapitalismus «das Weibliche» an der weiblichen Arbeitskraft ausnutzt, um sich Extraprofit in der Produktion zu verschaffen. Wie der Kapitalismus sich die unbezahlte Hausarbeit der Frauen zu Nutze macht, um seine eigenen Kosten niedrig zu halten. Wie die Bourgeoisie sicherer die Zügel in der Hand behält, wenn gewöhnliche Männer Macht über Frauen bekommen. Wie die Familie als eine Institution fungiert, wo die Fäden zusammenlaufen, die die Frauen in eine unterdrückte Position binden. Wie der Imperialismus an der Mühe und Not der Bäuerinnen in der 3. Welt verdient.
Der zweite Teil (die drei nächsten Kapitel) befasst sich damit, wie wir kämpfen müssen, hier und jetzt. Mit dem Verhältnis zwischen Klassenkampf und Frauenkampf. Wie wir uns davor hüten müssen, dass die Frauenbewegung selbst frauenunterdrückend wird, indem sie Frauen unsichtbar macht, die nicht weiß sind, nicht der Majoritätsnation angehören, nicht heterophil sind, nicht verheiratet sind oder nicht mit Mann und Kindern zusammenwohnen. Wie wir uns organisieren müssen, um heute den Tageskampf zu führen und den morgigen Tag zu gewinnen.
Der dritte Teil (die beiden letzten Kapitel) handelt davon, was unter dem Sozialismus gemacht werden muss. Wenn der Kapitalismus gestürzt ist, beginnt die nächste Etappe im Kampf für die Frauenbefreiung. Auch für diese Etappe bedarf es einer bewussten Strategie. Der Versuch, diese jetzt auszugestalten, muss selbstverständlich weithin ein Schreibtischprodukt bleiben. Aber einige Problemstellungen können aufgeworfen werden, und das habe ich versucht zu tun. Es wird ein Kampf mit vielen Frontabschnitten werden. Wir müssen die Ökonomie verändern, wir müssen die Organisierung der Gesellschaft verändern. Und zuletzt, aber nicht am geringsten: Wir müssen die Herzen der Menschen verändern.
Frauen benötigen eine zielbewusste Wut. Und die Erde braucht die zielbewusste Wut der Frauen. Ich hoffe, dass dieses Buch dazu beitragen kann, sowohl etwas mehr Wut als auch etwas mehr Zielbewusstsein zu erschaffen.