Als Peer Gynt20 Dovregubbens Halle besuchte und sich mit Dovregubbens Tochter verheiraten sollte, wollten die Trolle21 ihm einen kleinen Schnitt ins Auge setzen. Dieser Schnitt sollte sichern, dass er aufhörte, die Welt mit Menschenaugen zu betrachten, und sie an Stelle dessen aus der Perspektive der Trolle sah. Die Frauenunterdrückung fügt Männern aus der arbeitenden Bevölkerung einen solchen «Trollsplint» im Auge zu.
In meinem Büro habe ich zwei Plakate hängen. Das eine ist Sonja Krohns Plakat von der Frauenkonferenz der AKP (ml) im Herbst 1986, «Der morgige Tag gehört uns». Das andere ist vom Karikaturisten «M» von Klassekampen erstellt, im Vorfeld eines Treffens zu «Die Männerrolle in Veränderung», arrangiert von der Frauenfront in Elverum, ebenfalls im Herbst 1986.
Die Künstler, die die Plakate erstellt haben, sind dem gleichen politischen Milieu verbunden. Die Themen, die sie illustrieren sollen, besitzen einen näheren Zusammenhang, es sind zwei Seiten der gleichen Debatte. Aber die Plakate sind im Ausdruck sehr verschieden.
Sonja Krohns Plakat zur Frauenkonferenz drückt Stolz, Freude und Stärke aus. Es zeigt eine Frau, die sich erhebt und die Arme nach oben zum Licht hin streckt, eine Frau, die sich wirklich bewusst ist, dass ihr «der morgige Tag gehört». «M»s Plakat zeigt eine gleichzeitig traurige und lächerliche Männerfigur. Er hat einen Ausdruck im Gesicht wie ein betrübter Bernhardiner, und die ganze Gestalt droht einzulaufen oder zu einem nassen Fleck zusammenzufallen.
Ich denke, dass die beiden Plakate ein gutes Bild von den herrschenden Sinnesstimmungen im politischen Milieu geben, dem sie im Herbst 1986 entsprungen sind. Die Frauen stürmen voran, fühlen sich stolz und stark. Die Männer werden ängstlich und unsicher, fühlen dass sie schrumpfen.
Dies sagt etwas über eine wichtige Quelle der Größe und Stärke des Mannes in dieser Gesellschaft aus. Frauen tragen die Größe und Stärke der Männer auf den Schultern (Ericsson, 1986):
«Männer haben Nutzen aus der praktischen Arbeit der Frauen für sie, dass Frauen sich um all´ die kleinen und großen Begebenheiten des täglichen Lebens einen Kopf machen, dass Frauen mit Männern auf eine Weise umgehen, die ihnen die ganze Zeit Signale gibt, dass sie am wichtigsten sind, dass Frauen Männer trotz deren Lebenslügen aufbauen, dass Frauen Männer gefühlsmäßig unterstützen, dass Frauen ihre Handlungen und unterlassenen Handlungen ausgehend von den Konsequenzen beurteilen, die diese für den Mann haben, dass Frauen nicht mit einer Selbstverständlichkeit davon ausgehen, dass sie Rechte haben, vielmehr hängt es davon ab, wie andere davon berührt werden, dass Frauen die Verantwortung dafür übernehmen, dass Konflikte gelöst oder geglättet werden, unabhängig davon, wer sie erschaffen hat. Weil Frauen all´ dies tun, ist es dem Mann auch möglich, einen Teil der positiven Eigenschaften, für die er eine Bestätigung als Mann erfährt, zu entfalten: Er kann sich für «große» Dinge interessieren, weil jemand anderes sich der kleinen annimmt, er kann selbstsicher sein, weil ihm jemand ständig die Bestätigung dafür gibt, dass er wichtig ist, er kann auf seinem Recht beharren, weil andere zurückweichen, er kann «freiweg von der Leber» reden, weil jemand anderes in den Konflikten aufräumt, die geschaffen werden, er kann sicher und unabhängig wirken, weil jemand die ganze Zeit automatisch für die Abdeckung seiner Bedürfnisse nach Unterstützung und Fürsorge eintritt.»
Eine Änderung in diesem Zusammenspiel zwischen Frauen- und Männerrolle kann bei Männern das Gefühl erzeugen, dass der Boden unter ihnen weicht. Etwas vom Zentralen selbiger Identität als Mann besteht überdies darin, Macht über Frauen zu haben. Das Entgegengesetzte eines wirklichen Mannes ist ein Pantoffelheld. Der Pantoffelheld hat nicht Macht über Frauen.
Die heutige männliche Identität ist davon abhängig, dass die Frauen niedergehalten werden. Dies ist in vielen Zusammenhängen so selbstverständlich und unproblematisch, dass Familientherapeuten Frauen, die sich nach ihrer Meinung zu viel Macht in der Familie aneignen, beschuldigen, «die Geschlechtsorgane des Ehemannes zu entfernen». Wenn der Mann seinerseits gegenüber der Frau Replik gibt, tritt er so auf, dass er «zeigt, dass er Hoden besitzt» (s. Haley 1969, S. 114 und 117). Die Macht sitzt also in den Geschlechtsorganen.
Bell Hooks (1981) gibt eine überzeugende (und herzzerreißende!) Analyse, wie dies in der schwarzen Bewegung in den USA der 60er-Jahre wirkte. Der Kampf gegen den Rassismus, für die Rechte und Menschenwürde der Schwarzen wurde Hooks zufolge auch ein Kampf zur Stärkung der Macht der schwarzen Männer über «ihre» Frauen. Ein Teil der Erniedrigung des schwarzen Mannes bestand darin, dass ihm das Recht, über schwarze Frauen zu herrschen, genommen wurde, er wurde «entmannt». Bell Hooks zitiert den Verfasser Richard Wright, der in der Novelle «Long Black Song» den Helden, der gerade einen weißen Mann getötet hat, ausrufen lässt:
«Die Weißen haben mir niemals ein Chance gegeben! Sie haben niemals einem schwarzen Mann eine Chance gegeben! Es gibt keinen Ort auf der ganzen Welt, wo sie dich in Frieden lassen! Sie nehmen dir dein Land weg! Sie nehmen dir deine Freiheit weg! Sie nehmen deine Frauen! Und dann nehmen sie dein Leben!»
Dass männlicher Chauvinismus auch bei schwarzen Männern zum Ausdruck kommt, ist an und für sich nichts, um sich darüber zu wundern. Aber es ist tragisch, wenn eine Bewegung für die Befreiung vom Rassismus gleichzeitig eine Bewegung zur Stärkung der Macht schwarzer Männer über eine andere unterdrückte Gruppe, die Frauen, wird, wie Bell Hooks es beschreibt. Bell Hooks zitiert auch einen anderen Verfasser, einen der bedeutendsten Poeten der schwarzen Bewegung, nämlich Amiri Baraka. In einem Abschnitt des Schauspiels «Madheart» verherrlicht Baraka Gewalt gegen Frauen als ein Mittel zur Stärkung der Größe und Würde des schwarzen Mannes:
«Schwarzer Mann: Ich kann dich zurückbekommen. Wenn ich es brauche.
Schwarze Frau (lacht): Das brauchst du, Baby ... sieh dich nur um. Du solltest weiß Gott! zusehen, dass du mich zurückbekommst, wenn du weißt, was gut für dich ist ... das solltest du weiß Gott!
Schwarzer Mann (sieht sie direkt an, geht ein paar Schritte vor): Achch so, sollte ich das? (ein sanftes Gelächter) Ja. Jetzt sind wir da, wo wir immer gewesen sind (dreht sich plötzlich und schlägt sie mehrere Mal auf beide Seiten des Gesichts).
Schwarze Frau: Was?? Was ... Lieber ... sei so gut ... schlag mich nicht (er schlägt sie erneut, mehrere Male).
Schwarzer Mann: Ich will dich haben, Frau, als Frau. Geh hinunter! (er schlägt sie erneut) Geh hinunter!, unterwerfe dich, unterwerfe dich, ... die Liebe ... und der Mann, jetzt und für immer.
Schwarze Frau (weint, dreht das Gesicht von Seite zu Seite): Sei so lieb, schlag mich nicht ... sei so lieb ... (sie beugt sich hinunter). Die Jahre sind so lang gewesen ohne dich, Mann. Ich habe gewartet ... auf dich gewartet ...
Schwarzer Mann: Und ich habe gewartet.
Schwarze Frau: Ich habe dich gesehen, wie du erniedrigt worden bist, schwarzer Mann, habe dich kriechen sehen vor Hunden und Teufeln.
Schwarzer Mann: Und ich habe dich gesehen, wie du von Wilden und Untieren vergewaltigt worden bist, und scheißbleiche Kinder geboren hast, mit Affen als Väter.
Schwarze Frau: Du hast es zugelassen ... du konntest ... nichts machen.
Schwarzer Mann: Aber jetzt kann ich (er schlägt sie ... zieht sie an sich heran, küsst sie tief auf den Mund). Es ist Schluss mit der Scheiße, Frau, du bist bei mir, und die Welt ist mein.»
Der Abschnitt von Barakas Schauspiel ist ergreifend, erschütternd und tragisch. Er stellt die Träume eines schwarzen, militanten Mannes dar, der sich von der Unterdrückung und Erniedrigung des Rassismus befreien, und sich in Liebe mit der schwarzen Frau vereinen will. Aber seine Größe ist davon abhängig, dass sie sich unterwirft. Und erst wenn er Macht hat, über sie zu herrschen, kann die Liebe zwischen ihnen entstehen.
Deutlicher kann «der Trollsplint im Auge» kaum illustriert werden. Weil es so viele gemeinsame Punkte zwischen den Mechanismen und der Ideologie des Rassismus und der Frauenunterdrückung gibt, wird es so ersichtlich, wie der schwarze Mann in Barakas Schauspiel das Weltbild der Herrschenden übernimmt: Würde und Größe sind abhängig davon, dass man jemanden unter sich hat. Wie kann wirkliche Befreiung von der Entmenschlichung des Rassimus auf einer solchen Grundlage möglich sein?
In unserer Gesellschaft ist es vielleicht der Porno, der die Träume von Männern von sich unterwerfenden Frauen am klarsten ausdrückt. Porno ist eine Großindustrie und ein mächtiges ideologisches Werkzeug zur Verbreitung einer erniedrigenden Auffassung über Frauen. Wenn viele Männer daran festhalten, dass der Kampf gegen Porno ein Kampf gegen die Sexualität ist, sagt dies etwas über den «Trollsplint im Auge» aus. Dass man groß und mannhaft durch die Unterdrückung und Erniedrigung anderer Menschen, Frauen, wird, ist so selbstverständlich, dass es unmöglich ist, dies zu sehen.
Diejenigen, die andere unterdrücken, können selbst nicht frei sein, sagte Marx. Er hob ab, auf das Verhältnis der englischen Arbeiterklasse zur unterdrückten irischen Nation. Aber die Freiheitsauffassung der Bourgeoisie ist eine andere: Nur diejenigen, die andere unterdrücken, können selbst frei sein. Und die Freiheit der Bourgeoisie als Klasse ist gerade auf die Unterdückung und Ausbeutung der Arbeiterklasse aufgebaut. Dadurch befreien sie sich von der täglichen harten Arbeit, und schaffen sich eine materielle, kulturelle und politische Freiheit, die die Mehrheit der Bevölkerung nicht kennt.
Das ist die gleiche Freiheitsauffassung, die in dem Ausschnitt von Barakas Schauspiel zum Ausdruck kommt: Nur wer die Macht besitzt, andere zu unterdrücken, kann selbst frei sein. Und in unserer Gesellschaft bauen ein Teil der «Freiheiten» der gewöhnlichen Männer auf die Unterdückung von Frauen auf.
Aber das ist eine eingeschränkte und pervertierte Freiheit, von einem ganz anderen Charakter als diejenige, von der Marx spricht. Das Problem ist, dass die Frauenunterdrückung dazu beiträgt, die Freiheitsauffassung der Bourgeoisie zu den Männern der Arbeiterklasse zu überführen, und es ihnen schwierig macht, mit diesen Prämissen zu brechen. So stärkt «der Trollsplint im Auge» die Klassenherrschaft der Bourgeoisie.
(20) Hauptfigur im gleichnamigen Drama von Ibsen