Wenige andere gesellschaftliche Institutionen erscheinen auf die gleiche Weise als «naturgegeben», wie die Familie. Westliche Anthropologen, die in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts damit begannen, andere Kulturen zu studieren, waren oft nicht im Stande zu begreifen, dass es möglich war, sich auf andere Weisen zu organisieren als in der ihnen selbst bekannten Familienform. Die Beobachtungen wurden in den Rahmen dieser Familienform hineingedeutet. Ab und zu gingen sie so weit, dass sie sich weigerten, das, was sie sahen, zu sehen. Evelyn Reed zitiert Westermarck aus dem Jahre 1893 (Reed 1978, S. 93):
«Die Ehe wird bei mehreren der niederen Tierarten angetroffen, bildet die Regel bei den menschenähnlichen Affen und ist universell innerhalb des Menschengeschlechts. Das steht in engem Zusammenhang mit den Elternpflichten - die unmittelbare Fürsorge für die Kinder fällt hauptsächlich der Mutter zu, während der Vater die Famile versorgt und beschützt / ... / Die Ehe bei den Primaten ist augenscheinlich der geringen Anzahl von Jungen und der langen Periode, in der sie außer Stande sind, selbst klarzukommen, geschuldet. Später, als das Menschengeschlecht begann, sich hauptsächlich von Fleisch zu ernähren, wurde die Hilfe des ausgewachsenen Mannes für die Jungen noch unentbehrlicher, weil die Jagd überall die Aufgabe des Mannes ist. Die Annahme, dass in ferner Vorzeit nicht der Vater, sondern der Bruder der Mutter der Beschützer der Kinder war, findet ebensowenig Unterstützung durch Fakten, wie die Annahme, dass alle Stammesmitglieder ihre Beschützer waren.»
Eine gleiche «naturgegebene» Haltung zur Familie haben die heutigen Familientherapeuten. Es ist merkwürdig, dass eine Berufsgruppe, die durch eigene Praxis gesehen hat, wie viel Ungemütliches, Gemütskrankes und Perverses in einer Familie vor sich geht (und was nach eigener Meinung der Familientherapeuten ein Resultat der Mechanismen selbigen Familiensystemes ist), so selten ein Fragezeichen hinter die Familie als Gesellschaftsinstitution setzt. Haleys Beschreibung der Familie der Schizophrenen weckt gewisse Assoziationen zur gesellschaftlichen Funktion der Familie (1969, S. 149): «... eine Art formlosen, bizarren Erleidens unter einer Glasur grandioser Hoffnung und guter Absichten, die einen tödlichen Machtkampf verdeckt und in Form einer endlosen Verwirrung erscheint.«
Die Familientherapeuten waren auch die letzten beim Entdecken von Phänomenen wie Frauenmisshandlung und Inzest. «Entdecken» ist vielleicht nicht das Wort der Wahl, weil sie ja wussten, dass derartiges stattfand. Aber das wurde nicht als Übergriff definiert. Inzest und Frauenmisshandlung waren Resultate des Zusammenspiels in der Familie, und damit wurden auch nicht eindringliche Warnungen ausgerufen. Es war die Frauenbewegung, mit ihrer Sicht auf die Unterdrückung, die erforderlich war, um zu «entdecken», was wirklich los war.
Die Literatur zur Familientherapie ist voll von Beispielen doppelter Botschaften, zweideutiger Kommunikation, undurchdringlicher Beziehungen, unlösbarer Konflikte, magischer Rituale und übler Machtkämpfe, ständig wiederholter, destruktiver Handlungsmuster. Es ist schade, dass dieses Wissen nie zur Analysierung der gesellschaftlichen Funktion der Familie verwendet worden ist, und welche Folgen diese für das Leben in der Familie hat. Hier gibt es wirklich ein Thema, das einen Verfasser sucht!
Die Familie ist eine Institution, in der eine systematische Machtausübung unter dem Deckmantel von Freiwilligkeit und Liebe stattfindet. In den schlimmsten Fällen reicht diese bis zu einer lang andauernden, groben Tortur. Aber auch in den Fällen, wo die Machtausübung auf einem mehr akzeptierten Niveau stattfindet, setzt sie Regeln, mit denen es weder leicht zu leben, noch leicht mit ihnen zu brechen ist. Ich habe zuvor Hanne Haavinds Auffassung zu der Frage referiert, welche Spielregeln für moderne Frauen gelten: Die Botschaft an die moderne Frau lautet, dass sie sich dem Mann unterordnen muss, aber es soll eine gewählte und freiwillige Unterordnung sein, die als etwas anderes erscheint. In der Familie soll es als Liebe erscheinen. Ein Beispiel für die «doppelte Botschaft», das in der Literatur der Familientherapie verwendet wird, ist die Mutter, die ihrem Kind signalisiert, dass sie möchte, dass das Kind spontan das tun soll, was die Mutter wünscht. Das Kind soll also ganz von selbst, aus eigenem Antrieb, die Ordern der Mutter ausführen. (Haley 1982, S. 28) Von solchen «doppelten Botschaften» nimmt man an, dass sie zu psychischen Störungen und bizarrem Benehmen führen. Aber die Hauptprämisse (selbst) für die Beziehung zwischen Mann und Frau in der Familie ist ja eine solche «doppelte Botschaft». Die Frau muss sich unterordnen, aber es soll freiwillig sein.
Ein anderer Begriff, der in der familientherapeutischen Literatur verwendet wird, ist der «Familienmythos». (s. Ferreira 1967) Ein Familienmythos ist eine, oft völlig irrationale Vorstellung, für deren Aufrechterhaltung die Familienmitglieder zusammenarbeiten, weil er für den Zusammenhalt des Familiensystems ganz zentral ist. Wird der Familienmythos herausgefordert, ergibt das dramatische Konsequenzen. Gleichzeitig fordert der Familienmythos seinen Preis: Das Familiensystem wird zusammengehalten, indem die Wirklichkeit verdreht wird, und durch gemeinsame Umgangsformen, die sich mit dieser Verdrehung in Übereinstimmung befinden. «Die enorme Bedeutung [des Familienmythos] im Leben einer Familie versteht man erst dann vollständig, wenn man sieht, wie jedes Familienmitglied für die Aufrechterhaltung eines Familienmythos kämpft. In einigen Familien wirkt es gelegentlich so, als sei der Mythos der einzige Faden, der die Familie am vollständigen Zusammenbrechen hindert,» sagt Ferreira (S. 187). Und er schlussfolgert, dass der Familienmythos die Familie davor beschützt, den wirklichen Konflikten ins Auge zu sehen:
«Der Familienmythos ist eine Gruppenverteidigung gegen Störungen oder Veränderungen in der Beziehung der Mitglieder untereinander. Auf diese Weise erfüllt der Familienmythos eine sehr wichtige Funktion, wenn es darum geht, die Beziehung so zu bewahren wie sie ist, und die Ansprüche des Mythos können sehr gut weitab der Fakten und der Wirklichkeit angesiedelt sein.»
Es ist nicht schwierig, Parallelen zur gesellschaftlichen Ebene zu erkennen. Der wirkliche Inhalt der Familieninstitution: eine ökonomische Institution zur Sicherung der Reproduktion der Arbeitskraft für das Kapital zu einem geringst möglichen Preis, und eine ganz zentrale Institution zur Aufrechterhaltung der Männermacht als ein Glied in der Herrschaft der Bourgeoisie, verborgen hinter dem Mythos der freiwilligen Liebesgemeinschaft. Die unbezahlte harte Arbeit der Frau in einer machtlosen Position wird dadurch gerechtfertigt, dass sie es für denjenigen tut, den sie liebt, in natürlicher, weiblicher Aufopferung. Die Wut der Bourgeoisie, wenn diese Mythen herausgefordert werden, zeigt, dass sie ganz zentral für das Zusammenhalten des Familiensystems sind. In Norwegen hat die Bourgeoisie auch noch eine eigene politische Partei organisiert, die als Hauptaufgabe die Aufrechterhaltung des Familienmythos der Gesellschaft hat, nämlich die Christliche Volkspartei (KRF).
Ein anderes gewöhnliches Muster, mit dem sich die Familientherapeuten befassen, läuft darauf hinaus, dass eines der Mitglieder, gewöhnlich ein Kind oder ein Jugendlicher, sich «opfert», indem es «missraten» wird, um die Familie zusammenzuhalten. Das Kind / der Jugendliche kann in Phasen, wo das Familiensystem in Auflösung zu gehen droht, z. B. wenn die Eltern auseinanderziehen wollen, kriminell, Drogenmissbraucher oder psychisch gestört werden. Indem es «missraten» wird, macht sich das Kind / der Jugendliche vollständig abhängig von der Familie, die damit gezwungen wird, zusammenzuhalten. Wenn das Kind / der Jugendliche sich kommt, geschieht oft ein «Rückfall» in der Familie: Die Eltern drohen erneut damit, voneinander wegzuziehen, und das Kind / der Jugendliche muss wieder «missraten» und abhängig werden, um dies zu verhindern. Dieses Muster ist besonders verbreitet in Familien mit einem Kind, das in das Alter gekommen ist, wo es natürlich ist, von zu Hause wegzuziehen und auf eigenen Beinen zu stehen. (s. u.a. Haley, 1982)
Auf der gesellschaftlichen Ebene fordert auch die Familie große menschliche Opfer, besonders von den Frauen. Die Frauen müssen als Abhängige von der Familie dastehen, ökonomisch und gefühlsmäßig. Sie müssen im Gesellschaftsleben außerhalb der Familie in dem Grad «missraten» sein, wie sie zu einer vollwertigen berufsmäßigen und gesellschaftlichen Teilhabe, auf gleicher Linie mit dem Mann, außer Stande sind. Sie können nicht in vollem Umfang auf eigenen Beinen stehen.
Die langandauernde Hetze gegen berufstätige Frauen als eine «Bedrohung der Familie», zeigt ein Erschrecken vor erfolgreichen, unbhängigen Frauen, das demjenigen verstörter Familien vor erfolgreichen, unbhängigen Kindern in nichts nachsteht. Soll die Familie bestehen, müssen Frauen sich «opfern» und halbe Menschen sein. Sobald sie damit drohen, etwas anderes zu werden, wird das Familiensystem in seinen Grundfesten erschüttert.
Die Familie als Gesellschaftsinstitution ist also von gleich vielen Mythen, gleich vielen doppelten Botschaften und Zweideutigkeiten, gleich vielen zerstörerischen, zwangsmäßigen Mustern geprägt, wie die «kranke» Einzelfamilie, mit der die Familientherapeuten arbeiten. Der Job der Familientherapeuten läuft auf den Versuch hinaus, die Klientelfamilien zum «normalen» Funktionieren auf der Basis kranker Prämissen zu bekommen. Das Ergebnis ist oft, dass sie danach streben, «gesunde, normale Hierarchien» zu errichten, den Machtkampf ein für alle Mal durch das Festklopfen der Machtverhältnisse zu beenden, oder dem Ehemann dabei zu helfen, zu zeigen, dass er «Hoden hat».
Mein Anliegen besteht nicht darin, dass die Familientherapeuten versuchen sollten, die Gesellschaft umzustürzen. Was ich verdeutlichen will, ist, dass die Haltung der Familientherapeuten etwas von der enormen Stärke der Vorstellung über die Familie als etwas Naturgegebenem und Selbstverständlichem zeigt. Ohne diese verwurzelte Vorstellung hätten mehr Familientherapeuten das umfassende Wissen dazu verwendet, die Frage zu stellen: Vielleicht ist es die Familie (selbst) als gesellschaftliche Institution, mit der etwas nicht stimmt?
Neulich sah ich einen alten französischen Film aus dem Jahre 1946, «Die Pastoralsymphonie» nach einem Roman von Andre Gide. Der Film war anregend, sowohl aus einem familiendynamischen Blickwinkel heraus, als auch als Symbol für die Familie als gesellschaftliche Institution. Die Hauptperson in dem Film ist eine blinde Adoptivtochter in einer Pastorenfamilie. Sie wächst zu einer schönen Frau heran, und weckt sowohl beim Vater als auch beim Sohn der Familie Gefühle, die Töchter und Schwestern am liebsten nicht wecken sollten, am wenigsten in einer Pastorenfamilie. Aber alles kann umgedeutet und verborgen gehalten werden, und das Familiensystem funktioniert in einer solchen Balance, solange das Mädchen blind ist. Am Schluss des Filmes wird das Mädchen operiert und erhält die Sehfähigkeit zurück. Da stürzt alles zusammen. Die Familienmitglieder wenden sich in offener Feindschaft gegeneinander, und das Mädchen selbst wird in den Freitod getrieben.
Ein düsteres Drama darüber, wie gefährlich es ist zu «sehen», was wirklich in der Familie vor sich geht. Auf der gesellschaftlichen Ebene müssen wir glauben, dass es eine andere Möglichkeit als Tod und Zerstörung gibt, nämlich die Veränderung.