Im Bericht, der für die Frauenkonferenz 1985 in Nairobi über die Stellung der Frauen in der Landwirtschaft erstellt wurde, erklärt die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, FAO, Folgendes (wiedergegeben in «Woman, a world report, 1985):
«Die Produktivität der Landwirtschaft in der Dritten Welt kann nicht bedeutend wachsen, und der Armut auf dem Lande kann ebenfalls nicht abgeholfen werden, wenn der Zugang der Frauen zu wichtigen produktiven Ressourcen und Diensten nicht deutlich besser wird. Die Auswirkungen des Patriarchates hinsichtlich der Produktivität in der Landwirtschaft sind sehr ernst. Die Entwicklungsländer können diese schwere Last nicht tragen.»
Auf diese Weise setzt die FAO die Hungerkatastrophen in einen Zusammenhang mit der Frauenunterdrückung. Sie weist darauf hin, dass die Frauen im größten Teil der Dritten Welt wichtige Nahrungsmittelproduzenten sind, in Teilgebieten die wichtigsten. Wenn es für die Frauen schwieriger wird, ihre Landwirtschaft auszuüben, macht sich dies rasch in der Ernährungssituation der Bevölkerung bemerkbar. Der Bericht weist auf solche Relationen hin, dass
- Entwicklungsprojekte mit der Zielsetzung, die Landwirtschaft zu modernisieren, gewöhnlicherweise auf Männer zugeschnitten sind. Die Planer und Experten «sehen» die Frauen durch bestimmte Geschlechtsrollenbrillen: als Mütter und Hausfrauen. Damit wird die Landwirtschaftsarbeit der Frauen unsichtbar. In z. B. Afrika führt dies dazu, dass die Mehrzahl der tatsächlichen Bauern, die Frauen sind, aus den Entwicklungsprogrammen für die Landwirtschaft rausdefiniert werden.
- Von dem Wenigen, das an Geld in die Landwirtschaft investiert wird, geht praktisch gesehen alles an Männer.
- Frauen werden traditionelle Rechte zum Besitz und zur Verwendung von Land weggenommen, weil, wenn die «Entwicklung» kommt, es der Mann ist, der als Oberhaupt der Familie registriert, und damit Besitzer des Landes wird.
- An vielen Orten ziehen die Männer in die Städte um Arbeit zu suchen, die Frauen und Kinder bleiben zurück auf dem Lande. Die Arbeitsbelastung der Frauen wird so schwer, dass sie allein eine Ursache für Hunger und schlechte Ernährung wird. In Zambia, Ghana, Botswana und Gambia zeigten Untersuchungen, dass die Größe der Ernte nicht davon abhängig war, wie ertragreich der Boden war, sondern davon, wie viel Arbeit die Frauen bewältigen konnten, so lange das Tageslicht zur Verfügung stand. In Ghana führte diese erhöhte Arbeitsbelastung auch dazu, dass Frauen vom Anbauen von Yam dazu übergingen, das weniger nahrungsreiche Kassavaen anzubauen, da es weniger Arbeit erforderte.
Wenn die FAO vom «Patriarchat» als die schwere Bürde redet, die die Entwicklungsländer nicht tragen können, ist dies mittlerweile eine zu beschränkte Sicht. Dass die Konsequenzen wirklich tödlich werden, geschieht dann, wenn der Imperialismus die traditionellen Rollenmuster und Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern bei der Ausbeutung der Dritten Welt in Gebrauch nimmt.
Der Imperialismus hat den meisten Ländern in der Dritten Welt ein «Entwicklungsmodell» aufgezwungen, das seinen eigenen ökonomischen Interessen dient: Die Produktion von Rohstoffen für den Export auf den Weltmarkt, die Exporteinnahmen zur Verwendung der ökonomischen Entwicklung des Landes bringen soll. Dies ist ergänzt mit «Entwicklung via Kapitalimport» in Form von Darlehen oder «Beistand».
Dieses «Entwicklungsmodell» hat, aus dem Blickwinkel des Imperialismus gesehen, mehrere Vorteile: Es zieht Entwicklungsländer in die Warenwirtschaft des Weltmarktes rein, und eröffnet damit den imperialistischen Ländern neue Märkte. Die Beistandspolitik wird z. B. bewusst dazu eingesetzt, dem «Geberland» neue Märkte zu verschaffen. Ein Muster, wo die Entwicklungsländer Rohstoffe exportieren und Industriewaren importieren, gibt auch die Möglichkeit der Ausbeutung durch ungleichen Tausch. Und die Banken haben durch die Darlehen an Länder in der Dritten Welt neue Anlagemöglichkeiten für ihr Geld gefunden.
Aus dem Blickwinkel der Dritte-Welt-Länder sieht das anders aus: Die Umstellung auf «cash crops» (Ernten für den Export) ist in großem Umfang über die Nahrungsmittelproduktion für die eigene Bevölkerung hergegangen. Argentinien verwendet z.B. mehr Getreide für die Tierfütterung als für die Ernährung seiner eigenen Bevölkerung. Das Getreide geht an die großen Rinder-Farmen, und endet zum Schluss als Hamburger auf dem nordamerikanischen Markt. Gleichzeitig sind 80% der Kinder auf dem Lande in Argentinien unterernährt. Die niedrigen Rohstoffpreise führen darüber hinaus dazu, dass nur geringe Exporteinnahmen zur Verwendung für die ökonomische Entwicklung im Lande zur Verfügung stehen. In der jüngsten Zeit hat außerdem die Schuldenkrise diesen üblen Kreislauf verstärkt: Die Zinsen sind kolossal gestiegen, sodasss viele Dritte-Welt-Länder den größten Teil ihrer Exporteinnahmen darauf verwenden müssen, Zinsen für die Darlehen der westlichen Großbanken zu zahlen. Dies wiederum zwingt sie zu versuchen, sich durch die Freigabe von noch größeren Teilen des Bodens für cash crops größere Exporteinnahmen zu verschaffen.
Einige meinen, dass dieses «Entwicklungsmodell» eine tödliche Falle für die Länder in der Dritten Welt ist, das sie lediglich weiter in die Machtlosigkeit und Not hineinführen kann (s. z. B. Samir Amin). Sie haben auf eine andere Möglichkeit hingewiesen: Einen mehr oder minder drastischen Bruch mit dem Weltmarkt, und einen ökonomischen Aufbau, basierend auf eigenen Ressourcen und mit der Zielsetzung, den Bedarf der eigenen Bevölkerung abzudecken. Also eine Strategie, in der die Selbstversorgung ein Hauptelement bildet.
Dafür, dass dieses Modell dazu im Stande ist, arme Entwicklungsländer aus der puren Not herauszubringen, ist z.B. China unter Mao ein Beispiel. Ein anderes Beispiel ist vielleicht Demokratisches Kambodscha, das eine ziemlich drastische Ausgabe dieses Modells anwendete und große ökonomische Fortschritte im Laufe weniger Jahre erzielte. Myrdal zufolge war gerade dies ein Hauptgrund für die wütende Kampagne gegen Kambodscha sowohl im Osten wie im Westen (1986b, S. 253):
«Aber Demokratisches Kambodscha brach auch mit dem imperialistischen System auf eine bedeutend grundlegendere Weise. In der Weltpresse war man verärgert darüber, dass Demokratisches Kambodscha sich isolierte und die Welt ausschloss. Das war eine bewusst gewählte Entwicklungsoption. Alle Erfahrungen haben gezeigt, dass das, wofür die Ideologen des Imperialismus - kapitalistische Freihandelsmänner, sozialdemokratische Beistandsarbeiter, von Moskau abhängige Sprecher für gegenseitige Hilfe - warme Worte finden, ausschließlich Weisen sind, um die armen Bauernmassen weiter ausplündern zu können. Nicht ein einziges Land in der Dritten Welt hat zu den Bedingungen des Imperialismus - den westlich kapitalistischen oder den ost-imperialistischen oder was das betrifft, denjenigen, die als sozialistische Demokratie verkleidet sind - irgendetwas anderes erreicht, als eine tiefere Misere für die Massen. Die Eliten - Kapitalisten und Kompradorkommunisten - haben es besser gehabt, aber die absolute Verarmung im Weltmaßstab hat sich lediglich fortgesetzt. Für die Dritte Welt gibt es keinen anderen Weg aus der Armut heraus, als mit diesem System zu brechen. Sich zu isolieren. Die Grenzen zu schließen. Auf die eigenen Kräfte zu bauen.»
Nun ist auch das Selbstversorgungsmodell nicht ohne Probleme, besonders wenn es darauf ankommt, ökonomische Entwicklung über ein gewisses Niveau hinaus zu schaffen. Dafür ist auch China ein Beispiel. Aber Myrdal hat dennoch darin Recht, dass nicht ein einziges Land in der Dritten Welt zu den Bedingungen des Imperialismus etwas anderes erreicht hat, als die Misere für die Massen zu vertiefen. Es gibt kein gutes Fazit dafür, wie ein Land in der Dritten Welt sich befreien und entwickeln soll. Aber es ist bewiesen, immer wieder erneut, dass es nicht nach den Prämissen des Imperialismus geschehen kann.
Was hat dies nun mit Frauen und Frauenunterdrückung zu tun? Ja, es ist so, dass das imperialistische Entwicklungsmodell speziell katastrophale Konsequenzen für die Frauen hat. Das bedeutet nicht, dass das Selbstversorgungsmodell automatisch zur Frauenbefreiung führt. Wieder reicht es auf China zu verweisen. Aber der Imperialismus, kombiniert mit Mannesmacht ist direkt tödlich.