Das doppelte Bewusstsein

Als die moderne Arbeiterklasse erschaffen wurde, fand nicht lediglich eine Veränderung in der Arbeits- und Lebensweise der Menschen statt. Es gab auch eine Veränderung im Denken der Menschen, in der Auffassung der Menschen von sich selbst. Der Arbeiterschaft wurde bewusst, dass sie eine Sorte waren, die im Gegensatz zu einer anderen Sorte standen, nämlich derjenigen, der die Fabriken gehörten und die die Gesellschaft steuerten. Sie wurden sich dessen bewusst, dass diejenigen, die von gleicher Sorte waren, zusammenhalten mussten. Dieses neue Bewusstsein, das Klassenbewusstsein, wurde eine mächtige Kraft im Kampf für bessere Lebensbedingungen und für eine andere Gesellschaft.

Heute ist die geschlechtsmäßige Zusammenzusetzung der Arbeiterklasse eine andere als zuvor. Die Hälfte der erwerbstätigen Arbeiterklasse in Norwegen sind jetzt Frauen. In der Dritten Welt ist auch ein großes, weibliches Proletariat herangewachsen.

Die Frauen sind es nicht gewohnt gewesen, sich selbst auf gleiche Weise wie der männliche Teil der Arbeiterklasse, als eine gemeinsame, gesellschaftliche Kraft anzusehen. Und die Herrschenden erzählen ihnen dann auch, dass sie nicht wirkliche Arbeiterinnen sind: Sie sind versorgte Hausfrauen, sagen die obersten Richter zu den vier gekündigten Frauen bei Hillesland. Ihr seid Mädchen, die darauf warten, sich zu verheiraten, sagen die Chefs der Betriebe in den Freihandelszonen der Dritten Welt zu ihren Arbeiterinnen. Das Gleiche erlebt der anwachsende Teil der armen Dritte-Welt-Bauern, der aus Frauen besteht: Ihr seid keine Bäuerinnen, ihr seid Mütter und Hausfrauen, sagen die Entwicklungshilfeexperten zu ihnen.

Aber die vier Hillesland-Frauen spüren gut, dass sie Arbeiterinnen sind. Das spüren die jungen Mädchen in den Fabriken der Freihandelszonen der Dritten Welt ebenfalls. Und die Frauen unter den Dritte-Welt-Bauern spüren, dass sie Bäuerinnen sind. Der weibliche Teil der Arbeiterklasse und der weibliche Teil der armen Bauernklasse der Dritten Welt werden ihren Platz im Aufstand der unterdrückten Klassen finden.

Aber sie merken auch, dass es etwas gibt, das anders bei ihnen ist, als bei den anderen Arbeitern und Bauern. Dieses Andersartige ist eben, dass sie einem unterdrückten Geschlecht angehören. Das Bewusstsein darüber, welchem Geschlecht sie angehören, verbindet sie mit unterdrückten Frauen in der ganzen Welt.

Arbeiterinnen und Bäuerinnen, aber auch Frauen. Diese Doppelheit schafft gemeinsame Erfahrungen, etwas Gemeinsames in den Lebensverhältnissen und der Lebenssituation, das den Ursprung zu gemeinsamen Gedanken, zu einem gemeinsamen Bewusstsein bildet. Dieses Bewusstsein - das Frauenbewusstsein, ist - und wird - eine mächtige Kraft im Kampf für bessere Lebensbedingungen und für eine neue Gesellschaft sein.

Das doppelte Bewusstsein gibt den Frauen eine spezielle Stellung im Kampf. Frauen haben zwei Kriege auszukämpfen. Sowohl die Strategie als auch die Organisierung müssen dies berücksichtigen. Dies wird in der Praxis von politisch und gewerkschaftlich aktiven Frauen in der ganzen Welt erlebt. Heliette Ehlers, Frauensekretärin im Landarbeiterverband ATC in Nicaragua, sagte dies so, als ich 1986 mit ihr sprach: «Wir Frauen haben eine doppelte Aufgabe: Wir müssen sowohl Militante in den Gewerkschaften auf gleicher Linie mit Männern sein, und wir müssen für die besonderen Frauenforderungen kämpfen.»

Hier bei uns Zuhause ist es besonders Siri Jensen (1986), die auf die Bedeutung des Frauenbewusstseins hingewiesen hat. Wenn die Frauen in den letzten Jahren auf einer Reihe von Gebieten des Kampfes der Arbeiterklasse an die Spitze gegangen sind, so hat das gerade mit ihrer Situation als Frauen zu tun. Sie stehen in der «Zwickmühle zwischen Job und Familie». Dies führt zu einer Reihe von Konsequenzen:
  - Frauen bekommen eine andere Beziehung zur Zeit als Männer. Dies legt die Grundlage für die Forderung nach dem 6-Stunden-Tag, und dafür, dass die Frauen Triebkraft dieses Kampfes werden.
  - Der Status des Frauenlohns als Zusatzlohn in der Familie macht die Forderung nach einem Lohn, von dem es sich leben und die Kinder versorgen lässt, zwingend. Außerdem sind es ständig mehr Frauen, die faktisch zu Versorgerinnen werden, ohne dass die Funktion der Familie als ökonomische Einheit sich ändert.
  - Die Situation der Frauen führt dazu, dass sie dazu genötigt sind, Forderungen nach Kindergärten, Altenfürsorge usw. zu stellen. Für die Frauen sind dies nicht lediglich «soziale Sachen, mit denen die Gewerkschaften sich befassen sollten». Es handelt sich um Arbeitsplätze und Arbeitsbedingungen von Frauen. Die Forderungen der Frauen weiten die traditionelle Tätigkeit der Gewerkschaften aus. Zusätzlich eröffnen sie umfassende Allianzen mit Patienten, Klienten und Verbrauchern. Die Arbeitsbedingungen der Frauen und die Lebensbedingungen für diese Gruppen sind eng miteinander verknüpft.
  - Der Angriff auf den Normalarbeitstag wird die Stellung von Frauen weiter ausnutzen, um mehr unbequeme Arbeitszeit, schlechtere Lohn- und Arbeitsbedingungen durchzudrücken.
  - die Angriffe auf die Autonomie der Lohnauseinandersetzungen / das Lohnsystem werden den Frauenlohn noch weiter nach unten drücken.
  - die Verschlankung und Privatisierung im öffentlichen Sektor trifft die Frauen dreifach: Sie betrifft sowohl die Arbeitsplätze als auch die Arbeitsbedingungen von Frauen, das bedeutet mehr unbezahlte Fürsorgearbeit, und sie trifft Frauen als Verbraucherinnen.

Die Stellung der Frauen legt daher die Grundlage dafür, dass sie am meisten im Kampf um die Arbeitszeit zu gewinnen haben, für den 6-Stunden-Tag, im Kampf um die zentralen Lohnzulagen und die Mindestlohngarantie, und im Kampf für den öffentlichen Sektor, sagt Siri Jensen. Wir sehen auch, dass die Frauen in der Praxis auf diesen Gebieten an der Spitze marschieren. Sie zieht den Schluss, dass die Arbeiterklasse jetzt zwei Spitzen hat. Zuvor hatte die Arbeiterklasse eine Spitze: das traditionelle Kernproletariat. Es spielte, und spielt weiterhin, eine führende Rolle Kraft der Werte, die sie produzieren, Kraft ihrer Ballung in großen Arbeitsstätten, Kraft ihrer guten Organisierung und ihrer starken Kampftraditionen. Jetzt ist etwas Neues geschehen: Die Arbeiterklasse hat eine Spitze dazu bekommen. Diese Spitze sind die Arbeiterinnen, die ihre führende Rolle Kraft dessen spielen, dass sie, als unterdrücktes Geschlecht, gezwungen sind, eine Reihe von Kämpfen von grundlegender Bedeutung für die ganze Arbeiterklasse aufzunehmen. Daher sehen wir, dass die Frauen im Kampf um die Arbeitszeit, im Kampf um den öffentlichen Sektor und im Lohnkampf an die Spitze gehen.

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