Eine Linie für die Frauen der Bourgeoisie und eine für die Frauen der Arbeiterklasse?

Historisch ist es zweifelsfrei so gewesen. Es hat eine Grenze zwischen einer bürgerlich/kleinbürgerlichen Frauenbewegung und einer proletarischen Frauenbewegung gegeben, und diese beiden Richtungen haben für ungleiche Dinge gestanden. Dies ist selbstverständlich dem objektiven Faktum geschuldet, dass Frauen ungleichen Klassen angehören. Die Klasse ist nicht eine «Kategorisierung, die vom Patriarchat erfunden wurde, um zu spalten und zu herrschen», wie eine moderne Feministin wie Robin Morgan (1984, S. 19) behauptet.

Für Frauen in ungleichen Klassen erscheinen ungleiche Probleme als die brennendsten. Es ist kein Zufall, dass Katti Anker Møller sich frustriert vom ersten Vorstand des Nationalrats Norwegischer Frauen zurückzog. Katti Anker Møller beschäftigte sich mit Themen wie Abtreibung, Verhütung und der Situation unverheirateter Mütter (s. Tokheim, 1977). Dies waren Fragen, die die Frauen in der Arbeiterklasse am stärksten berührten, und Katti Anker Møller fand wenig Echo für ihre Herzensangelegenheiten im bürgerlich dominierten Nationalrat.

Grob vereinfacht lässt sich sagen, dass die bürgerlich/kleinbürgerliche Frauenrechtsbewegung eben die Bürgerrechtsbewegung der Frauen gewesen ist, eine Bewegung für Gleichstellung innerhalb des Rahmens des Systems. Sie hat sich gegen die ungleiche Behandlung von Frauen und Männern gerichtet, mit einer demokratischen Forderung nach Gleichstellung. In ihrem Ausgangspunkt war die Frauenrechtsbewegung von einer liberalen Gesellschaftssicht geprägt und wünschte die freie Konkurrenz zwischen den Individuen, ohne Handicap für ein Geschlecht.

Die Frauenbewegung in der Arbeiterklasse ist oft mit den politischen Parteien der Arbeiterklasse verbunden gewesen, und ist weniger mit Gleichstellung beschäftigt gewesen als mit Forderungen, die der materiellen und sozialen Situation der Arbeiterinnen entsprangen. Die Rücksichtnahme auf die Einheit der Arbeiterklasse (eine Einheit, für die die Männer die Prämissen diktierten) hat die proletarische Frauenbewegung oft ein wenig zahm im Kampf gegen die spezielle Frauenunterdrückung gemacht. In ihrem Artikel zum Frauenverband (KF) der sozialdemokratischen Arbeiterpartei von 1901 bis 1909 schreibt Kirsten Flatøy (1977, S. 76):

«1904 richtete der KF Kritik gegen die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen, gerade weil der Kampf, den sie führten gegen den Mann gerichtet war, und nicht gegen das bestehende Gesellschaftssystem. Das vorrangige Ziel der Frauenrechtlerinnen war das Erreichen formeller Rechte in der Gesellschaft, und das Sich-Durchsetzen in der Konkurrenz mit den Männern auf dem Arbeitsmarkt, hieß es. Für die Arbeiterinnen war es nicht ein Ziel, das zu erreichen, was sie als eine mehr oder weniger künstliche Gleichheit mit dem Mann auffassten, sondern Verbesserungen für die Arbeiterklasse als Ganzes zu erreichen.»

Dies kann als eine Veranschaulichung gelten, die andeutet, wo die Grenzlinie verlief. Aber beide Richtungen waren mit wichtigen Widersprüchen versehen:

Die bürgerliche Frauenbewegung trug (und trägt) einen Widerspruch in sich, der den sich widerstreitenden Interessen als Geschlecht und als Klasse entspringt. Als Geschlecht werden sie von einem System unterdrückt, von dem sie als Klasse gleichzeitig die Früchte ernten. Die bürgerliche Frauenbewegung hat versucht, diesen Widerspruch zu lösen, indem sie die »Frauenfrage» zu etwas «Unpolitischem» macht, etwas, was keinen Zusammenhang mit anderen Gesellschaftsfragen hat. «Für die Frauenrechtlerinnen war das Ziel daher die Gleichstellung, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Sie wünschten keine Veränderung der Klassenverhältnisse, und sie hielten sich von Fragestellungen fern, die sie als «politisch» auffassten. Die Frauenfrage war für sie unpolitisch,» schreibt Gro Hagemann über die Situation im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts in Norwegen (1977, S.108). Später hat der bürgerlich geprägte Teil der neuen Frauenbewegung auch andere Sachen aufgegriffen als solche, die sich um formelle Gleichstellung zwischen den Geschlechtern drehen. Aber die Vorstellung, dass es «reine» Frauenfragen gibt, die nichts mit Politik zu tun haben, hat sich erhalten. Die Polemik zwischen Domitila und Betty Friedan in Mexiko zeigt dies. Die Arbeiterklassenfrau Domitila aus dem Dritte-Welt-Land Bolivien hat eine andere Auffassung darüber, was «Frauenfragen» sind als die weiße Mittelklassenfrau Betty Friedan aus den USA.

Während die bürgerliche Frauenbewegung sich mit dem eingebauten Problem abmüht, dass ihr Ziel: volle Gleichberechtigung innerhalb des Rahmens des Systems, unmöglich ist, hat die proletarische Frauenbewegung ihre eigenen Probleme. Das augenfälligste von ihnen ist das Verhältnis zu den Männern in der Arbeiterklasse und der arbeitenden Bevölkerung.

Die Frauenbewegung, die mit der Arbeiterbewegung verbunden gewesen ist, ist ständig mit der Forderung konfrontiert worden, ihren Kampf gegen «die Gesellschaft», nicht gegen «den Mann» zu richten. Dies ist nicht lediglich eine Forderung, die den Frauen von außen aufgepresst wurde. Die Frauen in der Arbeiterbewegung haben selbst den Bedarf für die Einheit zwischen den Geschlechtern gesehen, um so stark wie möglich im Kampf gegen die Klassenunterdrückung dazustehen, von der beide Geschlechter betroffen sind. Gegen die Frauenunterdrückung zu kämpfen, die von «der Gesellschaft», oder «dem System», oder «der Bourgeoisie» ausgeübt wird, ist mittlerweile eine unmögliche Aufgabe. Die Unterdrückung, die von «Männern» ausgeübt wird, geht in ein ganzheitliches Geschlechtersystem ein, das dazu beiträgt, die Klassenherrschaft der Bourgeoisie aufrechtzuerhalten. Wenn der Mann den Vorteil durch einen privaten Diener in der Familie hat, hat das Kapital gleichzeitig den Vorteil, dass die Reproduktionskosten durch die unbezahlte Arbeit der Frauen niedrig gehalten werden. Wenn der Mann über «seine» Frau herrscht, hat die Bourgeoisie gleichzeitig den Vorteil, dass die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung in Schach gehalten wird, und dass die Vorstellung über «natürliche» Gesellschaftshierarchien aufrechterhalten wird. Die Tiefe und die Breite der Unterdrückung der Frauen durch «die Gesellschaft» oder «die Bourgeoisie» kann nicht verstanden werden, ohne dass die Unterdrückung «des Mannes» mit in die Analyse reingenommen wird. Wenn es tabu ist, gegen die Unterdückung «der Männer» zu kämpfen, führt dies lediglich dazu, dass wichtige Teile selbigen Geschlechtersystems geschützt werden. Dies ist in der Praxis das Resultat geworden, sowohl in den Arbeiterinnenbewegungen früherer Zeiten; als auch zeitweise in Teilen der «neuen» Frauenbewegung.

Für die Frauen in der arbeitenden Bevölkerung existiert nicht ein solcher objektiver, eingebauter Widerspruche wie für die bürgerlichen Frauen.

Ganz im Gegenteil, sowohl der Kampf, den sie als Geschlecht führen als auch der Kampf, den sie als Klasse führen, zieht in die gleiche Richtung: er bedroht die Bourgeoisie als Klasse und den Kapitalismus als System. Dies zu verstehen ist wichtig, sowohl für Frauen als auch für Männer. Für die Frauen ist es wichtig dies zu verstehen, um den Versuchen von bürgerlich eingestellten Frauen und Arbeiterklassemännern - von jeder der beiden Interessenlagen aus - zu widerstehen, den Kampf, der geführt werden muss, einzuengen. Und es ist wichtig die doppelte Rolle des Mannes der Arbeiterklasse als Opfer und Profiteur im Geschlechtersystem des Kapitalismus zu verstehen. Ohne diese doppelte Rolle zu sehen, riskiert man von der «Einheit gegen die Bourgeoisie» nach männlich-chauvinistischen Prämissen, zu einseitiger Feindlichkeit ohne Überzeugungsversuche und Allianzen nach progressiven Prämissen zu wackeln. Für Mannsleute ist es wichtig die Funktion des Frauenkampfes zu verstehen, um ihren eigenen Klasseninteressen dienen zu können, und um im Stande zu sein Widerstand dagegen zu leisten, die Rolle als «nützliche Idioten» zu spielen.

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