Männer haben ihre Welt in der «öffentlichen Spähre», der Platz von Frauen ist in der «Privatsphäre». Die scharfe Grenze zwischen öffentlich und privat, die die kapitalistische Produktionsweise erschaffen hat, hat auch die Kluft zwischen Frauen und Männern vertieft. Die Familie als Produktionseinheit wurde untergraben. Hagemann zufolge war die verbreitetste Frauenarbeit in der ersten Phase der industriellen Revolution nicht die Fabrikarbeit (1982, S. 28):
«Die Frauenarbeit hingegen war innerhalb der Landwirtschaft, Hausarbeit, Heimindustrie und des Kleinhandels konzentriert, sie setzte sich also im Großen und Ganzen als in der Familie organisierte Arbeit fort - Arbeit im eigenen oder einem anderen Zuhause. Für die Mehrzahl der unverheirateten Frauen war es die wahrscheinlichste Berufsalternative Dienstmädchen zu werden. Dieser Beruf fungierte mehr als eine Vorbereitung zu einer traditionellen Frauenrolle als ein Bruch mit ihr. Für die Mehrzahl der verheirateten Frauen war es möglich, die Klein- und Heimindustrie neben der Reproduktionsarbeit in der Familie zu betreiben, und es gab wenig Konflikt zwischen den beiden Rollen.»
Aber die ökonomische Entwicklug untergrub die alte Frauenarbeit und verschärfte den Konflikt zwischen den zwei Rollen der Frauen. Die Grenze zwichen «Berufsleben» und «Privatleben» wurde immer prägnanter. Erst in unserer Zeit haben verheiratete Frauen in großem Umfang diese zwei abgetrennten Sphären miteinander kombiniert - zu einem hohem Preis. Aber auch wenn heutige Frauen sich physisch viel in der «öffentlichen Sphäre» bewegen, so haben sie doch den Großteil ihres Kopfes und ihres Herzens in der «Privatsphäre». Dies bedeutet, dass Frauen und Männer ungleiche Interessengebiete und Bezugsrahmen haben. Und es bedeutet nicht minder, dass Männer einen völlig anderen Platz in der Welt von Frauen haben als Frauen in der von Männern haben. Männer haben eine Welt, die die Welt selbst ist, aber die gleichzeitig ihre ist. Es gibt wohl Frauen dort, aber im Großen und Ganzen in Rollen, die sie unwichtig, und zum Teil unsichtbar machen. In dieser Welt entfalten sich Männer, dort pflegen sie ihre Aktivitäten, dort zeigen sie Tüchtigkeit und Mut, dort konkurrieren sie auch miteinder. Der Teil der Welt, wo die Frau zuhause ist, ist ein abgegrenzter Teil, oft die kleine, isolierte Kernfamilie. Für die Frau ist es der Mann (und nach und nach die Kinder) und die Beziehung zu ihm, die die Welt selbst ist. Obgleich die meisten norwegischen Frauen berufstätig sind, sind sie es nach anderen Prämissen als Männer: Es ist die Familie, die die Hauptrolle in ihrem Leben spielt, und das Berufsleben wird dem Bedarf der Familie angepasst, so gut es sich machen lässt. Für den Mann ist es umgekehrt. Die Verantwortung für die Familie füllt die Köpfe von Frauen den ganzen Tag lang, und bestimmt wie sie handeln. Selbst wenn auch die Frau lediglich einen begrenzten Teil ihrer Zeit in der Familie verbringt, ist die Beziehung zu Mann und Kind gleichwohl ihre Welt, das, was etwas bedeutet. «Die Liebe des Mannes im Leben des Mannes ist lediglich ein Teil, während sie das ganze Leben der Frau ist,» sagte Byron. Eine mehr romantische Weise, dasselbe auszudrücken.
Lange bevor Frauen und Männer faktisch in eine Familiensituation gekommen sind, ist dieses Muster bemerkbar. Junge Mädchen, die nach ihren Zukunftsplänen gefragt werden, haben bereits künftige Familienverpflichtungen in ihre Berufswahl einkalkuliert. Und sie haben bestimmte Auffassungen darüber, welche Eigenschaften ein zukünftiger Partner haben sollte, im Gegensatz zu Jungen, die meinen, dass solche Problemstellungen sehr fern liegen (s. u.a. Ericsson, Lundby & Rudberg, 1985). Mädchen im Alter von 15-17 Jahren können viel von den Eigenschaften der Jungen erzählen, mit denen sie zu tun haben, und sie haben klare Vorstellungen davon, was Jungen sich vornehmen, wenn sie unter sich sind. Wenn Mädchen unter sich sind, geht das Gespräch - über Jungen. Jungen im gleichen Alter haben große Schwierigkeiten damit, ein Bild von den Mädchen, mit denen sie umgehen, zu geben, und was die Mädchen tun, wenn die Jungen nicht da sind, können sie sich kaum vorstellen. Es gibt nie Zweifel daran, dass Jungen im Leben der Mädchen präsent sind. Für Jungen haben die Mädchen eine Tendenz, in eins mit der Tapete zu gehen. ((s. Ericsson, Lundby & Rudberg, 1985b) Ingham (1984, S.217) referiert eine Untersuchung (die freilich aus den 20er-Jahren stammt), die ein ähnliches Bild des Platzes erwachsener Frauen und Männer in ihrer jeweiligen Welt gibt: Die Forscherin analysierte Bruchstücke von Gesprächen, die mitgehört wurden, wenn man am frühen Abend den Broadway hinunter spazierte, und zog den Schluss, dass Männer unter sich 50% der Zeit vom Job sprachen, über Sport 14% der Zeit, von der Zeit und über andere Männer 13% der Zeit. Frauen sprachen unter sich über Männer 44% der Zeit, über Kleider 23% der Zeit und über andere Frauen 16% der Zeit.
Das Verhältnis zwischen Frauen und Männern wird sowohl von Separation als auch von einem Mangel an Symmetrie geprägt. Sie kommen aus zwei unterschiedlichen Welten und aus unterschiedlichen Machtpositionen zueinander, und mit ungleichen Erwartungen darüber, was das Treffen ihnen geben soll. Es ist nicht sonderbar, dass die süße Musik, die in den Herzen entsteht, leicht von schriller Dissharmonie übertäubt wird.