Frauenorganisierung - ein Schlüsselglied

Der weibliche Teil der Arbeiterklasse ist eine Klasse in Entwicklung. Er hat nicht, wie das traditionelle Kernproletariat, eine lange, gewerkschaftliche Tradition und eine gefestigte Identität als eine wichtige Kraft im Klassenkampf. Allerdings gibt es Frauen im Kernproletariat. Aber auch die Industriearbeiterinnen haben eine Sonderstellung eingenommen, und nehmen diese ein. Die meisten arbeiten in den niedrig entlohnten Frauenindustrien und haben nicht zu den «tonangebenden» Schichten des Kernproletariats gehört. Marion Palmers Beschreibung, wie gewählte weibliche Vertrauensleute Gefahr laufen, von männlichen Gewerkschaftskollegen begegnet zu werden, gibt ein gutes Bild des «Klassenunterschiedes» zwischen Frauen und Männern (1986, S. 76):

«Ja, wir nehmen auch an Gewerkschaftskursen teil, wir Frauensleute. Dort lernen wir, wie wir gute Verhandlerinnen werden sollen, und wie wir vorgehen sollen, um Sachen auf die Tagesordnung von Betriebs- und Umweltauschuss zu bekommen. Der Fehler ist nur, dass die Karte nicht ganz mit dem Terrain übereinstimmt, wenn wir nach Hause kommen.
   «Du musst denen da den Manteltarifvertrag auf den Tisch knallen - es steht ja dort, dass du das Recht auf erforderliche Zeit für Vertrauensleutearbeit hast!» Wie viele weibliche Vertrauensleute haben diese Worte nicht von wohlmeinenden männlichen Gewerkschaftskollegen gehört.
   Und wir werden frustriert, weil wir glauben, dass es daran liegt, dass wir nicht genügend tüchtige Vertrauensleute sind, dass wir unsere Forderungen nicht durchbekommen.
   Ich war einmal auf einem Kurs, wo eine Frau völlig zusammenbrach, nachdem sie einen langen Vortrag über betriebliche Gesundheitsversorgung, Sozialvertrauensleute, AKAN-Komitee26 und Behindertenausgleichskomitee gehört hatte. «Ich verstehe nicht, dass wir beide auf derselben Erdkugel leben,» rief sie dem Vortragenden zu. Er sprach davon, wie dies auf einem Arbeitsplatz mit 2.000 - 3.000 Beschäftigten funktioniert. Sie kam aus einem kleinen Fischindustriebetrieb am äußersten Rande Norwegens. Sie war verschlissen - aber es gab keine Jobs, die sie zum Ausgleich an ihrer Arbeitsstelle einnehmen konnte. Die Invalidenrente war die einzige Zukunftsaussicht. Sie hatte lange mit der Betriebsleitung gestritten, um gratis Arbeitshandschuhe zu bekommen. Die bekamen sie zum Schluss. Aber das war ja nicht so viel, um in einer zentralen Region (Sørmarka) damit zu prahlen!»

Die meisten Frauen gibt es inzwischen in dem, was man als «periphere» Teile der Arbeiterklasse anzusehen gewohnt war: im Handel und Büro, im Service, im öffentlichen Sektor. Dies sind Schichten, die traditionell eine schwächere «Arbeiteridentität» als das Kernproletariat gehabt haben. Und die Identität der Frauen ist oft zuallererst mit der Stellung in der Familie verknüpft gewesen. Teilzeitarbeit, Unterbrechung im Berufsleben aufgrund von Fürsorgepflichten, haben nicht gerade zu einer Stärkung der Arbeiterinnenidentität beigetragen.

Trotzdem sehen wir also, dass die Frauen eine ständig wichtigere Rolle im Kampf der Arbeiterklasse spielen. Aber sie tun das gleich viel ausgehend von ihrer Idenität als Frauen wie ausgehend von ihrer Identität als Arbeiterinnen. Es sind die Erfahrungen und die Gemeinschaft als unterdrücktes Geschlecht, die viel vom Motor im Kampf der Arbeiterinnen ausmachen.

Die wichtigste Schwäche beim weiblichen Teil der Arbeiterklasse besteht darin, dass er sich seiner eigenen Stellung und Rolle nicht bewusst ist, u.a. weil er nicht organisiert ist, sagt Siri Jensen. Der weibliche Teil der Arbeiterklasse ist nicht ausgehend von dem organisiert, was die Grundlage für die Rolle bildet, die er im Klassenkampf spielt: Die doppelte Stellung als unterdrückte Klasse und unterdrücktes Geschlecht. Um das sehr große Potential, das sich in ihm findet, auszulösen, müssen die Arbeiterinnen sich organisieren, nicht lediglich als Klasse, sondern auch als Geschlecht. Marion Palmer setzt ihre Beschreibung der traurigen Erlebnisse von weiblichen Vertauensleuten in Sørmarka fort, indem sie sagt (S. 77):

«Wie wäre es, wenn wir eigene Frauenkurse in der Gewerkschaftsbewegung forderten? Kurse, in denen wir die Probleme, mit denen wir uns abmühen, nach unseren Prämissen aufgreifen könnten. Oft sind die Frauen auf den Kursen stumm, während die Männer darum wetteifern zu erzählen, wer die besten Vereinbarungen hinbekommen hat. Wenn wir solche Kurse, quer zu den Grenzen der Einzelgewerkschaften bekämen: Reinmachefrauen, die Mädchen der Wäschereien, die Kassiererinnen, die Fischfiletiermädchen, die Fließbandarbeiterinnen, die Bürogehilfinnen, die Stubenmädchen und alle die anderen. Ich glaube, das würde ein ganz anderer Typ von Kursen werden. Die würden von unserem Erdball handeln.»

Worauf Marion Palmer hier hinweist, ist die Notwendigkeit von Formen der Frauenorganisierung innerhalb der Gewerkschaftsbewegung. Aber dies ist nicht genug. Gerade weil die Rolle des weiblichen Teils der Arbeiterklasse ihrer Situation als Frauen entspringt, sind eine zunehmende Frauenorganisierung und Frauenbewusstsein ein Schlüsselglied zu ihrer Stärkung als Kraft im Klassenkampf. Sie können sich nicht lediglich durch die Gewerkschaftsbewegung «als Klasse konstituieren», sie können sich ihrer Rolle nur bewusst werden, wenn sie auch als Frauen organisiert sind - ausgehend von der ganzheitlichen Situation von Frauen. Dies bedeutet, dass Frauenorganisierung gleich wichtig wie die gewerkschaftliche Organisierung ist.

Es ist interessant zu sehen, dass Elson & Pearson, auf der Grundlage ihrer Studien von Frauen in den Freihandelszonen der Dritten Welt, zu annäherend identischen Schlussfolgerungen gelangen. Auch sie weisen darauf hin, dass gewerkschaftliche Organisierung nicht ausreicht. Spezielle Frauenorganisierung muss hinzutreten (1984, S. 38):

«Die Formen, die die Organisationen der Arbeiter traditionell angenommen haben, sind vom Frauenstandpunkt aus gesehen, unzureichend gewesen, weil sie die Tatsache, dass die Situation der Geschlechter ungleich ist, nicht berücksichtigt, und nicht in ihre Strukturen eingebaut haben. Gewerkschaften z. B., sind dafür organisiert worden, um «die Arbeiter» zu repräsentieren, politische Parteien, um «die Arbeiterklasse» zu repräsentieren. Da keine Rücksicht auf das Geschlecht genommen worden ist, hat dies in der Praxis bedeutet, dass sie männliche Arbeiter repräsentiert haben. Frauen in der Arbeiterklasse sind im Großen und Ganzen lediglich durch ihre Abhängigkeit von männlichen Arbeitern repräsentiert worden. Zusätzlich ist es so, dass die speziellen Probleme, die Frauen als ein unterdrücktes Geschlecht betreffen, oft Probleme sind, die durch die gewohnten Formen der Gewerkschaftsarbeit und politischer Aktivität in der Arbeiterklasse nicht leicht aufzugreifen sind. Neue Organisationsformen müssen her, um diese Probleme aufgreifen zu können, Organisationsformen, die sowohl praktisches, augenblickliches Handeln ermöglichen, als auch die sozialen Wurzeln dessen aufdecken, was auf den ersten Blick als eine Serie individueller, persönlicher Probleme erscheint, deren einziger gemeinsamer Nenner die vermuteten «natürlichen» Eigenschaften sind, die das Frauengeschlecht hat.»

Aber die Frauenorganisierung ist nicht lediglich ein ganz notwendiges Mittel für den Tageskampf der Frauen. Elson & Pearson zeigen auch andere Perspektiven auf (S. 39):

«Der Kampf der Frauen als Geschlecht sollte nicht lediglich nach dem beurteilt werden, was an konkreten Verbesserungen der Situation der Frauen erreicht wird. Er sollte auch davon ausgehend beurteilt werden, wie der Kampf selbst die Fähigkeit zur Selbstbestimmung entwickelt. Die Entwicklung bewusster Zusammenarbeit und Solidarität zwischen Frauen auf der Grundlage gemeinsamer Erfahrungen mit der Frauenunterdrückung ist ein noch wichtigeres Ziel, als die eine oder andere Verbesserung bei Jobmöglichkeiten, Sozialleistungen, verbesserte rechtliche Stellung, geschwächtem «Machismo» oder «patriarchaler Haltungen». Verbesserungen, die als Resultat der Kapitalakkumulation, staatlicher Politik oder veränderter Haltungen bei Männern kommen, können wieder verloren werden. Bleibende Gewinne hängen von der Beziehung ab, die zwischen den Frauen selbst aufgebaut wird.»

Die organisierten Ausdrücke des Frauenbewusstseins können vielerlei Formen annehmen. Sie können Organisationen mit einem mehr begrenzten Arbeitsgebiet, wie Frauen im Kampf, Krisenzentrumsbewegung, Frauen in Männerberufen, Frauenkonferenzen und Frauenkomitees innerhalb der Gewerkschaftsbewegung und anderer Organisationen sein, und sie können mehr zeitlich begrenzte Aktionen sein, wie die «Tarifaktion der Frauen» im Frühjahr 1986. Und sie können 8. März-Demonstrationszüge sein. Alle diese Formen sind wichtig, da sie die Aufmerksamkeit auf die Gemeinschaft von Frauen als unterdrücktes Geschlecht lenken, und wie dies ihr Leben prägt. Aber es gibt auch frauenpolitische Organisationen mit einem mehr ganzheitlichen Programm, wie die Frauenfront27 in Norwegen. Solche Organisationen spielen eine besonders wichtige Rolle, weil sie als Befestigungspunkt für Frauenbewusstsein dienen. Sie setzen die unterschiedlichen Kampfabschnitte in einen Zusammenhang, sie sind der organisatorische Ausdruck für das umfassende Erlebnis dessen, eine Frau zu sein. Starke Organisationen diesen Typs werden sozusagen dazu beitragen, Frauenbewusstsein zu anderen Organisationen und Zusammenhängen, z.B. der Gewerkschaftsbewegung, zu exportieren. Dies haben wir bereits in der Praxis gesehen. In vielen Fällen sind gewerkschaftliche Anliegen von besonderer Bedeutung für Frauen zuerst in der Frauenbewegung aufgegriffen worden, danach in der Gewerkschaftsbewegung. Der 6-Stunden-Tag ist ein Beispiel. Andere Beispiele sind die Unterstützung der Frauen bei Våler Skurlag und der Frauen bei Hillesland, wo die Frauenfront als erste mit organisierter Unterstützungsarbeit zur Stelle war. Die Forderung nach geschlechtlicher Quotenregelung kam auch über die Frauenbewegung in die Gewerkschaftsbewegung hinein. Es ist oft so gewesen, dass frauenpolitische Sachen erst dann auf die Tagesordnung der Gewerkschaftsbewegung reingedrückt wurden, nachdem die Frauenbewegung sie zu politischen Fragen gemacht hatte.

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(26) betriebliches Komitee gegen Alkohol- und Drogenmissbrauch





























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Anmerkungen

(27) «Kvinnefronten»; Internetpräsenz unter: www.kvinnefronten.no/