Viele, sowohl Frauen als auch Männer, fühlen sich von einer solchen Beschreibung der Familie, wie ich sie hier oben gegeben habe, bedroht. Es ist, als wenn ihre letzte Zufluchtsstätte angegrifffen wird. Freilich hat die Frauenforschung des letzten Jahrzehnts (und die Literatur und die Psychologie noch davor) aufgedeckt, dass viel Ungemütliches im «warmen Nest der Familie» geschieht. Aber wo sollen wir uns sonst wärmen?
In der Gedichtsammlung «Nachtoffen» hat Rolf Jacobsen ein schönes Gedicht darüber, wie er es empfindet, wenn seine Frau stirbt. Das Gedicht lautet so:
«Zwei Hände waren wie ein Haus:
Sie sagten:
Komm hier rein.
Kein Regen, kein Frost, keine Furcht.
Ich habe in diesem Haus gewohnt
ohne Regen, ohne Frost, ohne Furcht
bis die Zeit kam und es niederriss.Jetzt bin ich wieder draußen, auf den Straßen.
Mein Mantel ist dünn. Schnee zieht auf.»
Das Gedicht kann als eine Schilderung eines wichtigen Aspektes der Frauenrolle in unserer Gesellschaft gelesen werden: Die Aufgabe der Frau besteht darin, eine Wärmstube für den Mann zu sein. Aber es kann auch als ein Gedicht über die Famile gelesen werden, wie weh es tut, «wieder draußen, auf den Straßen» zu sein. Dass dies sehr schmerzhaft ist, besonders für Männer, sehen wir daran, welches Schicksal geschiedene Männer oft erleiden, wenn es ihnen nicht gelingt, rasch in eine neue Ehe hineinzukommen: Einsamkeit, Gesundheitsprobleme, Alkoholismus. Dieses traurige Bild geschiedener Männer ist teilweise dem geschuldet, dass eine Scheidung oft eine teure Angelegenheit ist, und dass Männer nicht dazu erzogen wurden, rein praktisch auf sich selbst zu achten. Aber es hat auch etwas mit Fürsorge, Umsicht, sozialem Kontakt und persönlicher Nähe zu tun, was von der Familie wahrgenommen werden soll und in variierendem Grade wahrgenommen wird. Die isolierte, privatisierte Familie soll den Großteil der Bürde tragen, unser Bedürfnis nach einem gebenden menschlichen Zusammensein einzulösen. Es gibt wenige gute Alternativen. In einer Familie zu leben, kann grauenhaft sein. Aber ohne zu leben, ist oft schlimmer.
Die Entwicklung der Familie hat bedeutet, dass diese Institution immer größere gefühlsmäßige Aufgaben zugewiesen bekam. Dies ist eine tatsächliche Entwicklung, nicht lediglich verschleiernde Ideologie. Die offene, nicht-privatisierte Gemeinschaft der feudalen Dörfer gibt es nicht mehr. Vielleicht bedeutet es auch etwas, dass die Gesellschaft so verweltlicht worden ist. Die Kirche war im Mittelalter selbstverständlich eine unterdrückende und bedrückende Macht. Aber vielleicht deckte die Religion auch den Bedarf nach Hingabe, Entzücken, Aufrichtigkeit, Intensität und nahes menschliches Zusammensein ab. Jetzt muss die Liebe zu Gott mit der Liebe zu Menschen erstattet werden. In unserer Gesellschaft ist Liebe etwas, das zuallererst zur Familie gehört.
Weil die Familie tatsächlich solche gefühlsmäßigen Aufgaben hat, bekommt auch die Ideologie der freiwilligen Liebesgemeinschaft große Durchschlagskraft. Sie baut auf etwas auf, in dem sich die Leute wiedererkennen. Aber gleichzeitig werden die ökonomischen, politischen und unterdrückenden Funktionen verschleiert, und die Liebesgemeinschaft wird über alle Maßen aufgeblasen.
Wenn gefühlsmäßige Nähe und Liebe die einzige legitime Begründung für die Existenz der Familie werden, wird die einzelne Familie leicht verletzbar. Die Allianz zwischen Frau und Mann soll auf Verliebtheit, romantischer Liebe aufbauen. Keine anderen Gründe um ein Paarverhältnis einzugehen, sind akzeptiert. Wie bekannt, entstand die Vorstellung der romantischen Liebe in der Zeit der Ritter, völlig getrennt von der Ehe und der Familie als Institution. Romantische Liebe war etwas, das man nicht vorzugsweise im Verhältnis zu seinem Ehepartner oder zukünftigen erlebte. Da gab es andere, mehr grund- und bodennahe Gründe, die entscheidend für die Wahl waren.
Aber Verliebtheiten gehen zu Ende, und neue haben es leicht zu entstehen. Mit einem anderen Partner zu leben als demjenigen, in den man im Augenblick verliebt ist, wird fast als Sünde angesehen. Auf jeden Fall ist es wenig zufriedstellend, wenn die ganze Begründung für ein Zusammenleben Verliebtheit und persönliche Nähe ist. Damit bekommen wir das Phänomen «Serienmonogamie», wo sich Leute in einer unendlichen Folge verheiraten und scheiden lassen, entsprechend dem Entstehen und Absterben der Verliebtheit. Es kann so aussehen, als ob der ideologische Überbau zur Rechtfertigung der Institution Familie begonnen hat sein eigenes Leben zu führen, und das Verhalten der Leute auf dem Ehemarkt zu steuern.
So einfach (oder kompliziert) ist es wohl nicht, obgleich man die selbständige Kraft der Ideologie, die Handlungen der Leute zu beeinflussen, nicht unterschätzen sollte. Die «Serienmonogamie» hat mehrere Ursachen. Die Änderungen in der Situation der Frauen hat es ihnen leichter als zuvor gemacht, aus unterdrückenden Beziehungen auszubrechen (und es sind zumeist die Frauen, die die Initiative zur Scheidung ergreifen). Die ökonomischen, sozialen und gefühlsmäßigen Probleme mit dem Allein-Leben schieben indessen viele schnell in neue Familienverhältnisse rein. Männer gehen meistens schneller als Frauen neue Verbindungen ein. Das kann damit zusammenhängen, dass ein «gebrauchter» Mann einen größeren Wert auf dem Ehemarkt hat als eine «gebrauchte» Frau, und dass er größere Möglichkeiten hat da hinzukommen, wo Beziehungen geknüpft werden als geschiedene Frauen, die meistens die Hauptverantwortung für die Kinder tragen. Aber es liegt wohl auch daran, dass für Männer die Belohnungen im Familienleben größer, und die Unkosten geringer sind als für Frauen. Und gute Alternativen gibt es nicht. Eine englische Untersuchung (referiert in Ingham, 1984) zeigt, dass 56% einer Auswahl geschiedener Männer, die interviewt wurden, erzählten, dass ihr Freundes-Netzwerk nach der Scheidung viel schlechter geworden oder vollständig zusammengebrochen war (wahrscheinlich ein Resultat dessen, dass es gewöhnlicherweise die Frau ist, die den sozialen Umgang in der Familie organisiert und das Netzwerk am Leben erhält). Annäherend zwei von Dreien meinten auch, dass ihre Berufskarriere ernsthaft unter der Scheidung gelitten hatte, aufgrund schlechterer Lebensverhältnisse und schlechterer Gesundheit. Auch wenn die Familie im Leben von Frauen auf andere Weise die Hauptrolle spielt als bei Männern, sieht es danach aus, dass es oft der Mann ist, der am meisten leidet, wenn die Beziehung sich auflöst. Das ist ein Zeichen dafür, wie viel von der «Stärke» des Mannes auf den Schultern der Frau ruht.
Aber die Vorstellung von der Familie als einer Institution, die zuallererst dazu da ist, Menschen persönliche Nähe, Glück und gegenseitige Fürsorge zu sichern, gibt Frauen wohl noch einen Grund mehr, sich auf die Suche nach einer zufriedenstellenderen Beziehung zu begeben als derjenigen, in der sie im Augenblick leben. Die unterschiedliche psychische Struktur von Frauen und Männern, die der Sozialisierung zur Erfüllung unterschiedlicher Funktionen in der Gesellschaft geschuldet ist, führt dazu, dass das Bedürfnis und die Sehnsüchte von Frauen in Beziehungen zu Männern schwerlich befriedigt werden. Ericsson, Lundby und Rudberg haben dies so beschrieben (1985, S. 71):
«Die Psyche von Männern und Frauen wird auf eine solche Weise verschieden, dass die Begegnung zwischen ihnen unbefriedigend und schwierig werden muss. Es ist gewöhnlich, dass Frauen über einen Mangel an gefühlsmäßiger Empfindsamkeit von Männern klagen. Das Verlangen danach, Fürsorge und Nähe entgegenzunehmen, wird nicht befriedigt. Oft versteht der Mann noch nicht einmal, was die Frau von ihm verlangt. Ein Grund, warum er nicht versteht, ist, dass sein eigener Bedarf an Fürsorge, Anerkennung und und Aufmerksamkeit in viel höherem Grad erfüllt wird, er hat ja einen professionellen Fürsorgearbeiter im Haus, der sich auf selbstverständliche Weise dieser Seite seines Lebens annimmt. Der Satte hat Schwierigkeiten sich vorzustellen, wie sich Hunger anfühlt. Einen anderen Grund finden wir in den Problemen der Frau, ihre eigenen Bedürfnisse klar und unzweideutig zu formulieren, etwas, dass mit ihrer Identität als unselbständig und gebend in Konflikt geraten würde. Und selbst wenn der Mann vage fühlt, was sie wünscht, weiß er nicht, wie er ihr das geben soll, sie verlangt, dass er etwas tun soll, das er nicht gelernt hat! Das führt zu Unsicherheit, Hilflosigkeit und frustriertem Zorn. Dazu kommt die Bedrohung, die in der Nähe und Intimität liegt, die Bedrohung, die Kontrolle zu verlieren und verschlungen zu werden. Die Frau deutet ihrerseits die mangelnde Fähigkeit des Mannes, ihr das zu geben, wonach sie sich sehnt, als zerfallende Liebe: Der Mann will ihr nicht entgegen kommen. Für Frauen ist es schwierig zu verstehen, dass Männer nicht begreifen, worum Frauen bitten, und das sie nicht wissen, wie sie es geben sollen. Sie fühlen sich in der Beziehung zu Männern ausgenutzt.»
Kein Wunder, dass «Probleme des Zusammenlebens» florieren. Der tatsächliche Inhalt der Institution Familie wird verborgen und die gefühlsmäßige Funktion wird aufgeblasen. Aber die gefühlsmäßige Seite der Familie ist in sich selbst so voller Konflikte, dass sie allein Stoff für unzählige Probleme des Zusammenlebens geben kann. Dennoch wirkt eine kritische Analyse der Familie auf die allermeisten von uns bedrohlich. Denn die Familie gibt uns auch etwas Wirkliches, etwas Wichtiges, ohne das es schwierig ist, zu leben. Und «draußen, auf den Straßen» zieht Schnee auf.