Das Verhältnis zwischen Klassenkampf und Frauenkampf ist ein ständig wiederkehrendes Thema unter Sozialisten und Revolutionären gewesen. Das ist nicht so verwunderlich. Die Frauen in der Arbeiterklasse und der arbeitenden Bevölkerung sind der Klassenunterdrückung ausgesetzt, was sie mit den Männern in ihrer eigenen Klasse teilen. Aber sie sind auch der Unterdückung als Geschlecht ausgesetzt, was sie mit den Frauen in anderen Klassen teilen. Damit begegnen sie dem Druck von zwei Kanten: Von den Frauen der Bourgeoisie und des höheren Kleinbürgertums, die sie zu einem Frauenkampf zu mobilisieren wünschen, unbefleckt von allem, was mit Klassenwidersprüchen zu tun hat. Die Frauenrechtszeitung «Nylænde» drückte dies 1903 so aus (zit. n. Hagemann, 1977, S.103):
«Niemand soll kommen und sagen, dass unser Blatt nicht von der ersten Stunde an Sympathie für Gewerkschaften unter unseren Arbeitern gezeigt hat. Aber niemand wird es «Nylænde» übelnehmen, dass wir diese lieber auf dem Boden der Frauenrechte als auf dem «Boden des Klassenkampfes» stehen sehen würden ...»
Der gleiche Gegensatz wird auch deutlich in der Auffassung von dem Verhältnis zwischen Frauenkampf und Imperialismus. Viele weiße, westliche Frauen wollen nicht anerkennen, dass der Kampf gegen den Imperialismus etwas mit «der Frauenfrage» zu tun hat. So erzählt die bolivianische Grubenarbeiterfrau Domitila über ihre Diskussion auf dem Frauentribunal in Mexiko 1975 mit Betty Friedan aus den USA (1980, S. 193):
«An dem Tag, als die Frauen über den Imperialismus sprachen, hielt ich auch einen Beitrag. Ich bekam sie dazu zu verstehen, wie total abhängig wir in jeder Hinsicht von den Ausländern sind, wie sie über uns bestimmen, sowohl auf dem ökonomischen als auch auf dem kulturellen Gebiet. /.../ Dies führte dazu, dass ich für eine Diskussion mit Betty Friedan, der großen Feministenführerin aus den USA, entdeckt wurde. Sie und ihre Gruppe hatten gewisse Änderungen für den «weltumspannenden Aktionsplan» vorgeschlagen. Aber sie bauten auf rein feministische Problemstellungen auf, und wir waren nicht einig mit ihnen, weil sie nicht Probleme umfassten, die für uns Frauen in Lateinamerika wesentlich waren.
Betty Friedan forderte uns auf, ihrer Linie zu folgen, und bat uns, auf unsere «kriegerischen Aktivitäten» zu verzichten. Sie sagte, dass wir «von den Männern manipuliert» wurden, dass wir lediglich «an Politik dachten», und dass wir kein Wissen über die eigentlichen Frauenfragen hätten.»
Von der anderen Kante kommt der Druck von den Männern in der Arbeiterklasse und der arbeitenden Bevölkerung, die die ganze Zeit davor warnen, dass «der Geschlechterkampf dem Klassenkampf übergeordnet wird». Frauenorganisationen, mit sozialistischen Bewegungen verknüpft oder in sozialistischen Ländern, haben oft als Hauptaufgabe die Mobilisierung der Frauen zur Umsetzung der allgemeinen Politik der Bewegung oder der Partei gehabt, nicht jedoch die Betreibung speziellen Frauenkampfes.
An diesem Kreuzungspunkt muss die Mehrzahl der Frauen ihre Linie der Befreiung ausformen. Aber es verhält sich nicht so, dass es ein «reiner» Geschlechterwiderspruch und ein «reiner» Klassenwiderspruch ist. Wie ich in den vorhergehenden Kapiteln versucht habe zu zeigen, ist die Frauenunterdrückung sowohl in die ökonomische Basis des Kapitalismus als auch in die Herrschaft der Bourgeoisie eingewebt. Die Frauenunterdrückung dient der Bourgeoisie als Klasse.