Lesbische Frauen - spezielle Unterdrückung - spezielle Stärken

Es geschieht nicht gerade selten, dass Gegner des einen oder anderen Frauenanliegens als Argument verwenden, dass die Vorkämpferinnen des Anliegens lesbisch sind. Ein bekanntes Beispiel ist der Redebeitrag des Høyre23-Repräsentanten Anders Melteig in der Osloer Stadtverordnetenversammlung im Jahre 1982, als die Vorschläge des Osloer Projektes gegen Prostitution debattiert wurden. Einer der Vorschläge lief darauf hinaus, die Kunden der Prostituierten zu kriminalisieren. Melteig kommentierte dies so (zit. n. Finstad, 1986, S. 129):

«Und mir muss am Schluss gestattet werden, aufrichtig genug zu sein, um zu gestehen, dass ich vor allem aufgrund eines beklemmenden Gefühls Bedenken hinsichtlich dieses Gesetzesvorschlages gehabt habe, wonach er einer fixen Idee entsprungen ist, ausgeheckt - das muss wohl das richtige Wort in diesem Zusammenhang sein - von einer Frau, die, soweit ich verstanden habe, jede geschlechtliche Verbindung zwischen Mann und Frau mit Missbilligung oder Skepsis betrachtet und meint, dass sie ein Unding ist, das nur zur Unterdrückung der Frau führt, sowohl im buchstäblichen als auch in anderem Sinne.»

Die Frau, auf die Melteig anspielte, war Liv Finstad, die Leiterin des Prostitutionprojektes. Sie ist, völlig richtig, offen als lesbisch aufgetreten.

Aber auch heterophile Frauen können dem Gleichen ausgesetzt sein: dass versucht wird, ihre sachlichen Argumente zu untergraben, indem behauptet wird, dass diejenigen, die sie unterstützen lesbisch sind, oder dass ihnen «lesbische Ideologie» zu Grunde liegt. In der Debatte, die der Herausgabe des Buches «Mannsleute» im Jahre 1983 folgte, eine frauenpolitische Anthologie, die eine Reihe verschiedenartiger Themen aufgriff, wurden «lesbisch» und «lesbische Ideologie» als Charakteristika verwendet, um die Argumente der Verfasserinnen zu entwerten. Nina Karin Monsen rezensierte das Buch im «Morgenbladet» v. 8.11.1983. «Von den Artikelverfasserinnen sind auffällig viele Lesben,» behauptet sie, bevor sie fortfährt:

«Wenn wir die Verfasserinnen zusammenlegen, und eine Botschaft von ihnen ziehen, lautet diese: Die Frauen sollten sich nicht auf Männer beziehen, sondern lesbisch werden, Inzestverbrecher und Kunden von Prostituierten sollten öffentlich bekannt gemacht werden, Männer, die sexuelle Belästigung betreiben, sollten von ihren Arbeitsstellen entfernt werden, Männer sollten im Arbeitsleben diskriminiert werden, Frauen sollten nicht verurteilt werden, wenn sie Männer umbringen, die sie misshandeln, und die Straßen sollten mit den Eingeweiden von Männern geschmückt werden, die Frauen umgebracht haben.»

Dieser merkwürdige Ausbruch der ehemaligen Feministin Nina Karin Monsen erwies sich als guter Stoff. Monsen wurde mit einem Samstagsporträt in der [auflagenstarken] Aftenposten belohnt, unter dem Titel «Sie flucht in der Kirche der Feministinnen». Unter vielem anderem hat sie Folgendes zu sagen:

«Der Männerhass ergießt sich außerdem in Behauptungen, die von der lesbischen Seite kommen, wonach Frauen eigentlich, bei tiefgehendster Betrachtung, lediglich gegenüber anderen Frauen eine sinnvolle Liebe entwickeln können. Was für ein schrecklicher Unsinn! Natürlich ist unser Liebesleben auf Männer eingerichtet.»

Im [sozialdemokratischen] Arbeiderbladet schlägt Finn Gustavsen24 die gleichen Töne an. Ein Kommentar zum Kampf gegen Porno v. 03.11.1983 enthält diese «Analyse»:

«Mehrere Strömungen verschaffen sich Geltung, mit der AKP an der Spitze. Deren spezifischer Neomoralismus - mit Infizierungseffekt in der gesamten Linken, wird eins mit dem düsteren Pietismus der KrF25 und einer lesbischen Ideologie, die Teile einer stark reduzierten Frauenbewegung prägt.»

Wie antwortet man auf Derartiges? Heterophilen Frauen drängt sich sofort die Antwort auf: Nein, ich bin gar nicht lesbisch, ich bin heterophil, so gut wie irgendwer. Aber in einer solchen Antwort liegt ein Zugeständnis dahingehend, dass sexuelle Veranlagung in der aktuellen Sache von Bedeutung ist. Da akzeptieren wir, dass es ein Argument gegen die Kriminalisierung der Kunden von Prostituierten ist, dass diejenige, die den Vorschlag unterstützt, lesbisch ist.

Wie kann «du bist lesbisch» ein Argument gegen den Frauenkampf werden? Weshalb können sogar bewusste, starke Frauen für ein solches Argument empfänglich werden? Das muss etwas mit der Stärke der Vorstellung vom Zusammenhang zwischen «natürlicher» Geschlechterliebe und dem Überordnungs- / Unterordnungsverhältnis zwischen Mann und Frau zu tun haben. Die Unterordnung der Frau unter den Mann ist ein so untrennbarer Bestandteil der Liebe zwischen ihnen, dass lediglich Frauen, die ihre Geschlechtsliebe nicht auf Männer ausrichten, dieses Unterordnungsverhältnis mit einem Fragezeichen versehen können.

Die lesbische Frau wird damit zu einer Herausforderung für das Geschlechtersystem der Gesellschaft. Sie löst das Band zwischen Liebe und Unterordnung unter den Mann auf. Sie untergräbt den Platz der Familie in der Gesellschaftshierarchie, indem sie ein leibhaftiges Beispiel dafür ist, dass es angeht, auf andere Weise als zusammen mit einem Mann in der Familie zu leben. In letzter Zeit hat auch der Kampf lesbischer Frauen für das Recht auf Insemination26 und Adoption die Kontrolle über die Sexualität von Frauen herausgefordert. Die Geschichte hindurch ist die Sexualität von Frauen streng kontrolliert worden als Mittel, um dem Ehemann leibliche Erben zu geben. Moderne Verhütungsmethoden haben die Kontrolle über die Sexualität von Frauen geschwächt (selbst wenn sie auch den Effekt gehabt haben, auf den Bell Hooks hinweist: Männern unbegrenzten Zugang zu den Körpern von Frauen zu geben). Die Sexualität von Frauen ist zu etwas Eigenständigem geworden - nicht lediglich ein Mittel um Kinder zu gebären. Die Forderungen lesbischer Frauen zum Recht auf Insemination und Adoption treiben diese Trennung auf die Spitze. Und sie fordern das Bild der heiligen, natürlichen Familie, mit Mutter, Vater und Kind heraus.

Lesbische Frauen sind hart unterdrückt gewesen und werden hart unterdrückt, und als «unnatürlich» und «pervers» abgestempelt. Diese Unterdückung nimmt höchst handfeste Formen an. Es genügt, an Hitlers Versuch zu erinnern, Lesben und Schwule während des letzten Krieges auszurotten. Unter mehr «normalen» Umständen sind Lesben und Schwule einer Diskriminierung auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt und in allen anderen Zusammenhängen ausgesetzt gewesen, ihnen wurde mit Gewalt und Verachtung begegnet, und sie wurden auf Grund ihrer sexuellen Veranlagung zum psychiatrischen Fall erklärt. Sehr viele (die meisten) haben versucht das Problem durch das Verbergen dessen zu «lösen», dass sie Lesben und Schwule sind. Eine so wesentliche Seite seiner Persönlichkeit als eine schändliche Sache verborgen zu halten, ist selbstvertändlich eine enorme Belastung. Die Verdammung und Verachtung fressen sich ins Selbstbild hinein. Als die lesbische und schwule Befreiungsbewegung entstand, war es eine wichtige Aufgabe, eine neue, positive Identität zu erkämpfen.

Lesbische Frauen haben sich in der Situation befunden, dass sie doppelt unsichtbar gemacht wurden. In der Frauenbewegung sind sie hinter der heterophilen «Schablonenfrau» verschwunden. Es hat schon auch einen gewissen Widerstand dagegen gegeben, lesbische Frauen allzu sichtbar zu machen, weil das dazu beitragen könnte, die Argumente der Frauenbewegung in den Augen der Öffentlichkeit zu entwerten. In der homophilen Bewegung sind Lesben hinter dem schwulen Mann verschwunden. Aber in vielen Situationen sind die Lage und die Interessen lesbischer Frauen und schwuler Männer sehr unterschiedlich, weil sie jeweils ihrem Geschlecht angehören. (s. Enderud & Ringstad, 1987)

Lesbische Frauen sind speziell unterdrückt. Aber sie haben auch spezielle Stärken. Die wichtigste Stärke entspringt vielleicht dem, dass sie dazu gezwungen wurden, über ihre eigene Geschlechtsidentität auf andere Weise als heterophile Frauen zu reflektieren. Die Gesellschaft bietet der heterophilen Frau ein fertiges Muster an, in das sie hineingehen kann. Das ist ein Muster, das seine Belohnungen hat, aber auf Kosten der Unterordnung unter den Mann. Der lesbischen Frau hat die Gesellschaft ein solches Muster nicht anzubieten. Bestenfalls hat sie eine groteske Karikatur anzubieten. Lesbische Frauen müssen in viel höherem Grad eine positive Identität selbst aufbauen, eine Frauenidentität, die die Unterordnung unter den Mann als ein untrennbares Bestandteil des Liebesverhältnisses nicht enthält. Im Kampf zur Veränderung der sozialen Geschlechter, die diese Gesellschaft erzeugt, sind daher die Erfahrungen lesbischer Frauen von Bedeutung für alle Frauen.

Lesbische Frauen können auch auf andere Weise eine spezielle Rolle in der Frauenbewegung spielen. Indem sie die Frauenbewegung dazu herausfordern, lesbische Frauen sichtbar zu machen, zwingen sie heterophile Frauen dazu, eine Auseinandersetzung mit der Vorstellung vorzunehmen, dass die Argumente der Frauenbewegung entwertet werden, wenn viele lesbische sich beteiligen. Eine Abrechnung mit dieser Vorstellung vorzunehmen, ist eine Auseinandersetzung mit der Idee, die weiterhin ihr eigenes Leben in unserem Unterbewusstsein führt: dass die Unterordnung der Frau unter den Mann das einzig «Normale» und «Natürliche» ist. Die Forderung lesbischer Frauen nach ihrem rechtmäßigen Platz in der Frauenbewegung verdeutlicht das traurige Gedankengut, das viele von uns weiterhin mit sich herumtragen.

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Anmerkungen

(23) Konservative Partei; Høyre = «Rechts»






























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Anmerkungen

(24) - (geb. 1926) Zunächst linker Sozialdemokrat in der DNA, dann in herausragender Stellung an der Gründung der SF (Sozialistische Volkspartei) im Jahre 1961 beteiligt (die sich später über den SV «Sozialistischer Wahlverband» zur SV «Sozialistische Linke» entwickelte).






























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Anmerkungen

(25) Christliche Volkspartei






























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Anmerkungen

(26) künstliche Befruchtung