In vielen Ländern der Dritten Welt finden wir riesenhafte Großstädte, Städte, die ständig wachsen und wachsen, ohne dass dies irgendwie kontrolliert oder geplant wäre. Das bekannteste Beispiel ist vielleicht Mexico City. Diese Städte sind künstlich angeschwollen in dem Sinne, dass es nicht die ökonomische Bedeutung ist, die sie groß macht. Sie schwellen an, weil sie ständig Zustrom von den Ärmsten auf dem Lande bekommen, die den Kampf ums Dasein in ihren vormaligen Heimatstätten aufgegeben haben. Stattdessen suchen sie «ihr Glück» in der Stadt. Aber «das Glück» wird oft eine Wellblechhütte und Arbeitslosigkeit. Ökonomisch gesehen, sind diese Riesenstädte fast als Krebsgeschwüre zu betrachten.
Was machen nun die Armen, die in die Stadt kommen und anstelle des Glücks der Arbeitslosigkeit begegnen? Viele versuchen sich in dem sogenannten «unformellen Sektor» der Ökonomie zu ernähren. Diejenigen, die in dem unformellen Sektor arbeiten, sind auf eine Weise «selbständige Unternehmer». Gleichzeitig befinden sie sich vollständig außerhalb jeglicher Regulierung der Arbeit und der Ökonomie. Sie vekaufen vielleicht Waren, die sie selbst auf der Straße hergestellt haben, oder führen unterschiedliche Typen von Diensten aus. Während einer Autofahrt durch Managua, der Hauptstadt Nicaraguas, im Herbst 1986, bekam ich mehrere Beispiele. Als wir den Wagen parkten, um den Markt zu besuchen, tauchte sogleich ein kleiner Junge auf, der sich anbot gegen Bezahlung auf unser Auto aufzupassen. Später hielten wir an einer roten Ampel. Eine Frau benutzte diesen Anlass, um uns durch das Autofenster Nüsse zu verkaufen.
«Unformelle» ökonomische Tätigkeit diesen Typs gibt es selbstverständlich auch in unserem Teil der Welt. Das Spezielle mit den Großstädten in der Dritten Welt ist jedoch, dass der unformellen Sektor so groß ist. In einem Bericht über «Frauen im Handel», erstellt für die Frauenkonferenz in Nairobi 1985, wird geschätzt, dass zwischen 20 und 70% der Arbeitsstärke in den Städten der Dritten Welt sich im unformellen Sektor ernähren (wiedergegeben in «Woman, a world report», S. 40). Derselbe Bericht und andere Untersuchungen zeigen, dass die Frauen einen großen Anteil derjenigen ausmachen, die im unformellen Sektor arbeiten. Dafür gibt es viele Gründe. Die Frauen haben oft geringere Chancen als die Männer, im «formellen» Sektor Arbeit zu bekommen, aufgrund schlechter oder fehlender Ausbildung und anderen Umständen. Frauen haben Kinder, für die sie die Verantwortung haben, was sollen sie mit ihnen machen, während sie arbeiten? Im «unformellen» Sektor können sie die mit sich nehmen. Und sie können ihre eigene Arbeitszeit «wählen». Einige der gleichen Verhältnisse, die Frauen in unserem Teil der Welt zu niedrig entlohnten Teilzeitarbeitern mit ungünstiger Arbeitszeit machen, machen also Frauen in der Dritten Welt zu «selbständigen Unternehmern» im unformellen Sektor.
Was tun diese Frauen? Viel Verschiedenes. Scott (S. 71) gibt Ela Bhatt wieder, die den «Verein selbständig arbeitender Frauen» in Ahmedabad, Indien, organiserte. Sie erzählt, dass Frauen im unformellen Sektor in der Mehrzahl sind, ein Sektor, der aus 45% der gesamten Arbeitsstärke der Stadt besteht. Eine Übersicht über die Mitglieder des Vereins zeigt, dass 97% in den Slums wohnen, 93% Analphabeten sind, 91% verheiratet sind und 70% ihre Kinder bei sich haben, wenn sie arbeiten. Einige bekommen zwischenzeitlich einen Job als körperlich schwer arbeitende, mit dem Tragen von Lasten auf dem Kopf oder dem Ziehen von Karren. Andere arbeiten Zuhause, wo sie Weihrauchstäbchen oder Zigaretten anfertigen, oder billige Kleidung und Wolldecken auf geliehenen Nähmaschinen produzieren, mit Textilabfall als Material. Eine dritte Gruppe verkauft Früchte, Gemüse und Eier. Für diese Frauen gelten keine Arbeitsschutzbestimmungen, und sie sind abhängig vom Wohlwollen der Geldausleiher, das «Geschäft» am Laufen zu halten.
Dass diese Frauen den ärmsten Schichten in den Großstädten der Dritten Welt angehören, braucht kaum gesagt werden. Einem Bericht zufolge, der auch auf der Frauenkonfernz in Nairobi präsentiert wurde (referiert in «Woman, a world report», S. 40), zeigen Untersuchungen sowohl von Djakarta und Lagos als auch der ärmsten Stadtgebiete in Bolivien und Peru, dass diejenigen, die im unformellen Sektor arbeiten, etwa die Hälfte dessen verdienen, was die am niedrigsten entlohnten Arbeiter im «formellen» Sektor verdienen.
Ein bodenloses Meer von Elend. Aber vielleicht hat es auch seine guten Seiten, für das Kapital? Zum Ersten trägt die enorme Arbeitslosigkeit selbstverständlich dazu bei, die Löhne im «formellen» Sektor niedrig zu halten. Zweitens bietet der unformelle Sektor Waren und Dienste zu einem Preis an, der weit unter dem liegt, der auf dem «gewöhnlichen» Markt gilt. Ein Arbeiter, der billige, in Heimarbeit erstellte Zigaretten, billige, in Heimarbeit erstellte Bekleidung und billiges Obst auf den Straßen kaufen kann, kann mit weniger Lohn auskommen, als wenn er alles in den Geschäften kaufen müsste. Stuckey und Fay (referiert in Scott, S. 71) gehen so weit, den «unformellen Sektor» als die moderne Version des Selbstversorgungssektors zu bezeichnen:
«Die Lohnarbeiter in der 3. Welt waren früher vollständig abhängig von Familienmitgliedern, die im Selbstversorgungssektor arbeiteten. Deren Arbeit war absolut notwendig, damit die niedrig entlohnten Arbeiter überleben konnten. Diese Abhängigkeit wird jetzt in den Städten wiedererschaffen. Das, was als Wachstum in dem unformellen Sektor bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit eine Umsiedlung des Selbstversorgungssektors der Dörfer in die Städte.»
Die Arbeit der Frau im Selbstversorgungssektor auf dem Lande wird vom Imperialismus grob ausgenutzt. So zieht sie in die Stadt. Aber die Ausnutzung zieht mit der Fuhre mit um.