In Zeiten, wo der Frauenkampf Wind in den Segeln gehabt hat, gab es keinen Mangel an Warnungen, dass der Frauenkampf nicht dem Klassenkampf «übergeordnet» werden soll. Darin waren mehrere Dinge enthalten: Die Furcht, dass Frauen und Männer die Kräfte dazu verwenden, sich gegenseitig zu bekämpfen anstatt sich gegen die Bourgeoisie auszurichten. Die Furcht, dass sozialistische und revolutionäre Frauen zu einer «klassenlosen Gleichberechtigungslinie» übertreten werden. Und sicher auch Furcht davor, dass eigene Männerprivilegien unter Beschuss geraten werden.
Agnete Strøm (1986b) hat es so gesagt: Ein Klassenstandpunkt ohne Frauenperspektive ist ein auf Unterdrückung basierender Klassenstandpunkt. Dies ist wichtig, um das Verhältnis zwischen Klassenkampf und Frauenkampf zu verstehen.
In den Tagen der 2. Internationale22 gab es Repräsentanten, die von einer «sozialistischen Kolonialpolitik» sprachen (s. Myrdal, 1986, S. 67). Die Arbeiter in den imperialistischen Ländern sollten also den Imperialismus akzeptieren (wovon sie vielleicht auf kurze Sicht einige Vorteile hatten), aber eine alternative Kolonialpolitik entwickeln, die «sozialistisch» war. Heutzutage wirkt der Ausdruck «sozialistische Kolonialpolitik» lediglich grotesk. Bist du Sozialist, musst du gegen den Imperialismus kämpfen, du musst dich im Kampf gegen die Bourgeoisie auf die Seite der unterdrückten Nationen stellen. Ein Klassenstandpunkt ohne antiimperialistischen Inhalt ist ein auf Unterdrückung basierender Klassenstandpunkt. Mit einem solchen Klassenstandpunkt unterstützt du in Wirklichkeit das System, das du zu bekämpfen wünscht.
Ein Klassenstandpunkt ohne Frauenperspektive ist eine Art «sozialistische Kolonialpolitik». Die männlichen Arbeiter werden da die Frauenunterdrückung akzeptieren (wovon sie auf kurze Sicht Vorteile haben). Aber genau wie «die sozialistische Kolonialpolitik» eine Unterstützung des Imperialismus als System und der Bourgeoisie als Klasse ist, ist ein Klassenstandpunkt ohne Frauenperspektive eine Unterstützung des Imperialismus als System und der Bourgeoisie als Klasse. Der Wunsch, die Frauen in der unbezahlten Hausarbeit festzuhalten, der Wunsch, die Identität als «Mann» auf Macht über Frauen aufzubauen, trägt gleichzeitig dazu bei, die ökonomischen Verhältnisse und die Machtstrukturen zu bewahren, von denen der Kapitalismus abhängig ist.
Gleichzeitig bedeutet die Frauenunterdrückung, dass die Arbeiterklasse gespalten und geschwächt wird. Konkret ist es auch nicht schwierig, dafür zu argumentieren, dass der Frauenkampf den Kampf der Arbeiterklasse stärkt, ihn nicht schwächt:
Die Frauen machen heute die Hälfte der berufstätigen Arbeiterklasse in Norwegen aus, und sie machen einen noch größeren Anteil der untersten kleinbürgerlichen Schichten aus, den am nächsten stehenden Alliierten der Arbeiterklasse. Dass diese großen Massen in aktiven Kampf gegen die Bourgeoisie hineingezogen werden, wird selbstredend eine enorme Kraft für die ganze Arbeiterklasse sein. Soll dies aber geschehen, muss Rücksicht darauf genommen werden, dass Frauen und Männer in der Arbeiterklasse und der arbeitenden Bevölkerung sich auf wichtigen Gebieten nicht in der gleichen objektiven Situation befinden. Der weibliche Teil der Arbeiterklasse muss nach seinen eigenen Prämissen kämpfen, muss nach seinen eigenen Prämissen mobilisieren, als Frauen. Eine Arbeiterpolitik, die nicht auf die besondere Situation der Frauen Rücksicht nimmt, die nicht die Forderungen erhebt, die für sie besonders wichtig sind, wird daher eine schlechte Arbeiterpolitik sein, die es nicht schafft, die volle Kraft der Arbeiterklasse zu mobilieren. Die zugespitzte Formulierung von Siri Jensen ist daher ganz richtig: «Es ist nicht so, dass ein allzu großes Gewicht auf die Frauenfrage die Arbeiterklasse spalten wird. Ganz im Gegenteil: Allzu wenig Gewicht auf die Interessen von Frauen behindert heute den Kampf der Arbeiterklasse!» (Jensen 1986):
Allzu wenig Gewicht auf die Interessen von Frauen zu legen, behindert heute den Kampf der Arbeiterklasse auf mindestens drei Weisen:
- Die eine Weise besteht darin, dass die Forderungen, die der ganzen Arbeiterklasse dienen, aber an denen Frauen das größte Interesse haben, oft eine sehr stiefväterliche Behandlung in der Gewerkschaftsbewegung erfahren. Dies gilt besonders für die Leitung in der Gewerkschaftsbewegung, die z.B. die Forderung nach dem 6-Stunden-Tag systematisch bekämpft und sabotiert hat, ganz von Anbeginn seit sie erhoben wurde. Aber auch an der Basis ist es oft schwer gewesen, einen Durchsatz für das zu bekommen, was Frauen für sich aufgegriffen hatten.
- Die zweite Weise ist, dass die Frauenunterdrückung in der Arbeiterklasse und der Gewerkschaftsbewegung selbst spaltend wirkt. Porno auf der Arbeitsstelle, sexuelle Belästigungen, Frauenverachtung und männlicher Chauvinismus in der Gewerkschaftsbewegung, all´ dies wirkt, um die Arbeiterinnen niederzuhalten und damit die Kraft der Arbeiterklasse zu spalten und zu lähmen. Kampf für Geschlechtsquotierung in der Gewerkschaftsbewegung, Kampf gegen Porno auf der Arbeitsstelle und sexuelle Belästigungen ist daher notwendig, um die Einheit der Arbeiterklasse zu stärken, auch wenn dieser sich gegen männliche Arbeitskameraden richtet. Solche Kämpfe sind notwendiger Teil der Auseinandersetzung mit einer «sozialistischen Kolonialpolitik».
- Die dritte Weise ist, dass der Kampf weniger radikal wird, und leichter einer Klassenzusammenarbeit und dem Reformismus verfällt, wenn er nicht den Kampf gegen die Frauenunterdrückung in sich aufnimmt. Mitten im Kampf erscheint dann ein Grundzug der Gesellschaft, der bewahrt werden muss, ein Gebiet für die Zusammenarbeit mit der Bourgeoisie. Der Kampf gegen die sozialdemokratische Leitung in der Gewerkschaftsbewegung und deren Politik der Klassenzusammenarbeit wird dann auch hinkend und nachgiebig, wenn er nicht den Kampf gegen deren männlichen Chauvinismus in sich einschließt.
Die Botschaft an Männer, die konsequente Klassenkämpfer zu sein wünschen, sollte daher klar sein: Sie müssen sich auf die Seite der Frauen stellen und sich aktiv am Kampf gegen die Frauenunterdrückung beteiligen. Eine «Einheit der Arbeiterklasse» mit der Frauenunterdrückung als Prämisse befindet sich auf lange Sicht im Widerstreit mit ihren eigenen Klasseninteressen.