«... den Männern etwas vom Herzen abzulesen ...»

«Also muss die Frau von Grund auf den Geist des Mannes studieren, nicht durch das Abstrahieren des Geistes des Männergeschlechts in seiner Allgemeinheit, nein, sondern durch das Abstrahieren des Geistes der Männer, mit denen sie zusammenlebt, indem sie den Männern, denen sie entweder Kraft Gesetzes oder der Einsicht untergeben ist, etwas vom Herzen abliest. Sie muss lernen, deren Gefühle aus deren Worten, deren Handlungen, deren Blicken und deren Mimik auszuforschen,»

schreibt Rousseau über die Erziehung der schwachen Sophie. Erneut erweist er sich als ein Pionier der Geschlechterrollen und formuliert zutreffend das, was die moderne Geschlechterrollenforschung als «Relationsorientierung» der Frau bezeichnet hat. Frauen sind mit nahen, persönlichen Beziehungen befasst, mit Relationen zu konkreten anderen in ihrer nächsten Umgebung, sie kann sich in die Situation und Gefühle anderer hineinversetzen und auf ihre gefühlsmäßigen Bedürfnisse antworten. Dies kommt auf vielfache Weise zum Ausdruck. Wie ich bereits referiert habe, zeigt die Forschung rund ums Verhalten von Männern und Frauen in Gesprächsgruppen, wo beide Geschlechter teilnehmen, dass Frauen - im Zusammenspiel - mit der «Dimension des Zusammenseins und der Nähe» befasst sind. Untersuchungen der Moralauffassung von Frauen und Männern zeigen auch, dass Frauen meist die Konsequenzen abwägen, die eine Handlung für konkrete andere Menschen und für die Beziehung zwischen Leuten bekommt, während Männer mehr Gewicht auf abstrakte Prinzipien über Richtiges und Falsches legen (s. Gilligan, 1982). Frauen entwickeln andere Fertigkeiten des Zusammenspiels als Männer, und die Vorstellung über «weibliche Intuition» hat wohl einen näheren Zusammenhang mit der «Relationsorientierung» von Frauen.

Männer sind mehr darauf eingestellt, sachliche Ziele zu erreichen als persönliche Relationen einzugehen, um es etwas vereinfacht auszudrücken. Wenn Männer in Gesprächsgruppen am stärksten mit der «Macht- und Dominanz»-dimension befasst sind, braucht dies nicht nur mit Agression und «Revierverhalten» etwas zu tun haben. Macht anzustreben, ist oft ein notwendiger Teil davon, ein sachliches Ziel zu erreichen.

Rousseaus Empfehlung, die Mädchen zu einer «Relationsorientierung» zu erziehen, war ein Teil eines ganzheitlichen Erziehungssystems mit dem Ziel, unterdrückte Frauen zu erschaffen. Und es ist klar, dass die Relationsorientierung Frauen auf diese Weise verletzbar macht. Es ist nicht lediglich für den Mann gut, jemanden zu haben, die «ihm etwas vom Herzen ablesen» kann. Die Ausrichtung von Frauen auf konkrete andere, und darauf zu verstehen, macht es auch schwierig, Widerstand gegen Unterdrückung auszuüben. Kategorien wie «richtig und falsch», «Gerechtigkeit» und «Rechte», lösen sich auf in «Beziehung», «Zusammenspiel» und «Gefühle». Und der Mann als Individuum wird viel lebendiger als Männer als Unterdrücker.

Liljestrøm (1981) meint außerdem, dass der untergeordnete Teil in ungleichwertigen Beziehungen, ob es nun die Liebe, die Ehe oder andere Dinge betrifft, ein überlegenes Wissen über Gefühle entwickelt, um den Partner steuern und sich selbst beherrschen zu können. Die weibliche Intuition steht für einen Typ von Einsicht, den die Unterprivilegierten entwicklen.

Frauen empfinden ihre «Relationsorientierung» indessen nicht lediglich als Schwäche und Resultat von Unterdrückung. Die «Relationsorientierung» ist für Frauen auch ein wichtiger Teil ihrer positiven Identität, etwas, das die Stärke von Frauen ausmacht. So sehe ich das auch. Das Bedürfnis Erwachsener und Kinder nach Fürsorge, zu deren Wahrnehmung Frauen in unserer Gesellschaft angesetzt sind, ist ein wirkliches Bedürfnis, das, so wie wir jetzt leben, auch lediglich notdürftig abgedeckt wird. Die Eigenschaften, die Frauen prägen, sind wertvolle Eigenschaften, eine spezielle Form der Intelligenz, die in dem Typ von Aufgaben entwickelt wird, die die Frauen lösen sollen. Gleichzeitig ist es wichtig, die Beschränktheit zu überwinden, die heute die Relationsorientierung von Frauen prägt, und die ihrem Platz in der privaten Sphäre geschuldet ist: Das Einfühlungsvermögen und die Empfindsamkeit ist gegenüber anderen außerhalb der eigenen Stubenwände gewöhnlicherweise nicht gleich groß ausgeprägt. Und das Unprinzipielle, das der Moralauffassung und Denkweise von Frauen anhaftet, macht es sowohl schwierig, das eigene Recht herauszustellen als auch das Recht anderer zu verteidigen.

Über die Moralauffassung und Orientierung des Mannes schreiben Ericsson, Lundby und Rudberg (1985b, S. 85):

«Traditionell ist es so aufgefasst worden, dass es die Frau ist, der etwas fehlt: Das unbestechliche Empfinden für Gerechtigkeit und die Fähigkeit, «die generalisierte Rolle des Anderen» einzunehmen. Wir haben darauf hingewiesen, dass dem Mann auch etwas fehlt: die gefühlsmäßigen Antennen, die Fähigkeit, sich in bestimmte Bedürfnisse anderer hineinzuleben. Nach unserer Auffassung kann die Mannsorientierung gleich oft von dem Egozentrischen geprägt sein - einer Auffassung von eigener Perspektive, Standpunkt und Forderung als selbstverständlich richtig - wie vom Prinzipiellen. Oft kann es eine merkwürdige Vermengung beider Teile sein, die Männer in Stand setzt, ihr Leben dem Kampf für Gerechtigkeit und Befreiung zu weihen, während sie mit der größten Selbstverständlichkeit die Gefühle ihrer Nächsten verletzen.»

Gleich oft dreht es sich vielleicht darum, dass der Weg von «meinem Standpunkt» zum «unangreifbaren Prinzip» sehr kurz ist. Der Mann ist nicht lediglich dazu im Stande, die Rolle «des generalisierten Anderen» einzunehmen. Er ist auch dazu im Stande, seine Perspektive zum allgemeingültigen und generalisierten Aussichtspunkt zu machen.

Dass die Gesellschaft auf diese Weise «Fürsorge» und «Rücksicht» in einem Typ Mensch platziert hat, und «Handlung» und «Recht» in einem anderen Typen, ist schlimm, sowohl für die Interaktion zwischen den beiden Typen als auch für die Möglichkeit der Gesellschaft, als eine menschenwürdige, effektive und vernünftige Organisation zu fungieren. Es ist selbstverständlich nicht die Psychologie der Menschen, die die Triebfeder einer Gesellschaft ist. Aber Seiten der Psychologie der Menschen fungieren vielleicht als eine extra Absicherung gegenüber positiven Veränderungen im Kapitalismus?

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