Heute ist die Gesellschaft in Familien organisiert, die wichtige ökonomische und soziale Aufgaben haben. Was wird geschehen, wenn die Familie als ökonomische Einheit «abgebaut» wird? Wie wird es mit dem Verhältnis des Zusammenwohnens zwischen Mann, Frau und deren gemeinsamen Kinder gehen? Werden wir uns wahllos paaren? Werden die Kinder in großen, ungemütlichen Kinderheimen wohnen? Werden wir anderen in Kasernen wohnen und in Respatex-Kantinen mit wässrigen Kartoffeln und zerkochtem Dorsch essen? Oder werden wir die glückliche, lebenslange Monogamie bekommen, befreit von Unterdückung und Problemen?
Viele erschrecken bei dem Gedanken, dass die Familie in Auflösung gehen kann, nicht nur als ökonomische, sondern auch als soziale Einheit. Ich glaube, das liegt daran, dass wir uns die Alternativen denken, die es in unserer kapitalistischen Gesellschaft gibt. Wir denken an die personell unterbesetzten Institutionshöllen, die wir kennen und erschaudern bei dem Gedanken, dass Kinder und Alte dort aufbewahrt werden sollen. Wir denken uns die kontaktarmen und kalten Großstadtmilieus, die viele von uns kennen, und erschaudern bei dem Gedanken, dort einsam zu werden (etwas, das die meisten früher oder später werden, auf jeden Fall, wenn sie alt werden).
Aber ist dies die Alternative? Nein, das kann sie unmöglich sein. Niemand wird wählen, es so zu haben. Die Familie wird nicht in Auflösung gehen, weder als ökonomische noch als soziale Einheit, bevor Alternativen herausgekämpft wurden, die die Menschen als besser erleben. Eine «Auflösung der Familie» zum Vorteil für Kasernen und Kinderheime müsste eine zwangsmäßige Entwicklung sein, durchgepresst von oben. Es ist schwierig, sich auszudenken, unter welchen Verhältnissen das geschehen sollte. Alles spricht dafür, dass ein Abbau der Familie etwas ist, das die Frauen durchkämpfen müssen, und da wird eine starke Massenbewegung benötigt. Unabhängig davon, wie erfolgreich der «Mythos von der guten Mutter» bekämpft werden wird, so werden Frauen sich kaum massenweise dafür organiseren, um Kasernen und Kinderheime zu fordern.
Der Abbau der Familie wird ein Prozess sein, der mit der Zeit erfolgt. Und er wird gleichzeitig mit einer Reihe anderer Prozesse geschehen, mit denen ich mich im Abschnitt über die Ökonomie befasst habe: Senkung der Arbeitszeit zum Vorteil einer allseitigen Entwicklung und Entfaltung, gesellschaftlicher Beteiligung und sozialen Zusammenseins. Ausradieren der Grenze zwischen «privater Sphäre» und «öffentlicher Sphäre» zum Vorteil einer Organisierung der Gesellschaft, die es den Menschen ermöglicht, allen Seiten von sich selbst in den meisten Zusammenhängen Ausdruck zu verleihen. Abbau des Lohnsystemes zum Vorteil für eine Zuteilung nach Bedürfnis. All´ dies wird bedeuten, dass die Gesellschaft als Ganzes ziemlich anders aussehen wird als die, die wir heute kennen, und die Beziehung zwischen den Menschen wird sich unterscheiden von der, die wir gewohnt sind. Wenn wir uns eine Alternative zu den jetzigen Familien denken, müssen wir auch versuchen, diese Alternative in eine ganz andere Gesellschaft hineinzudenken als die, in der wir jetzt leben.
Vielleicht wird es nicht ein ganz bestimmtes Lebensmuster werden? Vielleicht werden einige wählen, paarweise zusammenzuwohnen: Mann und Frau, Frau und Frau, Mann und Mann. Vielleicht werden einige wählen, in größeren Gruppen zu wohnen, mit mehreren Generationen? Kinder müssen mit Erwachsenen zusammenwohnen, nicht in Institutionen. Aber vielleicht wird die biologische Verwandtschaft nicht so wichtig wie jetzt? Auch in unseren Tagen gibt es genügend Kinder, die «Mütter», «Väter» und «Geschwister» haben, mit denen sie biologisch nicht verwandt sind. Und viele haben zwei Familien, etwas das schwierig sein kann, wenn eine Feindschaft zwischen ihnen ist, aber was ok sein kann, wenn das Verhältnis gut ist.
Ich glaube nicht an die glückliche, lebenslange Monogamie als Hauptform. Die Vorstellung über eine solche «gereinigte» Monogamie baut darauf, dass dies die «natürliche» und «richtige» Form für die Liebe sein soll. Wenn das nicht funktioniert, ist das den Problemen geschuldet, die die Gesellschaft den Leuten zufügt. Aber die Monogamie entstand als ein Resultat einer bestimmten sozialen und ökonomischen Organisierung der Gesellschaft. Wenn diese Organisierung sich verändert, wird auch die Liebe sich verändern.
Wird das bedeuten, dass die Leute rastlos von Partner zu Partner jagen, mit ebensolchen wurzellosen Kindern im Schlepptau? Kaum. Vielleicht werden sie in ziemlich stabilen Zusammenlebensgruppen, große oder kleine, wohnen, und Liebesbeziehungen quer zu den Wohngruppen bilden? Warum müssen Liebste absolut zusammenwohnen, wenn sie sich gegenseitig sooft besuchen können, wie sie wollen und außerdem eine Masse Dinge gemeinsam draußen tun können? Vielleicht ist es, wenn die Liebe stirbt, leichter, wenn das nicht bedeutet, das ganze Leben zusätzlich umzugestalten?
Vielleicht gibt es einen geringeren Abstand zwischen Liebe und Freundschaft, als es heute ist? Vielleicht werden die Freundschaften tiefer, wärmer und verpflichtender, und die Liebe weniger verzweifelnd, weil sie nicht die einzige nahe Beziehung ist, die wir haben? Wenn wir etwas mehr ganzheitlich darauf sehen, was eine Gesellschaft prägen wird, die sich dem Kommunismus annähert, so werden wir eben solche Möglichkeiten finden.
In ihrer Erörterung der Prostitution unterscheiden Cecilie Høigård und Liv Finstad zwischen zwei Handlungstypen, die sie als Handlung als Entfaltung und Handlung aus Berechnung bezeichnen (1986, S. 321):
«Wenn die Handlung Entfaltung ist, liegt der Wert der Handlung in der Handlung selbst. Die Handlung ist wie ein lebendes organisches Ding, wie eine Lebensbejahung, wie die Blüte, die zur Frucht wird. Die Handlung ist ihr eigenes Ziel, ihre eigene Begründung. Handlung als Entfaltung prägt Handlungen in Beziehungen wie zwischen Mutter und Kind, Vater und Kind, zwischen Ehepartnern, zwischen Verwandten, zwischen denen, die die gleiche Erfüllung suchen, zwischen denen, die im gleichen Orchester spielen. Die Beziehungen sind geprägt von Gemeinschaft, innerem Band und Zusammengehörigkeit zwischen den Beteiligten.
Wenn die Handlung Berechnung ist, gibt es eine scharfe Grenze zwischen Mittel und Ziel. Die Handlungen werden ausgeführt, um etwas ganz anderes in der Zukunft zu erreichen. Es gibt keinen inneren Zusammenhang zwischen Mittel und Ziel. Die Mittel können sogar in starkem Kontrast zu dem lustbetonten Ziel stehen, und schmerzvoll und unlustbetont sein. Wer kalkuliert handelt, berechnet Vor- und Nachteile, will nichts vergebens machen. Alles was sie tut, soll ihr etwas einbringen. Sie pflegt ihre Interessen.
In Beziehungen zwischen Menschen, wo Handlungen aus Berechnung dominieren, sind die Parteien darauf eingestellt, sich zum Zwecke des eigenen Gewinns gegenseitig auszunutzen. Die Beziehung ist geprägt von gegenseitiger Gleichgültigkeit, die Parteien sehen einander als Mittel an, um ihre eigenen, individuellen Ziele zu fördern. Beispiele für solche Beziehungen kann die Beziehung zwischen einem Käufer und einem Verkäufer auf einem Markt sein, die Beziehung zwischen Partnern, die ein Abkommen eingehen, die Beziehung zwischen den Parteien in einem Gerichtssaal. Die Grenze zwischen Handlung als Entfaltung und Handlung aus Berechnung ist auf diese Weise nicht die Grenze zwischen dem Gutem und dem Schlechtem. Die Handlungen gehören zu ungleichen Gesellschaftstypen oder verschiedenen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens. Gib dem Kaiser, was des Kaisers ist.»
In der Praxis sind wohl die Grenzen zwischen Beziehungen, wo Handlung aus Berechnung und Handlung als Entfaltung ihren Platz haben, nicht ganz so scharf. Handlung aus Berechnung kann unter Eheleuten verbreitet sein. Und es können nahe, persönliche Beziehungen zwischen z. B. Arbeitskollegen entstehen, selbst wenn sie im Ausgangspunkt lediglich deshalb zusammen sind, weil beide notwendig sind, um die Maschine zum Laufen zu bringen.
Die Ideologie von der Familie läuft darauf hinaus, dass die dortige Beziehung zwischen den Menschen ihr Ziel selbst sein soll, sie soll von Handlung als Entfaltung geprägt sein. Sehr viele andere Zusammenhänge, wo wir Menschen treffen, sind in der Hauptsache instrumentelle, d.h., dass das Zusammensein nicht ein Ziel in sich selbst ist, und «Handlung aus Berechnung» dominiert. Dies gilt auch für diejenigen Zusammenhänge, die den größten Teil unserer Zeit außerhalb des Zuhauses beanspruchen, nämlich Arbeit und Schule. Wir gehen zur Arbeit, nicht einmal vorrangig um zu arbeiten, sondern um Geld zu verdienen. Wir gehen zur Schule, nicht einmal vorrangig um zu lernen, sondern «um einen guten Job in der Zukunft zu bekommen», antworten Schülerinnen und Schüler, wenn sie gefragt werden (s. Ericsson & Rudberg, 1981).
Ein großer Teil unseres Lebens ist also von «Handlung aus Berechnung» und einer Beziehung zu Menschen gefüllt, die davon geleitet sind. In einer kapitalistischen Gesellschaft, wo das meiste von Tausch, Verlust und Gewinn handelt, ist das nicht so verwunderlich. Dies wird als so selbstverständlich angesehen, dass einige Psychologen und Soziologen die «Tauschtheorie» der Ökonomen übernommen haben und sie zu einer allgemeinen Theorie der zwischenmenschlichen Handlung gemacht haben: In ihrem Verkehr mit anderen versuchen Menschen für sich selbst den «Gewinn zu maximieren» und den «Verlust zu minimalisieren» (und da geht es nicht lediglich um Geld). Ihre Handlungen sind als eine Strategie zu verstehen, dies zu erreichen.
So eindimensional sind die Handlungen der Leute wohl nicht. Aber was, wenn unser Leben viel weniger von «Handlung aus Berechnung» und einer entsprechenden Beziehung zu den Leuten geprägt wird? Was, wenn die Arbeit nicht länger zuallererst ein Mittel zum Geld verdienen wäre, sondern eine Weise, seine Fähigkeiten, Kräfte und Phantasie darauf zu verwenden, eine Lebenssteuerung, eine Entfaltung? Was, wenn Lernen nicht länger ein Mittel wäre, um einen «guten Job» zu bekommen, sondern eine Entfaltung von Neugier und Wissensdurst? Da würde sich auch die Beziehung zwischen Arbeitskollegen, zwischen Schülern und zwischen Lehrerinnen und Schülern verändern. Das würde ein Zusammensein werden, dominiert von Entfaltung, ein Zusammensein mit einem ganz anderen Eigenwert als heute.
Die Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft hin zum Kommunismus, muss gerade eine Entwicklung zu einer solchen Beziehung zur Arbeit und zum Lernen bedeuten. Wenn wir dem Stadium immer näher und näher kommen, wo die Leute «nach dem Bedürfnis bekommen» und «nach den Fähigkeiten leisten», wird die Arbeit eine völlig andere Bedeutung als heute bekommen. Und die Beziehung zu den Arbeitskollegen wird einen anderen Inhalt bekommen. Wenn sich die ökonomische Grundlage der Gesellschaft in einer Weise verändert, sodass wir nicht mehr Arbeit gegen Lebensunterhalt tauschen, sondern stattdessen den Lebensunterhalt sichern, weil wir Menschen sind und arbeiten, weil wir den Drang danach verspüren, da wird sich vieles verändern.
Was bedeutet dies? Es bedeutet, dass die Menschen viel mehr Quellen für ein nahes, gebendes Zusammensein bekommen werden als die heutigen Menschen. Es wird nicht lediglich die Familie sein, oder die Zusammenlebensgruppe, die das Bedürfnis nach Fürsorge und Gemeinschaft abdecken soll. Die scharfe Grenze zwischen Beziehungen, die ihr eigenes Ziel sind, und Beziehungen, die instrumentell sind, wird verschwinden.
Aber wie verhält es sich eigentlich mit der heutigen Familie? Ich sagte, dass die Ideologie über die Familie darauf hinausläuft, dass die Beziehung zwischen den Menschen dort ihr eigenes Ziel selbst sein soll. Die Menschen wohnen zusammen und verbringen ihre Zeit miteinander, weil sie sich gegenseitig lieben. So ist es zum Teil, aber nicht nur. Die Familie dient ja auch Zielen außerhalb ihrer selbst. Sie ist ein Mittel, das die kapitalistische Gesellschaft dazu nutzt, eine Reihe notwendiger Aufgaben zu lösen. Jorun Gulbrandsens Definition der Familie: «die, die einen gemeinsamen Brotkasten haben», ist vielleicht ebenso zutreffend, wie «die Entfaltungsgemeinschaft». Dies prägt natürlich auch die Beziehung zwischen den Menschen in der Familie. Unterdrückung und Machtkampf führen außerdem dazu, dass es sehr wichtig wird, sich «um seine Interessen zu sorgen». Handlung aus Berechnung schleicht sich ein in das, was die reinste Entfaltung sein sollte, z. B. das Sexualleben.
Es ist gerade das Sexualleben als «Handlung aus Berechnung», worüber Høigård und Finstad schreiben (S. 332):
«Von Seiten der Prostituierten sind die Gänge «auf den Strich» Handlungen aus Berechnung. Ihr Körper ist für sie ein Mittel auf dem Markt. Sie führt eine stark unlustbetonte Handlung aus, um ein Ziel zu erreichen. Das Ziel ist, sich Geld zu beschaffen. Der Kunde interessiert sie lediglich in seiner Eigenschaft als Geldbesitzer. Ansonsten ist er ihr gleichgültig.
Wie verhält sich das für andere Frauen? Gebrauchen sie die Sexualität und den Körper als ein Mittel? D., eine französiche Prostituierte, sagt: «Das Leben aller Frauen besitzt ein Element von Prostitution. Für eine gewöhnliche Frau ist es nicht notwendigerweise Bargeld, das sie zurückbekommt, aber der Unterschied ist nicht so groß.»
Für Frauen ist die Sexualität und die Versorgung historisch eng miteinander verbunden gewesen. Das Band zwischen Sexualität und Geld ist jetzt im Begriff sich zu lösen. Für immer größere Gruppen von Frauen ist die Sexualität nicht länger vorranig ein Mittel zur Versorgung. Die Bedingungen dafür, dass die Sexualität auch für Frauen ihren Eigenwert bekommen wird, sind, glauben wir, in dieser Hinsicht zunehmend vorhanden. Die Sexualität von Frauen erhält da ihre Begründung nicht länger außerhalb der Sexualität. Sie hat es nicht mehr nötig, sie zu berechnen, sie dem Mann portioniert zukommen zu lassen, der ihr am besten Zugang zu Gütern außerhalb der Sexualität verschaffen kann. Sie hat es nicht mehr nötig, als Besitzerin von Körperkapital auf einem Markt zu handeln.
Aber Frauen und Weiblichkeit sind noch in einem ganz anderen Grad mit Reproduktion und Sexualität verknüpft, als Männlichkeit das für Männer ist. Wir haben zuvor davor gewarnt, direkte Parallelen zwischen dem Leben Prostituierter und dem Leben anderer Frauen zu ziehen./ ... / Frauen haben weiterhin ein Verhältnis zur eigenen Sexualität, als etwas, das übertragen, im Tausch weggegeben oder nicht weggegeben wird, in einem ganz anderen Grad als dies Männer haben. Es ist nicht notwendigerweise Geld, das sie sich eintauscht, aber z. B. Geschenke, etwas spendiert zu bekommen, sozialer Status, Hausfrieden, Versorgung. Das Verhältnis der Prostituierten zu ihrer eigenen Sexualität als Tauschmittel unterscheidet sich von dem Verhältnis anderer Frauen zu ihrer eigenen Sexualität nicht, indem es atypisch ist, sondern dadurch, dass es so überhäuft und dominierend ist.»
Wenn die Familie als ökonomische Einheit abgebaut wird, werden die Formen des Zusammenlebens, die entstehen, weniger von «Handlungen aus Berechnung» geprägt sein, weil das Zusammenleben dort seine eigene Begründung sein wird. Es wird nicht dazu dienen, ökonomische Aufgaben für die Gesellschaft zu lösen. Ich glaube, dies wird viel bessere Bedingungen für die Entfaltung als in der heutigen Familie bedeuten, nicht lediglich auf dem sexuellen Gebiet.
Eine entwickelte, sozialistische Gesellschaft auf dem Weg zum Kommunismus wird überhaupt viel mehr von Handlung als Entfaltung und der Beziehung zwischen Menschen, wo Entfaltung dominiert, geprägt sein, als die Gesellschaft, in der wir heute leben. Eine sozial wärmere Gesellschaft, und Menschen mit viel größerer Liebesfähigkeit. Es ist ein großer Sprung von Kasernen, Institutionshöllen und kalten Großstadtmilieus.