Die Frauen und der Selbstversorgungssektor

Ann Whitehead (1984) hat das Verhältnis zwischen Frauen und Männern in den Haushalten des Kusasi-Volkes in Ghana studiert. Ein Haushalt besteht häufig aus vielen Verwandten, mit einem Mann als Oberhaupt. Von alters her haben solche Haushalte Hirse angebaut, die den Hauptbestandteil der Ernährung des Kusasi-Volkes bildet. Alle Mitglieder des Haushaltes tragen zum Hirseanbau bei, aber es ist das Oberhaupt des Haushaltes, der ihn besitzt und kontrolliert. Etwa jeden zehnten Tag verteilt er an jedes der anderen erwachsenen Mitglieder des Hauhaltes einen Korb mit Hirse. Sie soll die zehn Tage reichen, bis die nächste Versorgungsration ausgeteilt wird. Auch die Frau des Oberhauptes erhält einen solchen Korb, der für sie und ihre Kinder reichen soll.

Die einzelnen Mitglieder des Hauhaltes (auch die Frau des Oberhauptes) haben ihr eigenes kleines Feldstück, zusätzlich zu den gemeinschaftlich bestellten Feldern des Haushaltes. Die Frau des Oberhauptes arbeitet auf den Gemeinschaftsfeldern, wo die Hirse angebaut wird, und auf dem privaten Feldstück des Mannes, zusätzlich zu ihrem eigenen. Aber es sind selten andere als die Frau selbst, die auf ihrem privaten Feldstück arbeiten.

Die privaten Feldstücke können zum Anbau von Nahrungsmitteln für den eigenen Verbrauch, oder für den Anbau von Produkten zum Verkauf genutzt werden. Weil die Ressourcen der Frau und des Mannes nicht zusammengetan werden, und weil es die Frau ist, die die Verantwortung für den Lebenserhalt der Familie trägt, ist es wahrscheinlicher, dass das, was sie auf ihrem privaten Feldstück anbaut, zum eigenen Verbrauch verwendet wird. Die gewöhnliche Auffassung unter den Kusasis lautet Whitehead zufolge: «Frauen bauen Erdnüsse an, um ihre Kinder in Hungerperioden durchzubekommen. Aber Männer bauen an, um Bargeld zu bekommen.»

Die Einnahmen, die der Mann beim Verkauf seiner Produkte erhält, sind seine eigenen. Er hat keine Verpflichtungen, sie mit anderen Familienmitgliedern zu teilen. Es ist nicht so verwunderlich, dass viele Männer sich darauf konzentrieren, auf den eigenen Feldstücken Produkte für den Verkauf anzubauen, während sie weniger Zeit darauf verwenden, um auf den gemeinschaftlich bestellten Feldern Hirse anzubauen. Dies hat dazu geführt, dass die Hirseproduktion in der Region zurückgegangen ist.

Die Frauen werden mit weniger Hirse von den Gemeinschaftsfeldern zurückgelassen, aber mit der gleichen Verantwortung, die Familie zu ernähren. Whitehead fasst dies so zusammen (S. 107):

«Es liegt auf der Hand, dass Männer und Frauen die verringerte Ernte in der landwirtschaftlichen Selbstversorgung sehr unterschiedlich erleben, da die Männer Zugang zu alternativen Einnahmequellen haben, während es gleichzeitig letztendlich nicht die Männer sind, die die Verantwortung für die Lebenserhaltung der Kinder tragen.»

Ein Entwicklungsmodell, das die landwirtschaftliche Produktion von der Selbstversorgung zu den cash crops verlagert, hat also Auswirkungen in die einzelne Familie hinein. Und diese Auswirkungen sind für Frauen und Männer unterschiedlicher Art.

Ähnliche Mechanismen beschreibt Fruzetti (1984) in einer Untersuchung des Blauer Nil-Gebietes im Sudan. Hier sind es auch die Frauen, die die Hauptverantwortung für den Lebenserhalt der Familie haben. Aber diese Aufgabe ist immer schwieriger zu lösen. Einer der Gründe ist, dass viele der Männer den ländlichen Boden verlassen und in die Städte ziehen, um Lohnarbeit zu finden (S. 42):

«Als Versorgerinnen des Haushaltes werden die Frauen abhängig von der Selbstversorgungswirtschaft. Zwischenzeitlich (monatlich oder seltener) nehmen sie Geldbeiträge von männlichen Familienmitgliedern entgegen, die das Dorf verlassen haben, um bessere Bedingungen zu finden. Aber die Einnahmen der Männer werden nicht notwendigerweise in der Familie verbraucht oder investiert, und sie gehen auch nicht immer in die kleine Bauernwirtschaft. Stattdessen werden Konsumgüter und Alkohol mit dieser Extraeinnahme gekauft, und in vielen Fällen nimmt der Mann sich eine Nebenfrau. Im Gegensatz dazu verwenden die Frauen ihre Einnahmen gewöhnlicherweise für Familienfeste, für den Haushalt, Gesundheit und Schulbesuch.»

Ein anderer Grund dafür, dass es den Frauen so schwer gemacht wird, ist, dass die Planer und Experten sie aus allen ökonomischen Entwicklungsprogrammen raushalten. Die Frauen gehören natürlich daheim in den traditionellen Sektor, während Männer als natürliche Teilnehmer in modernen, ökonomischen Aktivitäten angesehen werden. Das Ergebnis des stattgefundenen ökonomischen Wachstums ist eine weniger gleichwertige Gesellschaft, sagt Fruzetti. Die Frauen werden in ökonomisch weniger lohnende Positionen gezwungen, und die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern wird im Namen der ökonomischen Entwicklung und der effektiven Produktion verstärkt. Neue Technologien im Landwirtschaftssektor werden in die Produktion von cash crops konzentriert, und die Frauen werden nicht ermuntert sich dort zu beteiligen. Sie verbleiben im Selbstversorgungssektor, wo sie sich darauf konzentrieren, Nahrungsmittel für die Familie zu verschaffen, unter immer schwierigeren Verhältnissen.

Ich habe zuvor Vanessa Mahers Untersuchung der Ressourcenverteilung zwischen Frauen und Männern in marokkanischen Dorffamilien referiert. Eine andere Seite des Geschlechtsrollenmusters in diesen Dörfern ist, dass Frauen von allem ferngehalten werden sollen, das mit Geldökonomie zu tun hat. Dies hängt zusammen mit traditionellen, religiösen Auffassungen. Die Frauen sollen z. B. nicht zum Markt gehen, um zu kaufen oder zu verkaufen, das ist «schändlich in Gottes Augen». Wozu führt dies? Maher sagt (1984, S. 133):

«Eine Schlussfolgerung ist, gegeben durch die ideelle Ausgrenzung der Frauen von der Geldökonomie, dass die Situation der Frauen schlechter wird, nachdem derjenige Teil der Einnahmen des Haushaltes, der aus Geld besteht, aufgrund der Ausweitung der Lohnarbeit und weil die Landwirtschafts- und Handwerksprodukte öfter auf dem Markt verkauft werden, zunimmt.»

Es ist der Mann, der die Geldeinnahmen kontrolliert, seine Einkünfte sind seine Einkünfte. Die (Ehe-) Frau hat kein natürliches Recht auf irgendeinen relevanten Teil «seiner» Ressourcen. Aber sie hat weiterhin die Verantwortung dafür, dass die Kinder ausreichend ernährt werden.

Eine Reihe von Untersuchungen zeigen das gleiche Bild: Die Frauen sind an die landwirtschaftliche Selbsversorgung gebunden, wo sie darum kämpfen die Familie ausreichend zu versorgen, unter immer schwierigeren Bedingungen. Häufig wird ihnen der beste Boden weggenommen, der zum Anbau von «cash crops» dient. Da die Männer die landwirtschaftliche Selbstversorgungwirtschaft zum Vorteil von landwirtschaftlicher Produktion für den Verkauf oder Lohnarbeit in den Städten verlassen, wird den Frauen einen größere Arbeitslast auferlegt. Und Entwicklungsprogramme und moderne Landwirtschaftstechnologie betrifft sie nicht, weil die sich im expandierenden, lohnenden cash crops-Sektor konzentrieren. (Für weiteres Material dazu, siehe das Kapitel zur Landwirtschaft in «Woman, a world report».)

Daher hilft es auch wenig darüber zu reden, die «Frauen in der Landwirtschaft sichtbar [zu] machen» oder «frauenbezogenen Beistand» zu betreiben, wenn man nicht gleichzeitig selbiges imperialistisches Entwicklungsmodell mit einem Fragezeichen versieht. Mächtige ökonomische Kräfte werden das Elend immer wieder aufs Neue erschaffen, wenn der Motor dieser «Entwicklung» weiterhin die Produktion für den Weltmarkt sein soll. Da hilft es wenig, auf die Frauen im Selbstversorgungssektor zu verweisen, und zu sagen, dass sie auch guten Boden, vorteilhafte Darlehen, moderne Technologie, leichtere Arbeit brauchen. Die Investitionen gehen dorthin, wo Geld zu verdienen ist. Timberlake (1986) hat ein illustrierendes Beispiel dafür gegeben: Fünf Länder der Sahel-Zone erzielten in der Dürreperiode 1983 und 1984 Rekordernten in der Baumwollproduktion. Gleichzeitig importierte die Region als Ganzes Rekordmengen an Getreide, und viele Leben gingen in der Hungersnot verloren. Warum traf die Dürre die Ernten, die verzehrt werden sollten, und nicht diejenigen, die auf den Weltmarkt exportiert werden sollten? Die Antwort ist einfach: Ernten, die den Regierungen ausländische Währungen einbringen, werden von den Regierungen mit verbessertem Saatgut, billigem Dünger, Transport der Ernte und garantierten Preisen unterstützt. Aber Nahrungsmittel für hungernde veramte Bauern erbringen keine Exporteinnahmen. Damit werden auch die Frauen zu Armut und Not verurteilt sein, solange das imperialistische «Entwicklungsmodell» herrscht.

Die Entwicklung, die ich hier skizziert habe, mit den Frauen als «Selbstversorgungsbauern», erweckt den Eindruck, dass sie vorrangig in Afrika beschrieben worden ist (s. z.B. Timberlake, 1986b und Agnete Strøm, 1986). Aber die Tendenz findet sich auch auf anderen Kontinenten, wie Lateinamerika und Asien.

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