Eine neue Gesellschaft muss auch einen neuen Typ von Menschen bedeuten. Und ein neues Verhältnis zwischen den Menschen muss auch eine neue Art von Männern und eine neue Art von Frauen bedeuten. «Das Herz des Menschen verändert sich bis in alle Zeiten überhaupt nicht,» sagte Sigrid Undset. Wenn das stimmt, können wir den Kampf genauso gut jetzt wie später einstellen. Aber das Herz des Menschen ist nicht weniger veränderbar als die gesellschaftlichen Verhältnisse.
Wir werden zu zwei ungleichen sozialen Geschlechtern geformt. Während es einige Zeit her ist, seit die Frauenforschung damit begann, die Frau zu «entdecken», ist es erst seit neuestem so, dass etwas Vergleichbares im Begriff ist, mit dem Mann zu geschehen. Die Frauenunterdrückung hat, wie Hey (1986, S. 8) darauf hinweist, auf eine Weise sowohl den Mann als auch die Frau unsichtbar gemacht.
«Ist es nicht so, wie Georg Simmel es formulierte: «Die Machtposition des Mannes sichert nicht lediglich seine relative Überlegenheit gegenüber der Frau, sondern sichert auch, dass seine Standards als allgemeingültige menschliche Standards generalisiert werden.» Pearson weist darauf hin, dass, sofern dies zutrifft, «nicht lediglich Frauen unsichtbar geworden sind, sondern auch die Männlichkeit des Mannes für die soziologische Forschung unsichtbar gewesen ist, und es an der Zeit ist, dass «er» ins Blickfeld gerückt wird.»»
Ja, es ist an der Zeit! Sollen wir uns zu einem neuen Verhältnis zwischen den Menschen vorkämpfen, müssen wir verstehen, wie diese Gesellschaft sowohl Frauen als auch Männer in «Weiblichkeit» und «Männlichkeit» einschließt. Solange die «Männlichkeit» des Mannes unsichtbar ist, wird es auch schwierig, die Schranken niederzureißen, die den Mann daran hindern, ein ganzer Mensch zu werden.
Die Identität als «Frau» und «Mann» wird als etwas vom Grundlegendsten unserer selbst erlebt. Weil die sozialen Rollen als Frau und Mann an physische Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern gebunden sind, werden sie auf eine ganz andere Weise als «natürliche» erlebt als die Rolle als professionelle/r Tennisspieler/in oder staatlich autorisierte/r Rechnungsprüfer/in. Es gibt überdies keine sozialen Zusammenhänge, wo die Rollen als Mann und Frau nicht relevant sind. Unser Geschlecht tragen wir überall mit uns herum.
Die meisten Gesellschaften bieten lediglich zwei Möglichkeiten für soziales Geschlecht an: Mann und Frau. In welche Kategorie du hineingelegt wirst, hängt von der Form deiner Geschlechtsorgane ab. Aber es gibt Kulturen, wo man einige weitere «Wahlmöglichkeiten» hat (Smith, 1985, S. 24):
«Bei den Navajo-Indianern zum Beispiel, sieht es danach aus, dass sie eine eigene Geschlechtskategorie für Individuen haben, die sich anatomisch von Frauen und Männern unterschieden, eine Kategorie die sie «wirklich nadle» nennen. Diese dritte Geschlechtskategorie hat auch eine eigene soziale Geschlechterrolle, die «Nadle-Rolle», in die auch Individuen reingehen können, die anatomisch gesehen Frauen oder Männer sind, «die so tun als ob sie nadle sind». Mit anderen Worten, ein/e «wirkliche/r nadle» wird nicht in das weibliche oder männliche Geschlechterrollenmuster reingezwungen, wie in unserer Gesellschaft. Desweiteren macht die «Nadle-Rolle» eine wirkliche dritte Kategorie sozialen Geschlechts aus, nicht lediglich eine Kategorie für mit schweren Fehlbildungen Geborene. Dies kommt dadurch zum Ausdruck, dass Frauen und Männer in die «Nadle-Rolle» reingehen können. Die Mohave-Indianer, bei denen es danach aussieht, dass lediglich zwei Geschlechtskategorien anerkannt werden, gestatteten es einigen Frauen einen mannsähnlichen Status einzunehmen, der hvame genannt wurde, und einigen Männern eine frauenähnliche Rolle einzunehmen, alyha genannt, Statusveränderungen, die mit Einweihungszeremonien markiert werden. Es gibt mehrere andere Beispiele, die Variationen zwischen Geschlechtskategorien und sozialen Geschlechterrollen illustrieren, und die außerdem weniger verfestigte Geschlechterrollenformeln in gewissen Kulturen zeigen.»
Es ist selbstverständlich völlig möglich, dass die biologischen Unterschiede zwischen Frauen und Männern auch ihren Ausdruck im Verhalten finden, oder besser, dafür offen sind, gewisse Typen von Verhalten leichter als andere zu entwickeln. Das Problem ist, dass es sehr, sehr schwierig ist, das Biologische vom Sozialen zu scheiden, außerdem ist es fast unmöglich, Forschung auf diesem Gebiet zu betreiben, ohne dass die Ideologie sich einschleicht. Was wir inzwischen sicher sagen können, ist, dass die Vorstellungen von «Weiblichkeit» und «Männlichkeit» von Kultur zu Kultur über ein weites Spektrum variieren, und innerhalb derselben Kultur von der einen historischen Epoche zur anderen. Unsere heutigen Langläuferinnen brechen kräftig mit den Vorstellungen über die biologischen Möglichkeiten von Frauen, die vor lediglich kurzer Zeit noch gängig waren. Und die Dokumentation der mangelnden Fürsorge französischer Mütter in den 1700-er-Jahren für ihre Säuglinge (s. u.a. Badinter, 1981) läuft dem vollständig entgegen, was wir jetzt als das «ewig» und «natürliche» Weibliche auffassen.
Der Mann und die Frau unserer Tage sind historisch erschaffen, und können historisch verändert werden. Sie müssen historisch verändert werden, wenn eine neue, befreiende Gesellschaft für alle Menschen entstehen können soll. Der Kampf zur Veränderung der Herzen der Menschen ist ein Teil des Frauen- und des Klassenkampfes.
In diesem Kapitel werde ich einige Konsequenzen aufzeigen, die das Geschlechtersystem des Kapitalismus für die «Herzen» von Männern und Frauen bekommen hat, und für das Verhältnis zwischen ihnen. Obgleich es kein direktes Eins-zu-Eins-Verhältnis zwischen den «Herzen» der Menschen und der ökonomischen Basis in einer Gesellschaft gibt, ist der Zusammenhang so nahe, dass es töricht ist, die unterschiedlichen Kampfabschnitte losgelöst voneinander zu betrachten. Für mich bedeutet dies nicht, dass diejenigen, die sich nach einem anderen Verhältnis zwischen den Menschen sehnen, als das, was wir heute haben, sich zur Ruhe setzen sollen und «warten», bis die ökonomische Grundlage zurechtgelegt worden ist. Dinge wirken wechselseitig aufeinander ein. Fortschritt auf einem Gebiet erleichtert den Kampf auf einem anderen. Das Verständnis für Zusammenhänge gibt mehr Kraft zum Aufruhr. Was als Produkt bestimmter ökonomischer und sozialer Verhältnisse enthüllt wird, verliert seinen Status als «natürlich», «ewig» und «unveränderlich». Damit wird der Weg frei für Visionen zu etwas Anderem.