Was trennt uns?

«Die Schwesternschaft ist weltumspannend» heißt ein von Robin Morgan redigiertes Buch. Und es ist wahr, dass alle Frauen in der Welt als Geschlecht unterdrückt werden, und dass wir daher etwas gemeinsam haben. Aber im Kampf, um uns dieser Unterdückung zu entledigen, können wir lediglich eine Stück weit zusammen des Weges gehen.

Die Frauen in der arbeitenden Bevölkerung haben allen Grund, mit der bürgerlich geprägten Frauenbewegung zusammenzuarbeiten, und sie zu unterstützen, solange sie als «Bürgerrechtsbewegung» auftritt, d.h. die demokratische Forderung nach Gleichstellung zwischen den Geschlechtern erhebt. Zum Ersten ist die Forderung nach Gleichstellung gerecht, und sie dient dem Geschlecht der Frauen als Ganzes. Zum Zweiten verhält es sich so, dass, je größere formelle Gleichheit erzielt wird, desto klarer tritt die tatsächliche Ungleichheit hervor. Die Frauen erhielten das Wahlrecht, aber nicht politische Macht. Die Frauen erhielten Zugang zu den allermeisten Berufen. Aber weiterhin sind die Frauen in einer kleinen Anzahl von Berufen mit niedrigem Lohn und Ansehen konzentriert, während Männer über das gesamte Spektrum verteilt sind. Frauen erhielten gleichen Lohn. Aber weiterhin haben sie nicht einen Lohn, von dem sie leben können. Je mehr diskriminierende formelle Regeln beseitigt werden, desto deutlicher wird, dass es etwas anderes ist als diese formellen Regeln selbst, dass die Frauenunterdrückung aufrechterhält. Das weist eine Parallele zum Verhältnis zwischen den Klassen auf: Je größere formelle demokratische Rechte sich die Arbeiterklasse erkämpft, desto klarer wird es, dass der Kapitalismus sein Versprechen über die Gleichheit zwischen den Menschen nicht einlösen kann. Das Ausbeutungsverhältnis steht im Wege.

Daher haben die Arbeiterinnen Grund, alle «klassenlosen» Gleichstellungsforderungen zu unterstützen, selbst wenn sie geringe direkte Bedeutung für ihre eigene Situation haben. Es ist richtig, die Forderung zu unterstützen, dass Frauen Chef(innen)s, Pfarrer(innen) oder regierende Monarch(inn)en werden können, auch wenn wir weder Pfarrer(innen), Chef(innen)s oder regierende Monarch(inn)en mögen. Auch solche Forderungen sind Teil des Kampfes für formelle und rechtliche Gleichstellung, an dem die Arbeiterklasse Interesse hat. Ein Beispiel für eine wichtige demokratische Forderung, die die bürgerlich/kleinbürgerliche Frauenbewegung in unserer Zeit erhoben hat, ist die Forderung nach der Quotenregelung. Die Frauen entdeckten, dass sie im Kampf um hohe Positionen und um unterschiedliche Typen von Aufgaben schwach gestellt waren, unabhängig davon, wie qualifiziert sie waren. Die Forderung nach einer Quotenregelung, in mehr oder minder radikaler Ausformung, ist eine demokratische Forderung nach verhältnismäßiger Repräsentation der Geschlechter.

Eine proletarische Frauenbewegung kann sich daher nicht von einer bürgerlich/kleinbürgerlichen Frauenbewegung unterscheiden, indem sie gegen die klassenlose Gleichstellungsforderung auftritt. Eine proletarische Bewegung muss weiter gehen, indem sie auch die tatsächlichen Ungleichheiten aufgreift, und sie mit der Funktionsweise des kapitalistischen Systems in Zusammenhang setzt.

Heute ist von der bürgerlichen Frauenbewegung als Bürgerrechtsbewegung nicht mehr viel übrig. Sie hat im Großen und Ganzen ihre progressiven Möglichkeiten ausgeschöpft, auch wenn bürgerliche Frauenrechtlerinnen sich weiterhin auf einigen Gebieten geltend machen, z.B. wenn es um den Kampf für Quotenregelungen für höhere Stellungen geht. Die eine, große Frage, wo die formelle Ungleichheit zwischen Männern und Frauen weiterhin ins Auge springt, nämlich die Wehrpflicht, wird lediglich von einigen einzelnen Schwalben unter den bürgerlichen Frauen aufgegriffen.

Die Frauenbewegung in der heutigen Welt ist geprägt von einem Wirrwarr von Richtungen, Ideen und Kampfanliegen. Es ist schwierig, die klaren Grenzen früherer Zeiten zwischen einer «bürgerlichen» und einer «proletarischen» Richtung wiederzufinden. Die klassenmäßige Zusammensetzung der heutigen Frauenorganisationen ist stärker gemischt. Aber viele der gleichen Gegensätze spiegeln sich weiterhin wider. In der neuen Frauenbewegung in Norwegen war es z.B. lange eine Streitfrage, ob der Antiimperialismus etwas mit der Frauenfrage zu tun habe (Strøm, 1986, S. 51):

«Es gab mehrere Ursachen für diese Spaltung (zwischen der Frauenfront [Kvinnefronten] und den Neofeministinnen, Anm. K. E.), aber die sichtbarste Ursache war die Auffasssung von der internationalen Frauensolidarität. Die Unterstützung von Befreiungsbewegungen, der Kampf für die Freiheit eines Landes, wurden nicht von allen als wichtige Forderungen angesehen. Das Wort Imperialismus wurde als ein Wort angesehen, dass die Frauenfront von den männerdominierten Organisationen geerbt hatte.»

Hier findet man die Vorstellung über die «unpolitische» Frauenfrage wieder. Es ist kein Zufall, dass es gerade die Frauenfront war, diejenige der neuen Frauenorganisationen, die sich am deutlichsten in der «proletarischen» Tradition platzierte, die an die Spitze ging, um internationale Solidarität als eine Sache der Frauenbewegung emporzuheben. Andererseits ist es auch kein Zufall, dass es nicht die Frauenfront war, die an die Spitze ging, um Fragen wie Frauenmisshandlung und Vergewaltigung aufzugreifen. Hier machte sich auch das Erbe der «proletarischen» Tradition bemerkbar: Man soll den Kampf gegen «die Gesellschaft» richten, nicht gegen «den Mann».

Die Frauen gehen auseinander, und die Schwesternschaft bricht, wenn Frauenforderungen die Klasseninteressen der Bourgeoisie zu bedrohen beginnen. In unseren Tagen geschieht das ganz schnell. Die niedrig entlohnten, doppelt arbeitenden Frauen in den Frauenberufen, die einen Lohn benötigen, von dem sie leben können, nicht lediglich eine «Ergänzung zum Lohn», die den 6-Stunden-Normalarbeitstag benötigen, die den Ausbau von Kindergärten und Altenfürsorge benötigen, die eine unabhängige Gewerkschaftsbewegung und freie, gewerkschaftliche Rechte, um für diese Forderungen kämpfen zu können, benötigen, die geraten rasch in direkten Gegensatz zur Profitjagd der Bourgeoisie. Eine der Waffen der Bourgeoisie in diesem Kampf, ist das herrschende Frauenbild, mit der Frau als aufopfernde Mutter und Tochter und versorgte «Nebenperson» in der Familie. Eine Frauenbewegung für die Mehrzahl muss ihren Ausgangspunkt in der Situation und in den Interessen der Frauen der arbeitenden Bevölkerung nehmen. Das erfordert, dass sie allseitig ist, und den Kampf gegen das «Geschlechtersystem» in seiner vollen Breite aufnimmt.

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