Das Hervorwachsen des Frauenkampfes hat zu einem großen Teil darin bestanden, dass immer mehr Seiten des Lebens von Frauen, die im Ausgangspunkt als «individuelle» und «persönliche» Probleme aufgefasst wurden, politisiert und zu gesellschaftlichen Fragen gemacht wurden: Teilzeitarbeit - eine «individuelle» Lösung im Leben individueller Frauen - ist in Wirklichkeit Teil eines gesellschaftlichen Musters. Die Ausbildungs- und Berufs«wahl» von Frauen - das Gleiche. Das private Unglück misshandelter Frauen - ein gesellschaftliches Problem.
Der letzte Beitrag in diesem Prozess sind die sogenannten «Rüpelkurse». Seit die AKP (ml) die «Rüpelkurse für Frauen» in Gang setzte, hat es eine enorme Nachfrage nach ihnen gegeben, weit über die Reihen der Partei hinaus. Die Rüpelkurse nehmen ihren Ausgangspunkt darin, dass die «persönlichen Züge» von Frauen, wie geringes Selbstvertrauen, perfektionistische Anforderungen an sich selbst, Furcht davor, Schande über diejenigen zu bringen, die sie repräsentieren soll, gesellschaftlich erzeugte sind und durch kollektiven Einsatz bekämpft werden können. Sie sind ein Teil der Frauenunterdrückung. Solche «persönlichen Züge» hindern Frauen daran, sich nach vornean zu werfen, Aufgaben zu übernehmen, offen zu sagen, was sie meinen. Damit machen sie nicht lediglich eine persönliche Plage für diejenigen Frauen aus, die z. B. unter geringem Selbstbewusstsein leiden. Sie bilden ein kollektives Hindernis im Kampf gegen die Frauenunterdrückung. Leute, die glauben, dass sie minderwertig sind, machen keinen Aufruhr. Um den kollektiven Kampf führen zu können, musst du dich oft verändern - auch persönlich.
Die Rüpelkurse sind also kein therapeutisches Angebot oder Hilfe zu persönlichem Ehrgeiz. Sie sind ein Mittel zur Stärkung des Kampfes zur Veränderung der Gesellschaft, indem sie Frauen in gesteigertem Maße «fit for fight» machen. Die Rüpelkurse beinhalten praktisches Training zum Bewältigen von Herausforderungen, gegenseitige Unterstüzung und Hilfe, Einüben der «Daumenfingerregeln» um Angst und Leistungshemmungen zu mindern. (s. Liv Finstad 1986 für eine gründlichere Beschreibung des Rüpelkurses)
Die Rüpelkurse sind eine praktische Maßnahme. Aber sie illustrieren einen allgemeineren Punkt: Dass Frauen sich verändern und stärker werden können, um effektiver zu kämpfen. Diese Veränderung kann in Gemeinschaft mit anderen Frauen bewusst weiter herausgearbeitet werden. «Sich stark zu machen», ist daher ein nicht unwichtiger Teil einer ganzheitlichen frauenpolitischen Linie. Es bricht die Vorstellung davon nieder, dass jemand auf magische Weise «stark» ist, «kämpfen» und «führen» kann, während andere nicht «so» sind. Und es stärkt die Verantwortung von Frauen füreinander: Eine Aufgabe zu übernehmen, ist ein kollektives Anliegen. Ob man sie meistert, ist auch ein kollektives Anliegen, weil das Unterstützung und Hilfe von anderen Frauen erfordert. Im «Rüpeln» liegt daher der Keim einer neuen, stärker kollektiven Auffassung von Führungseigenschaften und Leitung.