Die Familie - eine ökonomische Einheit

Die Familie ist vorrangig eine ökonomische Einheit. Dies war in früheren Zeiten deutlicher als jetzt. Im Kapitel über die Hausarbeit schrieb ich darüber, wie der Kapitalismus Hausarbeit und Produktion voneinander trennte, als zwei unterschiedliche Formen von Arbeit, die innerhalb verschiedener institutioneller Rahmen ausgeführt wurden. Es gab zuvor schon einen Unterschied zwischen Hausarbeit und Produktion. Aber beide Teile fanden häufig innerhalb der Familie statt. Und die Hausfrau und hatte Aufgaben, die direkt und indirekt in die Produktion einflossen. Auf den Höfen beteiligte sie sich an der landwirtschaftlichen Tätigkeit, und wo es beschäftigte Dienstleute gab (auch in Handwerkerfamilien) war sie es, die die Verantwortung für die Hausarbeit trug, die notwendig war, damit die Dienstleute das bekamen, was sie für den Lebesunterhalt benötigten.

Dass die Grenze zwischen Hausarbeit und Produktion undeutlicher wird, wenn beide Teile innerhalb desselben institutionellen Rahmens vor sich gehen, spiegelt die heutige Diskussion unter den Bauernfrauen wider. Die Frauen in der Landwirtschaft wünschen sich den Status als Bauern, nicht lediglich als «Ehefrauen». Aber auf welcher Grundlage sollen sie ihre Forderung nach einem solchen Status stellen? Was, innerhalb all´ der Arbeit, die auf einem Hof gemacht wird, ist notwendiger Teil der Produktion? Und was ist Hausarbeit? Wenn die Frau des Hofes Essen für diejenigen zubereitet, die auf den Feldern arbeiten, ist sie dann Kantinenverwalterin oder Hausfrau? Hier gibt es unterschiedliche Meinungen. Aber auf die Industriearbeiter übertragen, ist die ganze Diskussion undenkbar.

Die Familie als ökonomische Einheit trat früher auch deutlicher zu Tage, weil die Familie nicht die gleichen sozialen und gefühlsmäßigen Funktionen hatte wie jetzt. In den feudalen Dörfern war die Familie mehr eine Arbeits- und Überlebenseinheit als eine gefühlsmäßige Einheit, behauptet Frønes (1981). Die gefühlsmäßigen Bande zwischen Ehepartnern und zwischen Eltern und Kindern waren nicht so stark wie jetzt, und das kollektive Dorfleben deckte viele der Bedürfnisse für soziales Zusammensein, Nähe und Kontakt, die heute von der Familie abgedeckt werden.

Dass die ökonomische Funktion der Familie weniger deutlich ist als früher, bedeutet nicht, dass sie verschwunden ist. Die Entwicklung des Kapitalismus hat dazu geführt, dass ein paar ökonomische Aufgaben aus der Familie herausgenommen worden sind. Aber es sind genügend übrig geblieben! Man braucht sich lediglich anzusehen, welch großer Teil der gesamtgesellschaftlichen Arbeit weiterhin im Rahmen der Familie ausgeführt wird. Zeitnutzungsuntersuchungen aus dem Jahre 1972 berechneten, dass die Anzahl der Stunden, die zur Arbeit im Haushalt aufgewendet wurden, um ein Fünftel größer war als diejenige, die zu einnahmenbewirkender Arbeit aufgewendet wurden. Eine französische Untersuchung aus dem Jahre 1975 berechnete, dass die Anzahl von Stunden, die im Zuhause aufgewendet wurden, um 30% größer war als die Gesamtzahl von Stunden, die in Lohnarbeit aufgewendet wurden (referiert nach Scott, 1984). Die Zahlen können sich etwas verändert haben. Aber es sollte gleichwohl klar genug sein, dass die Familie weiterhin wichtige ökonomische Aufgaben haben muss.

Worin diese Aufgaben bestehen, darüber habe ich zuvor geschrieben: Es handelt sich um Arbeit, die notwendig ist, um die Arbeitskraft zu reproduzieren, es handelt sich um die Fürsorge für diejenigen Menschen, die aus Sicht des Kapitals «sozialer Ausschuss» sind, und es handelt sich um das, was ich die «Pufferfunktion» genannt habe. Dadurch, dass die Gesellschaft nach dem Prinzip der privaten Versorgung organisiert ist (auch wenn dies etwas durch Versicherungen und soziale Unterstützung moderiert wird), wird auch der Familie die Aufgabe zugewiesen, die «natürliche» Versorgungseinheit zu sein. Im heutigen krisengeschüttelten Belgien kommt dies u.a. dadurch zum Ausdruck, dass die Behörden die Arbeitslosenunterstützung für Arbeitslose reduzieren wollen, die verheiratet sind oder mit einer Person zusammenwohnen, die in Arbeit steht.

In den letzten zehn Jahren sind wichtige Änderungen im Familienmuster erfolgt. Die Idealfamilie der 50er-Jahre, mit berufstätigem Vater, zu Hause tätiger Mutter und zwei oder mehr Kindern, ist zu einer Minderheit reduziert worden. Die Frauen sind in großem Umfang in die Berufsarbeit rausgegangen. Die Anzahl von Scheidungen hat zugenommen, und das Zusammenwohnen ohne öffentliche Papiere ist gewöhnlich geworden. Offenes, homophiles und lesbisches Zusammenleben ist stärker verbreitet als früher. Die Anzahl von Alleinversorgenden, in der Hauptsache Frauen, hat auch zugenommen. Einige reden davon, dass die Familie im Begriff ist, sich aufzulösen.

Soweit es die Familie als ökonomische Einheit betrifft, ist dies auf jeden Fall kein Zufall. Die Familie ist weiterhin ein privates Versorgungssystem, und eine Einheit, in der unbezahlte Arbeit ausgeführt wird. Weibliche Alleinversorgende haben die Familie nicht «aufgelöst», weil die nicht verschwindet, selbst wenn der Mann verschwindet. Das einzige was geschieht, ist, dass die Frau mit den Aufgaben alleine stehen gelassen wird. Sie soll die ganze Haus- und Fürsorgearbeit ausführen, während sie gleichzeitig sich selbst und die Kinder versorgen soll, noch dazu von der «Ergänzung zum Lohn».

Dafür, dass die Familie nicht verschwindet, selbst wenn der Mann verschwindet, ist ein Land wie Nicaragua ein gutes Beispiel. In Nicaragua ist der Anteil weiblicher Alleinversorgender sehr hoch, bis zur Hälfte aller Mütter mit Kindern. Die revolutionäre Regierung versucht dieses Problem (das ein großes Armutsproblem ist) durch Kampagnen für «verantwortliche Vaterschaft» zu lösen. D. h., dass versucht wird Väter dazu zu zwingen, ökonomische Verantwortung für die Kinder zu übernehmen, an deren Zur-Welt-Bringung sie beteiligt sind. Das Prinzip der privaten Versorgung wird aufrechterhalten, und die Regierung versucht, die Männer zur Übernahme ihres Teils der Verpflichtungen innerhalb des Rahmens der Familie als ökonomische Einheit zu bekommen.

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