Volle Gleichberechtigung im Kapitalismus?

Das Ziel der bürgerlichen Frauenbewegung war, und ist, die volle Gleichberechtigung innerhalb des Rahmens des kapitalistischen Systems. Ist dies möglich? Es sollte nicht unterschätzt werden, welche Änderungen geschehen können. Auch Revolutionäre sind leicht von dem Verständnis ihrer eigenen Zeit befangen, was «natürlich» und «selbstverständlich» ist, und haben es damit schwer, sich umfassende Änderungen vorzustellen.

Aber volle Gleichberechtigung? Die bisherige Geschichte zeigt nach meiner Auffassung zwei Dinge: Zum Ersten ist es für die Frauen möglich, für wirkliche Verbesserungen im Kapitalismus zu kämpfen und diese zu erreichen. Zum Zweiten, dass die Grundstruktur der Frauenunterdrückung durch alle Veränderungen hindurch bestehen bleibt, meistens, indem die Unterdrückung neue, mehr verschleierte Formen annimmt: Die unbezahlte Hausarbeit besteht trotz technologischer Entwicklung und Produktion von Konsumwaren weiterhin. Der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern besteht trotz des «gleichen Lohns» durch den Mechanismus des nach Geschlecht geteilten Arbeitsmarktes weiter. Die Unterordnung von Frauen unter den Mann besteht trotz der Gleichberechtigungsideologie weiter, durch eine «freiwillige» Unterordnung durch «Liebe» und «persönliche Eigenschaften». Die «sexuelle Revolution» und die Verwendung von Verhütungsmitteln hat, um Bell Hooks Worte zu verwenden (S. 102) «Männern einen unbegrenzten Zugang zu den Körpern von Frauen gegeben.» Die Ansicht, wonach das Leben einer Frau beendet ist, wenn sie Dreißig wird, ist mittels Rollenmodellen wie Joan Collins und Jane Fonda durch die wahnwitzige Forderung ersetzt worden, dass Frauen bis weit ins staubige Alter hinein, gleich sexy und jugendlich sein sollen. Dies erfordert ein weitaus härteres Jobben und eine intensivere Konzentration auf den Körper und das Aussehen, als Frauen früherer Zeiten dies kannten.

Die Diskussion darüber, ob eine volle Gleichberechtigung unter dem Kapitalismus möglich ist oder nicht, nimmt oft eine ziemlich frustrierende Form an. Diejenigen, die meinen, dass der Kapitalismus gestürzt werden müsse, bleiben meistens sitzen und suchen nach dem entscheidenden logischen Kniff, der es dem Kapitalismus unmöglich macht, ohne Frauenunterdückung zu leben. Diejenigen, die meinen, dass die Gleichberechtigung innerhalb des Rahmens des kapitalistischen Systems verwirklicht werden kann, sagen «ja aber falls; gewiss, aber wenn», und landen zum Schluss bei einer hypothetischen Konstruktion, die recht wenig dem ähnelt, was von der Geschichte der kapitalistischen Gesellschaft her bekannt ist. Darüberhinaus gibt es mindestens zwei mögliche Interpretationen dessen, was unter «voller Gleichberechtigung im Kapitalismus» zu verstehen sei.

  - Die eine mögliche Interpretation ist, dass der Kapitalismus die Verhältnisse aufheben kann, die heute die Frauen unterdrücken, und gleichwohl weiterhin als Kapitalismus existiert.
  - Die andere mögliche Interpretation ist, dass Männer und Frauen «das Elend teilen»: d.h., dass die unterdrückenden Verhältnisse bestehen, aber nicht einseitig die Frauen treffen.

Ich habe wenig Glauben an den entscheidenden Kniff. Aber lasst uns die beiden möglichen Interpretationen von «volle Gleichberechtigung im Kapitalismus» ausgehend von der heutigen Wirklichkeit betrachten, und sehen, ob sie als eine besonders vernünftige Strategie für den Frauenkampf erscheinen.

Interpretation eins: Dies müsste zum Ersten bedeuten, dass die Familie als ökonomische Einheit innerhalb des Rahmens des kapitalistischen Systems abgebaut wird. Wie sollte dies geschehen? Eine Möglichkeit ist, dass all´ die Arbeit, die heute in der Familie ausgeführt wird, zu einem großen öffentlichen Service-Sektor überführt wird, mit gratis oder sehr billigen Diensten. Dies ist eine sehr kleine realistische Möglichkeit. Eines der großen heutigen Probleme der kapitalistischen Länder ist das, was meistens «die Krise der öffentlichen Ökonomie» genannt wird. Der öffentliche Sektor nimmt einen so großen Teil des produzierten Mehrwerts, dass es den Takt der Kapitalakkumulation bedroht und eine selbständige Quelle für Krisentendenzen innerhalb des kapitalistischen Systems wird (s. Minken, 1986). In allen Ländern, unabhängig von der Farbe der Regierung, versuchen die Behörden dieser Krise mit Budgetkürzungen, Einsparungen und Privatisierung zu begegnen. Wenn der öffentliche Sektor so groß werden sollte, dass er all´ die Arbeit, die jetzt in der Familie ausgeführt wird, übernehmen sollte, würde diese Krise enorm verschärft werden.

Eine andere Möglichkeit ist, dass all´ die unbezahlte Arbeit bezahlt wird, d.h. auf den Markt überführt wird. So ist es ja mit einem ziemlich großen Teil der Hausarbeit geschehen. Brot kann im Geschäft gekauft werden, anstatt es Zuhause zu backen, wir gehen in Konfektion anstatt in in Zuhause genähter Kleidung usw. Diese Lösung hätte, aus dem Blickwinkel des Kapitals, den Vorteil, dass sie den Markt ausweitet.

Dies ist mit mehreren Problemen behaftet: Wenn die meisten Leute dazu Im Stande sein sollen, für das, was jetzt unbezahlt gemacht wird, zu bezahlen (jeden Tag ins Restaurant oder Café gehen, eine Reinigung benutzen anstatt selbst zu waschen, ihre Alten in privaten Altersheimen unterbringen usw. usf.), so würden sie schnell beim gleichen Problem landen, wie der Mann von Domitila: Der Lohn würde nicht ausreichen! Der Lohn müsste sich kräftig erhöhen, auf Kosten des Profits der Kapitalisten. In einer Ökonomie, in der die moderne Technologie den Eindruck erzeugt, dass sie die Massenarbeitslosigkeit zu einem konstanten Phänomen macht, befinden sich die Kapitalisten in einer günstigen Position, wenn es gilt, den Lohn niedrig zu halten. Alles spricht dafür, dass all´ die flotten, privatisierten Dienste für die wenigen wären, nicht für die vielen. Diese «Lösung» setzt außerdem voraus, dass die Familie weiterhin als eine private Versorgungseinheit existiert, wo derjenige mit der stärksten Ökonomie viel der Macht haben wird, und wo die Kinder völlig ökonomisch abhängig von den Eltern sind. Das kann kaum als «Abbau der Familie als ökonomische Einheit» bezeichnet werden.

Desweiteren müssten der nach Geschlechtern geteilte Arbeitsmarkt und der «Frauenlohn» aufgehoben werden. Dadurch, dass dies mit der Organisierung der Gesellschaft in Familien zusammenhängt, werden die Schwierigkeiten, die Familie als ökonomische Einheit abzubauen, auch Grenzen dafür setzen, wie weit es möglich wäre, mit der «Gleichstellung» auf dem Arbeitsmarkt zu kommen. Ein kapitalistisches Lohnsystem ohne Niedriglohnberufe ist auch schwer vorstellbar. Es wird z.B. immer einen Druck geben, die Löhne in den großen Lohnempfängergruppen im öffentlichen Sektor niedrig zu halten, ein Druck, den «die Krise im öffentlichen Sektor» besonders stark macht. Und wenn die Arbeitskraft in arbeitsintensiven Industrien zu teuer wird, wird das Kapital anderenorts hinflüchten, oder sie werden rationalisiert und automatisiert werden. Es ist daher sehr schwer denkbar, dass der Kapitalismus die Frauenberufe durch die Einführung eines wirklich gleichen Lohns aufheben kann.

Die Frauen sind außerdem eine flexible Reservearmee für das Kapital. Eine solche Reservearmee wird als ein Glied im Kapitalakkumulationsprozess selbst immer wieder aufs Neue erschaffen. Ein kapitalistisches System ohne eine Reservearmee von Arbeitskraft ist undenkbar.

Die Frauenunterdrückung, und die Familie als Machthierarchie, dient auch einer wichtigen Funktion, soweit es die Aufrechterhaltung der Herrschaft der Bourgeoisie betrifft. Die Frauenunterdrückung trägt dazu bei, die arbeitende Bevölkerung zu spalten, und den männlichen Teil zu korrumpieren, sodass sie ein gewisses, objektives Interesse daran bekommen, dass das System aufrechterhalten wird, und außerdem von Teilen der bürgerlichen Betrachtungsweise der Welt «infiziert» werden. Die Familie erhält weiter Vorstellungen von «natürlichen» Hierarchien aufrecht und sozialisiert neue Generationen in diese Vorstellungen hinein. Es ist selbstverständlich nicht undenkbar, dass der Kapitalismus andere Unterdrückungsmechanismen entwickeln könnte, die den Platz dieses Systems in der Machtausübung der Bourgeoisie erstatten könnten. Aber es ist nicht so sehr wahrscheinlich.

Ein kapitalistisches System ohne die Verhältnisse, die heute auf die Frauen unterdrückend wirken, kann kaum etwas anderes werden als eine hypothetische Konstruktion. Aber wie steht es mit der anderen Interpretationsmöglichkeit, dass Männer und Frauen sich das Elend gleich teilen?

Es ist ganz sicher möglich, wenn es sich z.B. um die Teilung der Hausarbeit handelt, weiter zu kommen als da, wo wir heute stehen. Es sind jedoch nicht lediglich altmodische Haltungen, sondern auch materielle Verhältnisse, die dazu führen, dass die Verteilung weiterhin so schief ist, wie sie ist. Männer haben im Allgemeinen höhere Löhne als Frauen. Das gibt ihnen sowohl größere Macht in der Familie, und es macht es unrentabel für eine Familie, den Mann auf Teilzeit gehen zu lassen an Stelle der Frau, um das tägliche Leben am Laufen zu halten. Oft verhält es sich so, dass der Mann viele Überstunden jobbt, damit die Familie ökonomisch klarkommen soll. Da werden die Möglichkeiten für gleiche Teilung der Hausarbeit noch schlechter. Gleiche Teilung der Hausarbeit setzt daher auch Gleichheit auf dem Arbeitsmarkt voraus: gleiche Arbeitszeit und gleichen Lohn. Gerade in Familien, wo die Frau gleich viel oder mehr als der Mann verdient, ist es so, dass die Verteilung der Hausarbeit am gleichmäßigsten ist. Es erübrigt sich anzumerken, dass das weit davon entfernt ist, die Hauptregel zu werden. Wie ich oben darauf hingewiesen habe, hat der Kapitalismus wichtige Sperren gegen eine solche Entwicklung eingebaut.

Die Familie hat außerdem einen wichtigen Platz in der Gesellschaftshierarchie, um Über- und Unterordnungsverhältnisse aufrechtzuerhalten und wiederzuerschaffen. Es ist sehr schwierig, sich eine vollständig demokratische, bürgerliche Familie vorzustellen. Vieles vom Witz der Familie im Kapitalismus ist gerade, dass dort keine Gleichheit herrschen soll. Zu verlangen, dass die Familie im Kapitalismus damit aufhören soll, soziales Geschlecht mit einem bestimmten Über- und Unterordnungsverhältniss zu reproduzieren, ist ungefähr so, wie zu verlangen, dass die Schule damit aufhören soll, soziale Klassen zu reproduzieren. Alle Untersuchungen zeigen, dass die Schule, trotz geäußerter Zielsetzungen über «Einebnung», eine Sortiermaschine mit unverbrüchlichem Klassenbewusstsein ist (s. Ericcson und Rudberg, 1981). Es sieht danach aus, dass die Familie eine Sortiermaschine mit unverbrüchlichem Geschlechtsbewusstsein ist, unabhängig von geäußerten Zielsetzungen geschlechtsrollenbewusster Eltern.

Wenn Frauen und Männer «das Elend gleich teilen» sollten, würde das eine neue «Programmierung» von sozialem Geschlecht innerhalb des Rahmens des herrschenden Systems erfordern. Ein Grund, dass Frauen die große Bürde, die die unbezahlte Arbeit ausmacht, auf sich nehmen, ist gerade ihre psychologische Struktur. Die psychologische Struktur von Männern, ihrerseits, ist so, dass die Identität genau damit verknüpft ist, zu arbeiten, einen Job zu haben. Dies tritt deutlich hervor in Situationen, wo sie diese Stütze für ihre Identität verlieren, wie z.B. Pensionierung oder Arbeitslosigkeit. Nicht so ganz wenige Männer sterben davon, pensioniert zu werden. Und Arbeitslosigkeit wird oft eine psychologische, nicht lediglich eine ökonomische Katastrophe. Die Persönlichkeit wird niedergebrochen. Ingham (1984, S. 27) zitiert einen arbeitslosen Mann, der sagt:«Meine Frau hat Recht, es wirkt auf mich ein als Mann, es ist nicht so sehr das Geld wie das Gefühl, das Mannsleute haben.» Eine vollständige Umprogrammierung dessen innerhalb des Rahmens des herrschenden Systems vorzunehmen, ist eine formidable Aufgabe.

Es sind große Veränderungen geschehen, und es können weiterhin große Veränderungen im Verhältnis zwischen den Geschlechtern geschehen. Gleichwohl ist es sehr schwierig sich einen Kapitalismus vorzustellen, der nicht auf die eine oder andere Weise die Frauenunterdrückung eingewebt hat, in die ökonomische Basis und in den Machtapparat. Nicht minder schwierig ist es, sich als praktische Bewegung zu denken. Wenn diejenigen, die ganz unten sind sich wirklich erheben, wird es ausgehend von der ganzheitlichen Situation sein, die sie niederdrückt. Sie werden nicht analysieren, was «reiner» Frauenkampf ist und was «reiner» Klassenkampf ist, sondern sich ausgehend von der zusammengewebten Wirklichkeit in der sie leben, und die unerträglich geworden ist, erheben. Die Bewegungen unter den Frauen in der Arbeiterklasse und der arbeitenden Bevölkerung, sowohl in Norwegen als auch in anderen Teilen der Welt, haben gerade diesen ganzheitlichen Charakter: Sie haben sowohl eine Frauenseite als auch eine Klassenseite. Eine starke, mächtige Bewegung von denen, die ganz unten sind, kann kaum vermeiden, diejenigen zu bedrohen, die ganz oben sind. Die vorsichtige Reformforderung für volle Gleichberechtigung innerhalb des Kapitalismus als System ist ein unmögliches, ein utopisches Ziel.

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