Frauenorganisationen hat es gegeben, und gibt es, in den meisten sozialistischen Ländern. (Freilich wurde die Frauenabteilung der bolschewistischen Partei, Sjenotdel, bereits 1930 aufgelöst. Und die tschechoslowakische Frauenunion, die nach dem Krieg errichtet worden war, wurde 1952 niedergelegt, weil sie «ihr Ziel erfüllt» hatte. Die chinesische Frauenföderation wurde während der Kulturrevolution vorläufig aufgelöst.) Aber welcher Art? Die Frauen in den sozialistischen Ländern, die rasch in die gesellschaftliche Produktion reingezogen wurden, und die tatsächlich in der «Zwickmühle zwischen Job und Familie» standen, benötigten Organisationen, die starker Ausdruck für das «doppelte Bewusstsein» - Klasse und Geschlecht - waren. Und sie benötigten es, mit vielen frauenbewussten Frauen repräsentiert zu sein, mit einer klaren frauenpolitischen Plattform, in denjenigen Organisationen, durch die die Arbeiterklasse ihre Rolle als herrschende Klasse ausüben sollte. Die wichtigste von diesen war die Kommunistische Partei.
Im Sowjet gab es Fossum zufolge «ein auffallendes Missverhältnis zwischen der Bedeutung der Frauen in der Produktion und in der Politik». Auf dem Gewerkschaftskongress von 1949 machten die Frauen 40% der Delegierten aus, etwas, das Fossum als einen Ausdruck für die ökonomische Bedeutung ansieht, die sie hatten. In der Partei waren lediglich ein Fünftel Frauen. Und auch wenn dies eine Verdreifachung seit 1920 war, half es nicht so viel, weil die Frauen sich im Großen und Ganzen auf niedrigeren Ebenen der Partei befanden. Die erste Frau kam unter Chruschtschow in das Politbüro. Wenn man an den schreienden Kadermangel im Sowjet denkt (der männliche Teil der Arbeiterklasse war nach Krieg, Bürgerkrieg und Interventionskrieg stark dezimiert), werden diese Zahlen weiter herausgestrichen.
In China ist die Situation nicht so sehr anders, trotz Beispielen wie Jiang Qing, Maos dritter Frau. Diejenigen Frauen, die es in Chinas politischem Leben erreicht haben, berühmt, heldenhaft oder ehrenvoll zu werden, sind im Großen und Ganzen Frauen noch berühmterer Männer gewesen. Das bedeutet nicht, dass sie nicht bedeutende persönliche Qualitäten gehabt haben können. Aber ohne den Ruf und die Macht des Ehemannes als Hilfsmittel, haben sie geringe Möglichkeiten gehabt, an die Spitze zu kommen. Etwaige bedeutende Revolutionärinnen ohne solche «Hilfsmittel» sind an der einen oder anderen Stelle auf dem Weg unsichtbar geworden.
Was ist nun mit den Frauenorganisationen? Lenin sagt in seinem Gespräch mit Clara Zetkin im Jahre 1921:
«Wir leiten unsere Auffassungen über die Organisierung von unseren ideologischen Begriffen ab: Keine seperaten Organisiationen von kommunistischen Frauen. Ein weiblicher Kommunist gehört als Mitglied der Partei auf die gleiche Weise dazu wie ein männlicher. Mit gleichen Rechten und Pflichten. In dem Punkt kann es keine Differenzen geben. Aber wir dürfen vor faktischen Verhältnissen nicht die Augen verschließen. Die Partei muss Organe haben, Arbeitsgruppen, Komitees, Ausschüsse, Sektionen oder wie man das nenen will, was als Sonderaufgabe hat, die breitesten Massen der Frauen zu erwecken, sie an die Partei zu binden und sie dauerhaft unter der Leitung der Partei zu halten. Da ist es natürlich notwendig, dass wir systematische Tätigkeit in diesen Frauenmassen betreiben. Wir müssen die Erweckten schulen, sie für den proletarischen Klassenkampf unter Leitung der Kommunistischen Partei gewinnen und stärken. Und ich denke jetzt nicht lediglich an die proletarischen Frauen, an diejenigen, die in den Fabriken arbeiten oder Hausfrauen sind. Ich beziehe auch die Kleinbäuerinnen und die Frauen in den verschiedenen Schichten des Kleinbürgetums ein. Auch sie sind eine Beute für den Kapitalismus, und in der Zeit nach dem Krieg mehr als zuvor. Diese unpolitische, unsoziale, zurückgebliebene Mentalität der Frauenmassen, die Beschränktheit in ihrem ganzen Wirken und Lebensmuster, sind Tatsachen. Es wäre dumm, davon abzusehen, durch und durch töricht. Wir benötigen eigene Organe um unter ihnen zu arbeiten, spezielle Agitations- und Organisationsformen. Das ist nicht Feminismus, sondern praktische, revolutionäre Zweckmäßigkeit.»
Es ist leicht, sich der Auffassung anzuschließen, dass weibliche und männliche Kommunisten in derselben Partei sein sollten. Aber aufgrund der Frauenunterdrückung haben sie in der Praxis nicht «gleiche Rechte und Pflichten». Auch in der Partei muss ein systematischer Frauenkampf geführt werden.
Lenins Auffassung von der Frauenorganisierung außerhalb der Partei drückt den Platz aus, den die Frauenverbände im Großen und Ganzen in der kommunistischen Bewegung und in den sozialistischen Ländern gehabt haben. Frauenorganisationen sind zuallererst ein Kanal von der Partei raus zu den Frauen, sodass die Frauen mit der Politik der Partei bekannt gemacht werden, und sich anschließen können. In den sozialistischen Ländern haben die Frauenverbände auch die Aufgabe gehabt, die Frauen zur Teilnahme an unterschiedlichen Aufgaben zu mobilsieren, die wichtig für die Gesellschaft sind, und sie haben sich praktischer Aufgaben angenommen, die speziell die Frauen betreffen. Aber den Frauenverbänden ist nicht irgendeine selbständige Rolle im Kampf zuerkannt worden. Sie sind nicht als organisierter Ausdruck von Frauenbewusstsein angesehen worden, und auch nicht als ein Werkzeug, um die Frauen der Arbeiterklasse und der arbeitenden Bevölkerung als «Klasse und Geschlecht» zu «konstituieren». Noch weniger sind sie ein Werkzeug der Macht der Frauen gewesen, Interessenorganisationen, die die Frauen dazu verwenden konnten, für ihre Forderungen zu ringen und Widerstand niederzukämpfen. Dies bedeutet nicht, dass die Frauenverbände nicht in vielen Fällen als Druckgruppen fungiert haben können. Es finden sich viele Beispiel dafür, dass sie dies getan haben. Hagemann schreibt z.B. über die Frauenabteilung der sowjetischen Partei der Bolschewiki Sjenotdel in den 20er-Jahren (1981, S. 36):
«Sie gaben eine Reihe Frauenzeitschriften und Frauenblätter heraus, sie gründeten Propagandagruppen, die in die rückständigsten Gebiete des Landes rausfuhren, um den Frauen das Lesen beizubringen und sie über den Inhalt der neuen Gesetzgebung und in der kommunistischen Politik aufzuklären. Sie arbeiteten aktiv dafür, die Frauen mit in die kooperative Bewegung und in den Kampf zur Umformung des täglichen Lebens in und rund um die Familie reinzuziehen. Sie gingen an die Spitze, um gegen frauenfeindliche und reaktionäre Ideen innerhalb der Partei zu kämpfen, und gegen Parteigenossen, die eigene Privilegien in ihrer eigenen Familie verteidigten.»
Auch in China fuhren weibliche Agitationsgruppen raus aufs Land, um die Leute über das neue Familiengesetz von 1950 aufzuklären. Die Frauen wurden zu Treffen versammelt, wo sie über ihre eigenen Erfahrungen und Übergriffe, denen sie ausgesetzt waren, sprechen konnten, während sie gleichzeitig ihre Rechte kennenlernten und Unterstützung bei der Durchführung des Entschlusses zur Scheidung erhielten. Frauenmisshandlung und Unterdrückung wurden unter Beschuss genommen, und die Kampfmethoden konnten auch militant sein: In einem Dorf entführte der Frauenverband einen brutalen Schwiegervater und hielt ihn eingesperrt, bis er Besserung gelobte. (s. Strand, 1985)
Trotz solcher Beispiele hat es keine bewusste Linie gegeben, die darauf hinaus lief, dass die Frauen eine unabhängige Organisation benötigten, die ihnen Macht und Stärke für den Kampf gegen Frauenunterdrückung in der sozialistischen Gesellschaft gab. Die Frauenverbände sollen zuallererst Hilfsorganisationen für die Partei sein, die die Ideen der Partei tief in die Frauenmassen hinein verbreiten, wo die Partei selbst nicht hinkommt. Aus Gesprächen mit Repräsentantinnen z.B. der Frauenföderation in China, geht es sehr deutlich hervor, dass sie selbst ihre Aufgaben so auffassen. Auch in der sandinistischen Revolution in Nicaragua ist dem Frauenverband, AMNLAE, ein ähnlicher Platz zugewiesen worden.
Die Frauen haben also Frauenorganisationen gehabt, aber keine «Frauenfront im Rücken». In der Partei haben sie wenig oder keine Macht gehabt. Sie sind organisiert gewesen - aber schlecht organisiert für den Kampf im eigenen Namen. Hier liegt auch ein Teil der Erklärung dafür, warum die Frauen keinen größeren Fortschritt unter dem Sozialismus vorweisen können.