Warum ging es wie es ging?

Warum hat der Kampf gegen die Frauenunterdrückung in den sozialistischen Ländern, die wir bisher gesehen haben, nicht größere Fortschritte gemacht? Etwas von dem Problem liegt in der Theorie, die er als Richtschnur gehabt hat. In der sozialistischen und kommunistischen Bewegung gab es etwas, das «die Frauenfrage» genannt wurde. «Die Frauenfrage» ist weitgehend eine Teil(bereichs)frage geworden, die isoliert von einer ganzheitlichen Theorie über Revolution, Sozialismus und Kommunismus betrachtet werden konnte (wie viele Männer in der AKP (ml) es weiterhin in der Praxis auffassen). War die «Frauenfrage» nicht «gelöst», so bekam dies nicht notwendigerweise irgendwelche ernsten Konsequenzen für den Rest des sozialistischen Aufbaus. In «Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats» versuchte Engels freilich eine integrierte Theorie darüber auszuformen, wie die Frauenunterdrückung mit der Klassenunterdrückung zusammengewebt war, und mit ihr aufgehoben werden musste. Das Problem war jedoch, dass der Frauenkampf nicht als Triebkraft für die Aufhebung des Privateigentums, der Klassen und des Staats angesehen wurde. Eher wurde die Frauenbefreiung ein Resultat der anderen Kämpfe.

Lenin, Stalin und Mao sind die bekanntesten sozialistischen Leiter und Theoretiker, die praktische Erfahrung mit dem Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft hatten. Sie haben daher auf vielen Gebieten zum theoretischen Arsenal des Kommunismus beigetragen, auf denen Marx und Engels ohne direkte Erfahrungen waren. Aber wenn es sich um den Frauenkampf und die Frauenunterdrückung handelt, ist es aufsehenerregend, mit wie wenig sie beigetragen haben. Bei Lenin findet man das meiste. Er hatte auch keine Angst davor, die Praxis von Kommunisten in der Ehe zu kritisieren: «Leider können wir über viele unserer Genossen sagen: Kratze am Kommunisten, so kommt der Kleinbürger hervor». Aus Stalins Hand hat eine kurze Rede überlebt, wo er die Arbeiterinnen und Bäuerinnen auffordert, «ihre Kinder im Geiste Lenins zu erziehen», und ein 8. März-Appell an «die arbeitenden Frauen», die «eine mächtige Reserve für das Proletariat» sind. Mao ist bekannt für das Schlagwort, dass «die Frauen der halbe Himmel» sind. Aber abgesehen davon ist sehr wenig zu finden von einem Mann, der über das meiste etwas geschrieben hat. Freilich gibt es einige Artikel von ihm aus dem Jahre 1919, mit harten Angriffen gegen die Ehe. Aber dies war bevor er Kommunist wurde, und die Artikel finden sich nicht in seinen gesammelten Werken (s. Levy, 1984). Im Großen und Ganzen muss man sagen, dass die Leiter, die dazu kamen, an der Spitze des sozialistischen Aufbaus zu stehen, mit wenig Neuem beigetragen haben, was über das von Marx und Engels Geschriebene hinausging.

Das ist zu auffällig, um zufällig geschehen zu sein. In den sozialistischen Ländern hat es eher eine Abwicklung als eine Entwicklung frauenpolitischer Theorie gegeben, jedenfalls wenn wir uns ansehen, was als «autorisierte Wahrheiten» übrig geblieben ist. Der Beitrag von Marx und Engels ist verdreht und amputiert worden. In «Die Familie ...» stellte Engels zwei Hauptvoraussetzungen für die Frauenbefreiung auf: Die eine war, dass die Frauen voll in die gesellschaftliche Produktion einbezogen wurden. Die andere war die Aufhebung der Familie. Engels´ erste Voraussetzung blieb als ein Teil des Erbes der sozialistischen Bewegung in «der Frauenfrage» bestehen. Seine zweite Voraussetzung ist auf dem Papier in den offiziellen, theoretischen Texten behalten worden. Aber in der Praxis ist sie durch eine Glorifizierung der «sozialistischen Familie» erstattet worden. Und die Vorstellung, dass die Frauenbefreiung als Geschenk kommt, wenn alle anderen Probleme gelöst sind, besteht weiterhin.

In den ersten Jahren der Geschichte der Sowjetunion gab es freilich andere Stimmen und Auffassungen. Eine dieser Stimmen gehörte Alexandra Kollontay, eine Dame mit einer gewissen Macht, da sie das Volkskommissariat für soziale Wohlfahrt leitete. Sie hat u.a. eine Vorlesungsreihe von der Sverdlov-Universität hinterlassen, wo sie in enthusiastischen Wendungen den «großen Fortschritt» beschreibt, nämlich, dass «das Familienleben im Begriff ist, als Lebensnorm zu verschwinden». «Die Küche von der Ehe zu trennen» ist eine große Reform, und mindestens in der Geschichte der Frauen ebenso wichtig, wie die Trennung von Kirche und Staat,» schreibt Kollontay (schwed. Neuausgabe 1971). Kollontay beschreibt die Versuche, die durch das Errichten kollektiver «Kommunehäuser», öffentlicher Speisungen usw. gemacht wurden, und sagt vorher, dass dies die gewöhnliche Weise der Lebensorganisation wird, wenn nur die schlimmste Armut überwunden wird. Die Ehe, meint sie, wird verschwinden und durch mehr vorübergehende Liebesbeziehungen erstattet werden, wenn keiner der Partner länger irgendeinen ökonomischen Vorteil davon hat, verheiratet zu sein.

Es ist nicht viel Glorifizierung der «sozialistischen Familie» in diesem. Aber es finden sich auch Gesichtspunkte in Kollontays Vorlesungen, die gut mit der späteren Auffassung des Sowjetstaates über die Rolle der Frau zusammenhängen. «Die Arbeiterrepublik wendet sich an die Frau vor allem in ihrer Eigenschaft als Arbeitskraft und als lebende Produktionseinheit,» schreibt sie. Mit dem letzten meint sie Gebärmaschine. Das Ziel von Kollontays Familienpolitik ist, die Frauen für die Arbeit in der Produktion freizumachen, und ihre Gesundheit zu sichern, damit sie ihre Pflicht gegenüber der Gemeinschaft erfüllen kann, indem sie gesunde und lebenstaugliche Kinder gebärt (und stillt). In Bezug auf das Aufziehen der Kinder hingegen, ist es am vernünftigsten, dass das Kollektiv sich ihrer annimmt. Aus dieser Perspektive wird es auch keine wichtige Zielsetzung, die Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern aufzuheben:

«Während der Periode der Diktatur (Diktatur des Proletariats, K.E.s Anmerkung) ist es für das Proletariat weniger aktuell als je zuvor, sich der Forderung des bürgerlichen Feminismus nach der Gleichstellung der Frau als abstraktes Prinzip anzuschließen. Eine vernünftige staatliche Planung muss ganz im Gegenteil die physischen und psychischen Besonderheiten der Frau mit berücksichtigen, und die ungleichen Arbeitsgebiete auf eine Weise zwischen den Geschlechtern verteilen, die am besten zum gemeinsamen Ziel führt.
   Die Zielsetzung der Arbeiterinnen während der Diktaturperiode kann nicht die Gleichstellung als solche sein, sondern das muss die zweckmäßigste Ausnutzung der weiblichen Kräfte, und der Schutz des Interesses der Frau als Mutter sein.»

Die Familienpolitik Kollontays ist also ein Mittel, um dieses Ziel zu erreichen. Freilich finden sich auch Einschläge einer prinzipielleren Argumentation in ihrern Vorlesungen. Aber das Hauptgewicht liegt auf den Pflichten der Frau gegenüber der Gemeinschaft, weniger auf den Rechten und auf der Bedeutung des Freimachens der Frauen, um ihre Rolle als Teil der herrschenden Klasse zu spielen. Damit wird auch die Familienpolitik leichter angreifbar, wenn sie nicht mehr als ein Mittel der «zweckmäßigsten Ausnutzung der weiblichen Kräfte» angesehen wird. Kollontays praktische Maßnahmen und Propaganda in der Periode als sie das Volkskommissariat für soziale Wohlfahrt leitete, waren sehr radikal und standen in scharfem Widerspruch zu dem, was später kommen sollte. Aber theoretisch muss auch ihr Beitrag als ein Rückschritt im Verhältnis z.B. zu Engels angesehen werden. Gleichwohl war er radikal genug, um in die Vergessenheit abgeschoben zu werden.

Warum hat es eher eine Abwicklung als eine Entwicklung der Theorie der Frauenbefreiung im Sozialismus gegeben? Ich glaube, das liegt daran, dass auch sozialistische Gesellschaften Ideologie in verschleiernder rechtfertigender Hinsicht der herrschenden Zustände produzieren. Vieles deutet darauf hin, dass die unterdrückte Frau auch für den unentwickelten Sozialismus ein «nützliches ökonomisches Tier» ist. (Mehr darüber im Abschnitt «Stahl, Eisen und Traktoren».) Die Glorifizierung der Familie kann dazu beitragen, diesen ökonomischen Nutzen zu bewahren. Mehrere Bedingungen haben sich ergänzt, wenn es um das Schicksal der Frauen geht: Die Theorie über die Bedeutung des Frauenkampfes unter dem Sozialismus war mit Mängeln behaftet und zum Teil falsch. Die Arbeiterinnen waren in geringem Grad «als Geschlecht und Klasse» konstituiert, und waren daher keine starke, selbständige Kraft, die die gesellschaftliche Entwicklung von einer eigenen Plattform aus prägen konnten. Die ökonomischen Realitäten, denen die neuen, sozialistischen Gesellschaften von Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden, waren beinharte. Die Linie des ökonomischen Aufbaus, die teils gewählt wurde, teils sich aufzwang, hatte wichtige negative Konsequenzen für die Frauen (selbst wenn sie ihnen auch sozialen und ökonomischen Fortschritt brachte). Ein weiteres Mal erwies es sich, dass die ökonomische Politik nicht geschlechtsneutral war. Vielleicht schuf sie stattdessen einen Bedarf für neue, frauenunterdrückende Ideologie, wie z.B. die Glorifizierung der «sozialistischen Familie».

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