Die Frauenunterdrückung macht Frauen zu einem anderen Menschenschlag als Männer, einem anderen Typ nicht ganz vollwertiger Menschen. Damit wird es auch für Männer schwierig, mit Frauen Gemeinschaft zu erleben und sich mit ihnen zu identifizieren. So antwortet z.B. ein englischer Schuljunge, wenn er gefragt wird, wem er in der Klasse am allerwenigsten ähnlich sein möchte (Stanworth, 1981):
«Schuljunge: Ich weiß nicht. Mal sehen (sieht die Karten seiner Mitschüler durch). Ja, jemand aus der grauen Masse. Die wirken so anonym. Wahrscheinlich jemand von den kichernden Mädchen, lass mich eine aussuchen. Linda, die ist ekelhaft. Ja, Linda.
Interviewer: Ist es, weil sie ekelhaft ist?
Schuljunge: Nein, aber sie wirkt so kindlich. Sie trägt in der Klasse wenig bei. Sie steht für alles, was ich nicht mag.»
Dies ist eine typische Antwort in der Untersuchung von Stanworth. Auch norwegische Jungen haben große Probleme damit, positive Eigenschaften bei Mädchen zu sehen. Sie haben überhaupt Probleme damit, Mädchen als Individuen mit bestimmten Eigenschaften zu beschreiben (Ericsson, Lundby und Rudberg, 1985, S. 53):
«Kåre: (Was ist es, das du an den Mädchen in der Clique magst?) Mit den Mädchen in der Clique mögen? (Ja) Ich weiß nichts Spezielles, ich. Mag sie nicht besonders. Sie sind nur da. (Ja, sind die irgendwie cool?) Ja, die sind ganz in Ordnung, die.»
«Ola: Mögen? Nein, die sind nur da. Nein, mag sie nicht besonders. Ja, ich mag sie, aber...»
Auch für Kåre und Ola scheinen die Mädchen Teil der «grauen Masse» zu sein. Mädchen und Frauen werden als Personen undeutlich. Sie verschwinden hinter einer stereotypen Kategorie. Und dieser Kategorie werden eine Reihe, in der Hauptsache negative Züge zugeschrieben (Es reicht aus, an die lange Reihe von Schimpfwörtern zu erinnern, die sich im Synonymwörterbuch unter dem Stichwort «Frau» finden).
Was geschieht, wenn Menschen als Individuen ausradiert und stattdessen Teil einer verachtenswerten «grauen Masse» werden? Myrdal (1986) gibt ein Beispiel dafür. Er zitiert eine Episode aus Bertrand Russels Selbstbiografie, wo Russel und seine schwangere Frau Dora Pressefotografen in Yokohama ausgesetzt sind. Russel schreibt:
«In dem Augenblick wurde ich von den gleichen wilden Leidenschaften erschüttert, die die Angloinder während des Aufstands (im Original «mutiny», J. M.s Anm.) gefühlt haben müssen, die weiße Männer, umgeben von einer farbigen aufrührerischen Bevölkerung, fühlen müssen. Hier brachte ich mir bei einzusehen, dass der Trieb, seine eigene Familie davor zu beschützen, von Leuten einer fremden Rasse misshandelt zu werden, das wildeste und leidenschaftlichste Gefühl ist, das der Mensch überhaupt zu empfinden im Stande ist.»
Aufgrund Russels rassistischen Vorurteilen, werden die Pressefotografen in Yokohama nicht ganz einfach lästige Pressefotografen. Sie werden eine Ausgabe der «gelben Gefahr», eine bedrohliche, entindividualisierte Masse ohne menschliche Züge. Der Aufstand oder die «Meuterei», auf die Russel im Text anspielt, ist der Sepoy-Aufstand in Indien 1857, ein nationaler Aufstand gegen den englischen Kolonialismus, der mit unfassbarer Grausamkeit und Massakern niedergeschlagen wurde. Aber der Humanist und Pazifist Russel identifiziert sich mit den englischen Mördern. Sie sind für ihn Personen, die er verstehen kann. Die indischen Aufständischen sind etwas Nicht-Menschliches, Nicht-Persönliches, so wie die Pressefotografen in Yokohama.
Solche Stereotype, solche Entindividualisierung, schaffen sozialen Abstand und erhalten ihn aufrecht. Dies kann furchtbare Folgen haben. Christie hat das Verhältnis zwischen Gefangenen und Gefangenenwärtern in einem Konzentrationslager für Serben in Nord-Norwegen während des letzten Krieges untersucht. Was ist der Unterschied zwischen den norwegischen Gefangenenwärtern, die Mörder und Gefangenenmisshandelnde wurden, und denen, die es nicht wurden? Ein wichtiger Unterschied lag in der Weise, wie sie die Gefangenen auffassten (Christie 1982, S. 67):
«Das Typischste war vielleicht, dass sie (die Misshandelnden) den Gefangenen nicht so nahe kamen, dass sie sie als Mitmenschen erlebten. /.../ Sie schafften es nicht, das Gefangenenverhalten als eine vernünftige Antwort auf eine unannehmbare äußere Situation anzusehen. Die Gefangenen wurden eine graue Masse mit teils unverständlichen, teils schlechten, teils gefährlichen Eigenschaften. Nur ein Ding half ihnen gegenüber: Gewalt. Die übrigen Gefangenenwärter sahen etwas mehr. Nach und nach wurden die Gefangenen etwas anderes als ein Masse, der eine und andere menschliche Zug bahnte sich seinen Weg, sie wurden Individuen, geprägt von einer grauenvollen Situation. Aber damit war es getan. Wo der Mensch sichtbar wird, da gelangen Gefangenenwärter unter den steuernden Einfluss ihres gewöhnlichen Normsystems.»
Wenn eine Gruppe von Menschen eine stereotype, entindividualisierte Masse in den Augen anderer Menschen wird, wird es leichter, sie zu unterdrücken und Übergriffe zu begehen. Wie weit dieser Mechanismus führen kann, dass das «gewöhnliche Normsystem» im Verhältnis zu Frauen außer Kraft gesetzt wird, zeigen die Gewaltpornos und besonders die sogenannten «Snuff-Filme» (die tatsächlichen Frauenmord zeigen, und keine Filmtricks). Über diese Filme wird gesagt, dass sie gewöhnliche Männer sexuell erregen sollen.
Aber der Gewaltporno ist lediglich ein äußerster Punkt in einer langen Reihe mehr oder minder grober Übergriffe, physischer, psychischer und sozialer, die gewöhnliche Männer gegenüber Frauen begehen. Die negativen Stereotype über Frauen als Geschlechtswesen erleichtern es, solche Übergriffe zu begehen. Sie schaffen sozialen Abstand zu Frauen, Frauen werden etwas, womit es schwierig ist, sich zu identifizieren, man kann sich in ihre Situation nicht hineinversetzen.
Individuen zu gesichtslosen Mitgliedern einer stereotypen sozialen Kategorie zu machen, kann selbstverständlich auch als eine Art Verteidigungsmechanismus im Kampf von unterdrückten Klassen und Gruppen gegen die Übermacht angewendet werden. «Male chauvinist pig» (männliches Chauvinistenschwein) ist ein solches Stereotyp, das die Frauenbewegung erschaffen hat. Aber die Unterdrückten haben nicht die gleiche Definitionsmacht wie die Unterdrücker. In unserer Gesellschaft sind Männer in weitaus höherem Grad als Frauen Individuen, Frauen sind in weitaus höherem Grad Geschlecht als Männer. Rousseaus Auffassung aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts hat seine Gültigkeit nicht verloren:
«Der Mann ist Mann lediglich in gewissen Augenblicken, die Frau ist Frau ihr ganzes Leben lang ... alles erinnert sie ständig an ihr Geschlecht.» (s. Viestad 1982)
Je mehr Männer in der arbeitenden Bevölkerung von den negativen Stereotype über Frauen als Geschlechtswesen geprägt sind, desto nützlichere Werkzeuge werden sie, um die Frauen der selbigen arbeitenden Bevölkerung niederzuhalten. Die Bourgeoisie bekommt so gewöhnliche Mannsleute dazu, den Job für sie ausführen.