Der Selbstversorgungssektor und die billige Arbeitskraft

Heute wird der Selbstversorgungssektor, und mit ihm die Frauen, durch das imperialistische «Entwicklungsmodell» hart angegriffen. Aber der Selbstversorgungssektor hat auch ökonomische Bedeutung für den Imperialismus. Solche Widersprüche treten ständig innerhalb des Kapitalismus als ökonomisches System auf. Die Kapitalisten versuchen z.B. die Löhne der arbeitenden Leute nach unten zu drücken, während das gleichzeitig bedeutet, dass der Markt für Konsumwaren schrumpft.

Ich habe zuvor Bennholdt-Thomsen referiert, die meint, dass der Selbstversorgungssektor dazu beiträgt, die Reproduktionskosten des Kapitals zu senken, indem die Arbeitskraft sich teilweise selbst mit Produkten aus dem Selbstversorgungsanbau versorgt. Dadurch kann der Kapitalist niedrigere Löhne bezahlen als er andernfalls müsste. Bennholdt-Thomsen meint auch, dass der Selbstversorgungssektor es dem Kapital ermöglicht, eine Reservearmee von Arbeitskräften aufrechtzuerhalten, ohne dafür bezahlen zu müssen.

Bennholdt-Thomsen ist nicht die einzige, die hervorhebt, dass der Sektor außerhalb der kapitalistischen Warenproduktion ökonomische Bedeutung für das Kapital hat. Samir Amin beschreibt den Imperialismus als eine Gesellschaftsformation, wo das Kapital alle nicht-kapitalistischen Produktionsweisen dominiert (1980, S. 228):

«Das imperialistische System zu analysieren, bedeutet ein System von gesellschaftlichen Formationen, und nicht die kapitalistische Produktionsweise, ausgeweitet auf die ganze Welt, zu analysieren. In diesem System sind alle nicht-kapitalistischen Produktionsweisen der Dominanz des Kapitals unterworfen, und die Mehrarbeit wird so aus den nicht-proletarisierten Produzenten herausgezogen, um zu Profit für das Kapital umgeformt zu werden.»

Eine solche nicht-kapitalistische Produktionsweise, die der Dominanz des Kapitals unterworfen ist, ist die Produktion im Selbstversorgungssektor. Amin beschreibt die Industrie in der Dritten Welt auch als «parasitär» im Verhältnis zur Landwirtschaft (S. 145):

«Die Industrie in der Dritten Welt ist fortgesetzt in dem Sinne parasitär, dass die Akkumulation auf eine Weise stattfindet, in der sie tatsächliche Zuschüsse aus dem Landwirtschaftssektor (sie erhält ihre Arbeitskraft durch die Umsiedlung vom Lande) und finanzielle Zuschüsse (über Steuern, interne Tauschverhältnisse, die ungünstig für die Bauern sind usw.) entgegennimmt, ohne ihrerseits die Entwicklung der Landwirtschaft zu unterstützen.»

Das Kapital in der Dritten Welt, das zu einem großen Teil von den imperialistischen Ländern dominiert ist, nimmt also ständig neue Arbeitskraft entgegen, die in einem anderen ökonomischen Sektor produziert wird, ohne Kosten für das Kapital. Diese Arbeitskraft trägt oft keine «Versorgungsbürde» mit sich herum, weil Frauen und Kinder auf dem Lande zurückbleiben, um selbst, so gut es geht, zurechtzukommen. Ein altes soziales Muster: Die Frau trägt die Hauptverantwortung für das Überleben der Familie, macht dies möglich. Aber dieses Muster wurde unter völlig anderen ökonomischen Bedingungen erschaffen. Jetzt gefährdet es das Leben von Frauen und Kindern, aber erhöht den Profit des Kapitals, da das Kapital den männlichen Arbeitskräften keinen «Versorgerlohn» zu zahlen braucht. Oft kann der Lohn noch weiter runtergedrückt werden, indem das Kapital lediglich einen Teil dessen zahlt, was der Arbeiter benötigt, um sich zu versorgen, während der Rest von Verwandten im Selbstversorgungssektor beschafft wird. Wie Celia Mather in ihrer Studie der Industrie auf West-Java zeigt: Der Lohn des Arbeiters wird ein Zuschuss, nicht eine Haupteinnahmequelle.

Scott (1984) referiert eine Arbeit von Barbara Stuckey und Margaret Fay, die beschreibt, wie dieses System unter dem Kolonialismus entstand. Die Besteuerung und Enteignung von Landboden wurde zur Erschaffung einer «überschüssigen Arbeitsstärke» gebraucht, die auf den in europäischem Besitz befindlichen Plantagen und in den Gruben verwendet werden konnte. Die Arbeiter erhielten exakt den Betrag in bar, um sich am Leben halten zu können, während sie arbeiteten. Dieses System verschuf den Arbeitgebern einen ständigen Zustrom von Arbeitskraft, ohne dass sie ökonomisch oder politisch für das Überleben dieser Arbeitskräfte auf längere Sicht verantwortlich gewesen wären. Die Lohnarbeit in Gruben und auf Plantagen, in Bau und Anwesen und Transport, gab keinerlei Sicherheit im Falle von Krankheit, Unfällen, Arbeitslosigkeit, Alter, oder für die Familie. Für alle diese «sozialen Dienste» stand die Selbstversorgungslandwirtschaft in den afrikanischen und asiatischen Dörfern gerade. Die Arbeitgeber waren davon befreit, die vollen Kosten der Versorgung ihrer Arbeitskräfte zu tragen, in weitaus größerem Maße noch als in Europa im 19. und 20. Jahrhundert.

Das Neue ist, dass der Selbstversorgungssektor immer stärker frauendominiert wird. Die «sozialen Dienste», die Stuckey und Fay beschreiben, werden jetzt durch die Arbeit der Frauen erschaffen. Scott fasst es so zusammen (S. 69):

«Die Frauen sind die Hauptkraft in dem Sozialsystem geworden, das dazu beiträgt, die Lohnarbeiter in der Dritten Welt so lohnend für die multinationalen Gesellschaften zu machen. Der Selbstversorgungssektor auf dem Lande versorgt nicht lediglich Kinder der Arbeiter und Familienmitglieder, die zu alt oder krank sind um zu arbeiten, er nimmt sich bei Arbeitslosigkeit oder Krankheit auch des Arbeiters selbst an.»

Wenn Amin davon spricht, dass das Kapital Mehrarbeit aus den nicht-proletarisierten Produzenten zieht, und dass die Industrie in jener Welt ein «Parasit» in Bezug auf die Landwirtschaft ist, so sind es in hohem Grad Frauen, die diesem Aussaugen ausgesetzt sind. Im heutigen imperialistischen System ist die groteske Ausnutzung der Produzenten innerhalb der nicht-kapitalistischen Produktionsweisen durch den Imperialismus weithin eine Ausnutzung der Frauen als Geschlecht. Da die Selbstversorgungslandwirtschaft immer schwierigeren Bedingungen unterworfen ist, während gleichzeitig die Ausnutzung fortgesetzt wird, bekommt dies furchtbare Konsequenzen für die Lebensbedingungen der Frauen. Wie Amin zeigt: Die Dominanz des Kapitals beeinflusst auch die Reproduktionsverhältnisse (und damit die Lebensbedingungen) der Arbeitskraft in den nicht-kapitalistischen Sektoren. Und, so fährt er fort, (S. 228): «... es gibt nichts, was darauf hinweist, dass die Bedingungen dafür gesichert werden, dass sie sich reproduzieren kann.» Mit anderen Worten: Es gibt nichts, das darauf hindeutet, dass das Kapital dafür sorgen wird, dass die Bevölkerung auf dem Lande überleben wird. Wie wir wissen, ist es nicht ungewöhnlich, dass sie nicht überlebt.

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