Lesbische Frauen und Immigrantenfrauen sind nicht die einzigen, die Gefahr laufen, hinter der «Schablonenfrau» unsichtbar gemacht zu werden. Das Gleiche gilt für samische28 Frauen, alleinlebende Frauen, alleinversorgende Frauen, alte Frauen. Das Resultat wird, dass ihre Forderungen und Probleme nicht zum Vorschein kommen, sie bekommen keine Unterstützung in ihrem Kampf. Und die «Schablonenfrau» kann dazu kommen, Formen der Unterdrückung zu legitimieren, die sie selbst nicht direkt betreffen.
Das andere Resultat ist, dass das Verständnis der Gesellschaft und der herrschenden unterdrückenden Strukturen und Mechanismen mangelhaft und lahm wird. Die Auseinandersetzung mit der Unterdrückung geht nicht tief genug, wird nicht radikal genug. Ich habe zuvor, mit Ausgangspunkt im Schauspiel Amiri Barakas, vom Unmöglichen gesprochen, mit der Frauenunterdrückung als Grundlage gegen den Rassismus zu kämpfen. Aber das Entgegengesetzte: mit dem Rassismus als Grundlage gegen die Frauenunterdrückung zu kämpfen, ist ebenfalls unmöglich. Wer nicht lediglich ein paar begrenzte Verbesserungen für seine eigene Gruppe im Kapitalismus wünscht, sondern eine ganz neue, befreiende Gesellschaft, muss die Unterdrückung in ihrer vollen Breite verstehen. Da versperrt die «Schablonenfrau» die Aussicht.
(28) dem samischen Volk angehörend, das etwa 60.000 - 80.000 Menschen zählt und im Samenland (Sápmi) lebt (erstreckt sich über die nördlichsten Regionen Norwegens, Schwedens und Finnlands bis nach Russland). Etwa die Hälfte von ihnen lebt auf norwegischem Territorium. Dort, in der Region des Flusses Alta-Kautokeino, brachte der Kampf gegen den Bau des gigantomanischen Wasserkraftwerkes Ende der 70er-Jahre den norwegischen Staat ernsthaft ins Wanken (erst in letzter Minute wurde beschlossen, keine militärischen Kräfte heranzuziehen). Und er verdeutlichte auf tragische Weise die fehlenden Rechte der samischen Minorität als nationale Volksgruppe: Die damalige norwegische Regierungschefin Gro Harlem Brundtland ließ am 6. Februar 1981 14 samische Frauen, die nach einer Anreise von 2000 Kilometern in Brundtlands Büro in Oslo ein ausführliches Gespräch mit ihr über die drohende Zerstörung ihres Lebensraumes einforderten, hinauswerfen. «Damit war klar,» so John Gustavsen, «dass das Alta-Kautokeino-Wasserkraftprojekt ausgebaut werden würde.» (s. «Die Samen, die Indianer des Nordens», in: Ambjörnsen/Haefs (Hrsg.) 1988, S. 145). Die Internetpräsenz des samischen Frauenforums (auch in Englisch) findet sich unter: www.same.net/~sami.nissonforum/