In einem Artikel zur norwegischen Einwanderungspolitik beschreibt Guri Larsen (1986) wie die staatlichen Behörden «das Einwandererproblem» erschufen. «Das Einwandererproblem» entstand, als es nicht mehr lediglich Leute aus anderen westlichen Ländern (und teilweise Süd-Europa) waren, die nach Norwegen kamen, sondern auch Menschen aus der Dritten Welt. Die Argumente für einen Einwanderungsstopp wurden um drei Grundpfeiler herum aufgebaut, sagt Guri Larsen.
- Norwegen wird in der Zukunft einem «zunehmenden Druck» von Leuten aus der Dritten Welt gegenüberstehen, die sich in Norwegen niederzulassen wünschen.
- Einwanderung führt zu sozialen Problemen. Hier wurde ein ganzer Komplex verschiedenartiger Probleme herausgestellt. Die Einwanderung könnte notwendige Rationalisierungen und Maßnahmen von Seiten der Betriebe verhindern, um die Arbeitsplätze für norwegische Arbeitnehmer/innen attraktiver zu gestalten. Die Einwanderung könnte die Probleme in struktursschwachen Gebieten verstärken. Die Einwanderung könnte Probleme für Frauen schaffen, die in das Arbeitsleben raus wollen, weil die Arbeitsplätze stattdessen an die Einwanderer gehen würden (es war der Rat für geschlechtliche Gleichstellung, der damit kam!). Die Einwanderung würde «offenkundig soziale Probleme hier im Land schaffen», besonders im Hinblick auf die Wohnverhältnisse und einem zunehmenden Druck auf den Sozialhilfeapparat.
- Einwanderungsstopp ist von Vorteil für die Einwanderer selbst und die Länder, aus denen sie kommen. Ein öffentlicher Rapport argumentierte damit, dass «Emigration in größerem Umfang den politischen Druck abdämpft, den die Arbeitslosigkeit und die Unterbeschäftigung erzeugt haben kann, und einem Teil der Bevölkerung rein vorläufig bessere Einkünfte verschafft. Aber auf lange Sicht trägt Massenauswanderung ihren Anteil bei, um die strukturellen Änderungen zu verzögern, die die armen Länder durchführen müssen, damit eine positive ökonomische Entwicklung in Gang kommen kann.» Zusätzlich wurde damit argumentiert, dass es für die Einwanderer, die bereits im Lande waren, am besten sei, dass nicht weitere kommen. Man müsse sich darauf konzentrieren, die Situation für diejenigen zu verbessern, die bereits hier waren.
So erhielten Einwanderer aus der Dritten Welt ihre Identität, erschaffen von norwegischen Behörden: sie waren ein «Problem». In der ersten Zeit waren es in der Hauptsache Männer, die kamen um Arbeit zu suchen. Der Einwanderungsstopp schob dem eine Schranke vor. Da tauchte das «Doppelproblem» auf, nämlich die Immigrantenfrau. Guri Larsen schreibt darüber, welche Argumente verwendet wurden als der «vorläufige» Einwanderungsstopp nach ein paar Jahren auf unbestimmte Zeit verlängert wurde (S. 42):
««Aber die «alten» Argumente sind weiterhin gültig: Auch wenn der Einwanderungsstopp im Großen und Ganzen in Übereinstimmung mit den Voraussetzungen gegriffen hat, und es wurden Anstrengungen im Hinblick auf die Verbesserung der Verhältnisse für ausländische Arbeitnehmer und ihre Familien unternommen, ist die Situation für viele Gruppen von Einwanderern weiterhin sehr schwierig. Unter anderem als Folge der zunehmenden Familieneinwanderung der letzten Monate (diese sind durch den Stopp nicht berührt) haben Probleme im Zusammenhang mit der Wohnsituation eher zugenommen als abgenommen. Auch auf anderen Gebieten ist die Situation weiterhin schwierig.» (Stortingsmeldung Nr. 74, 1979-80, S. 31)
Jetzt ist es die Familieneinwanderung, die «Probleme schafft». Und ihr kann kein Stopper vorgesetzt werden. Die Familienzusammenführung27 ist ein internationales Recht, und in den Ausländerbestimmungen verankert. (Allerdings, ausgehend von westlichen Standards mit der Kernfamilie, begrenzt.)»
Sehr viele der Immigrantinnen aus der Dritten Welt sind auf Grundlage der Bestimmungen der Familienzusammenführung nach Norwegen gekommen. Sie sind zu einem Extra-«Problem» geworden, das «das Problem» (Arbeitnehmer aus der Dritten Welt) nach sich zieht. Und diesem Extra-«Problem» können sich die Behörden nicht mittels dem Einwanderungsstopp als Waffe erwehren.
Ausgehend von diesen Prämissen wird den Immigrantenfrauen aus der Dritten Welt in Norwegen entgegengetreten, und es sind diese Prämissen, von denen ausgehend ihre Handlungen interpretiert werden. Dies führt u.a. dazu, dass ein grotesker staatlicher Übergriff wie die Bestrafung von Frauen, wenn sie sich scheiden lassen, mittels Landesverweis möglich wird, wenn Immigrantinnen die Opfer sind. Und das führt dazu, dass die Situation von Immigrantenfrauen ausgehend von negativen «Eigenschaften» an ihr gedeutet wird, oft «Eigenschaften», die ihre Wurzeln in ihrer «Kultur» haben. Hedda Giertsen hat gezeigt, wie wir häufig stereotype Vorstellungen über die «Kultur» anderer Leute verwenden, um ihre Handlungen zu deuten, am liebsten Handlungen, die als negativ aufgefasst werden (1986, S. 21):
«Wenn wir von kulturellen Konflikten sprechen, bedeutet dies zumeist, dass wir die Situation abschließen und es aufgeben, eine Lösung zu finden. Zum Ersten beinhaltet dies, dass wir die Ursache einer Handlung der Kultur der Person zuordnen. Wir versuchen nicht herauszubekommen, was es an Nuancen, Ungleichheiten und Gegensätzen in anderen Kulturen gibt, sondern gebrauchen platt vereinfachte, generalisierte Vorstellungen von allen eines bestimmten Landes oder Erdteiles. (So passiert es, dass der gleiche Typ von Handlung von einem Norweger begangen wird. Wo liegt jetzt die Ursache? Wir platzieren sie behende in das Individuum, am aller liebsten in abweichende Züge. Nicht in die Kultur.»
In einer Besprechung eines Buches von Sven Axel Månsson (Liebe und Kulturkonflikt), gibt Hedda Giertsen (1985) ein treffliches Beispiel für diese Weise, die Handlungen von Einwanderern zu deuten. Månsson hat einen in Schweden lebenden Iraner interviewt, der von einer Episode erzählt, als er bei einer schwedischen Frau übernachtete. Sie lagen nackt nebeneinander, aber er durfte nicht mit ihr schlafen. Für den Iraner war dies verwirrend. Dass eine Frau sich nackt neben einen Mann ins Bett legt, bedeutete, wie er dies zu deuten gewohnt war, eine Einladung zum Beischlaf. Der Iraner fühlte sich gekränkt. Aber er unternahm nichts. Es wurde keine Vergewaltigung. Der Iraner selbst erläutert dies damit, dass er eine Art Sperre in sich hat, die verhindert, dass er sich in einer solchen Situation an Frauen vergreift, eine «Art politische Moral, die sagt, dass man in solchen Situationen mit Gebrauch von Gewalt überhaupt keinen Weg gehen kann».
Månsson versucht nun, diese Situation und die Handlungen des Mannes, ausgehend vom Begriff «Kulturkonflikt» zu interpretieren (zit. n. Giertsen, S. 44):
«Obgleich vermutlich ein Kulturkonflikt vorliegt, der ziemlich problematisch sein kann, löst dieser nicht automatisch eine Vergewaltigung aus. Die «Sperre», von der der Mann sagt, dass er sie hat, findet sich wahrscheinlich bei den meisten Menschen in solchen Situationen.»
Vorauszusetzen bei Månsson ist es, dass «der Kulturkonflikt» eigentlich zur Vergewaltigung geführt haben sollte. Wenn dies nicht «automatisch» geschieht, leigt dies daran, dass der Iraner eine allgemeinmenschliche Sperre gegen Gewalt hat. Das Negative, der Impuls zur Vergewaltigung, wird der Kultur des Iraners zugeschrieben. Das Positive, die Sperre gegen den Gebrauch von Gewalt, wird etwas «:Allgemeinmenschlichem» zugeschrieben. Wie Hedda Giertsen hinweist: Warum wird «die politische Moral gegen den Gebrauch von Gewalt» des Iraners nicht als Teil des Wertesystems in seiner Kultur gedeutet?
Dieser Mechanismus ist wichtig, um den Rassismus im Allgemeinen, und die Situation der Immigrantenfrauen zu verstehen. Heiberg und Roli beschreiben die Situation vieler Immigrantenfrauen aus der Dritten Welt so (1981, S. 82):
«Um die Konsequenzen der Migration zu verstehen, ist es wichtig, sich einen Teil der Gemeinsamkeiten des Hintergrunds der Immigranten anzuschauen. Das Heimatland ist anders als Norwegen organisiert, sowohl soweit es die Lohnarbeit, soziale Rechte und Leistungen, als auch die praktischen Aufgaben im Zuhause und der Gesellschaft betrifft. Die dortigen Arbeitsaufgaben der Frauen waren mit der Produktion von Notwendigkeiten verbunden (landwirtschaftliche Arbeit, Heimindustrie, Essens- und Bekleidungsfertigung), neben Kindergeburten und Fürsorge- und Haushaltsarbeit. Durch Verwandte, Frauengemeinschaft oder das Lokalmilieu hatte die Frau Möglichkeiten, Einfluss auszuüben, während sie gleichzeitig Sicherheit besaß, indem sie in einen größeren sozialen Zusammenhang einging.
Der Umzug nach Norwegen bedeutet Veränderungen von Land, Wohnort und Werten. Die Frau wird abhängig von der Kernfamilie als soziale und ökonomische Einheit, und sie verlagert ihre Solidarität und Abhängigkeit von Verwandten hinüber zum Ehemann. Diese kleine Einheit erlebt die Begegnung mit Norwegen als eine Konfrontation mit einer Mehrheit, die ihre Weise zu leben nicht akzeptiert. Hier im Land macht die Immigrantenfrau kein natürliches Teil der Produktion oder der näheren Umgebung aus. Ihre Fürsorgefunktionen nehmen zu, und ihr werden keine anderen Aufgaben in der norwegischen Gesellschaft angeboten.»
Die Immigrantenfrau kommt in das Land rein, bereits als ein «Doppelproblem» definiert. Sie wird in eine isolierte, abhängige, machtlose Position hineingepresst. Dass sie in einer solchen Situation landet, wird als Folge von Eigenschaften gedeutet, die ihr und ihrer «Kultur» zugeschrieben werden, nicht als Resultat der Weise, wie die norwegische Gesellschaft ihr begegnet. Die Behörden « ... untermauern die Einstellung, wonach es in anderen Kulturen dazu gehört, dass Frauen zu Hause und Eingeschlossene sein sollen. Die staatlichen Behörden legitimieren auf diese Weise ihre Diskriminierungspolitik gegenüber Immigrantenfrauen,» sagen Heiberg und Roli (S. 88).
Das Sichtbarmachen der Immigrantenfrauen bedeutet damit, unterdrückende Strukturen und Mechanismen in unserer eigenen Gesllschaft sichtbar zu machen. Dies ist ein wichtiger Teil der notwendigen Solidarität mit den Immigrantinnen. Und es ist wichtig, um den Kampf gegen eine unterdrückende Gesellschaft ganz von Grund aus führen zu können.