Das neue Proletariat

Einem der Berichte für die Frauenkonferenz in Nairobi zufolge (wiedergegeben in «Woman, a world report», S. 39), sind die Freihandelszonen in der Dritten Welt diejenigen Beschäftigungssektoren, die weltweit am schnellsten anwachsen. Die große Mehrzahl der dortigen Arbeiter sind junge Frauen.

Welche Industrien sind es, die vom reichen Teil der Welt zum armen umziehen, warum ziehen sie um, und warum ziehen sie die weibliche Arbeitskraft vor? Elson und Pearson (1984) führen folgende Verhältnisse an:

- Es ist nicht die von den modernsten Technologien geprägte Industrie, die in die Dritte Welt umzieht. Der Produktionsprozess ist oft standardisiert, geprägt von sich wiederholenden Arbeitsschritten, erfordert wenig moderne Kenntnisse und ist arbeitsintensiv. Oft ist er arbeitsintensiv, weil er aus Sammeloperationen besteht, deren weitere Mechanisierung sich als schwierig oder teuer erwiesen hat.

- In der arbeitsintensiven Industrie ist billige Arbeitskraft besonders wichtig. Und die Arbeitskraft in der Dritten Welt ist billig. Die Löhne in den Weltmarktfabriken betragen oft lediglich ein Zehntel derjenigen, die in entsprechenden Fabriken im reichen Teil der Welt gezahlt werden. Gleichzeitig ist die Arbeitszeit im Laufe eines Jahres bis zu 50% länger. Der Bedarf an billiger Arbeitskraft ist selbstverständlich ein guter Grund, um Frauen zu beschäftigen. Die Frauenlöhne in solchen Frabriken liegen 20-50% unter denjenigen für Männer in entsprechenden Jobs.

- Die Produktivität in diesen Fabriken ist gleich hoch, oft deutlich höher, als in den entsprechenden Jobs in den USA. Dies liegt also nicht an besserer Technologie. Es liegt stattdessen an höherer Arbeitsintensität, größerer Kontinuität in der Produktion, kurzum: größerer Kontrolle über das, was die Arbeitskraft macht. Wie zuvor gesehen werden konnte, eignen sich Frauen besonders gut für Jobs, die strikte Disziplinierungsmethoden erfordern. Das Machtverhältnis zwischen Männern und Frauen kann als eine extra Brechstange verwendet werden, um mehr Arbeit aus den Frauen herauszupressen. Dies kann auf mehrere Weisen gemacht werden: Durch die Ausnutzung traditioneller Autoritätsbande außerhalb der Produktion, um Gehorsam in der Produktion zu erzeugen, wie Celia Mather es von West-Java beschreibt. Elson und Pearson haben ein eigenes Beispiel aus multinationalen Gesellschaften aus Malaysia. Letztere versuchen bewusst, traditionelle Formen patriarchaler Macht zu bewahren und auszunutzen. Anstelle der Unterminierung der Autorität des Vaters über die Tochter durch die Ermunterung zu einem «modernen, westlichen» Verhalten verstärken sie die traditionellen Muster. Das Unternehmen hat eigene Gebetsräume in der Fabrik eingerichtet, hat keine moderne uniforme Arbeitsbekleidung, sondern lässt die Mädchen in ihren traditionellen Trachten gehen und führt eine strenge und rigide Disziplin am Arbeitsplatz durch. Die andere Weise, das Machtverhältnis zwischen Frauen und Männern auszunutzen besteht darin, es bewusst in der Produktion einzusetzen: Indem männlichen Vorarbeitern die Oberaufsicht über weibliche Arbeiter zugewiesen wird usw. Elson und Pearson erwähnen außerdem ein Beispiel von einem Elektronikbetrieb an der mexikanischen Grenze, wo die Arbeitgeber einige wenige Männer auf der Produktionslinie platziert haben, wo zuvor lediglich Frauen saßen, in der Hoffnung, dass dies die Disziplin und Produktivität der Frauen verbessern solle.

- Die weibliche Arbeitskraft kann auch intensiver ausgenutzt und schneller abgenutzt werden, unter dem Deckmantel, dass sie «Mädchen [sind], die darauf warten, sich zu verheiraten». Deshalb ist es «natürlich» für Frauen, dass sie mit der Arbeit aufhören, wenn sie ihre allererste Jugend hinter sich gelassen haben.

- In den Freihandelszonen ist es außerdem gewöhnlich, dass eine Reihe gewerkschaftlicher Rechte auf Gebieten wie Minimallohn, Recht auf Sozialversicherung, Länge des Arbeitstages, Kündigungsschutz, Ansprüche während des Urlaubs und Streikrecht nicht gelten. Dies ist vielleicht gegenüber jungen Mädchen aufgrund ihrer schwächeren gewerkschaftlichen Traditionen leichter durchzuführen.

All´ dies trägt dazu bei, eine extra harte Ausbeutung der weiblichen Arbeitskraft zu ermöglichen. Der Imperialismus weiß «das Weibliche» zu seinem Vorteil auszunutzen, auch in den Weltmarktfabriken.

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