Spaltung macht schwach

Die Arbeiterklasse und die Gewerkschaftsbewegung in Norwegen haben eine lange und tragische Geschichte der Spaltung zwischen Frauen und Männern. Auch auf diesem Gebiet weisen die Gegensätze zwischen den Geschlechtern zuerst ganz offene Formen auf, während sie später auf eine mehr verdeckte Weise auftreten.

Die Typografen waren Pioniere, was die gewerkschaftliche Organisierung hier in Norwegen betrifft. Aber es war auch in der grafischen Branche, dass sich einer der ersten und bittersten Kämpfe zwischen weiblichen und männlichen Arbeitern abspielte. Das betraf den Kampf zwischen den Setzergehilfinnen und den Typografen. (Die folgenden Darstellungen beziehen sich auf Andersgaard, 1977)

Die Setzergehilfinnen waren ungelernte und niedrigentlohnte. Sie wurden von den Druckereibesitzern benutzt, um den Lohn zu drücken (auch zu jener Zeit wussten die Kapitalbesitzer «das Weibliche» auszunutzen). Aber die Löhne und Arbeitsverhältnisse der Setzergehilfinnen waren gleichwohl hinreichend viel besser als in typischen Frauenindustrien, sodass die Setzergehilfinnen darauf eingestellt waren, für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze zu kämpfen.

Dieser Kampf sollte sich über lange Wegstrecken gegen die männlichen Arbeitskollegen, die Typografen richten. Letztere hatten nämlich auf die Rolle der Setzergehilfinnen als Lohndrücker mit dem Versuch reagiert, die Frauen aus der Branche rauszubekommen. 1902 schrieb z.B. die Redaktion im Gewerkschaftsblatt der Typografen (wiedergegeben nach Andersgaard, S. 38):

«Es sind die Schürzenträger, die solche Verhältnisse (Arbeitsverhältnisse, A.s Anm.) schaffen - es kribbelt und krabbelt von ihnen in allen Fugen der heiligen Hallen Gutenbergs /.../ Es gibt eine große Nachfrage nach Dienstmädchen, so brauchen die Mädchen nicht zu hungern, wenn sie den Winkelhaken weglegen. Aber für uns Mannsleute ist es schlimmer! Wenige von uns können kochen und scheuern, wozu wir jetzt allerdings gezwungen sind uns beizubringen; weil das Ende wird eben das sein - wenn es denn keine Veränderung der jetzigen Verhältnisse gibt - dass wir den wenig erbaulichen Anblick bekommen, dass die Setzergehilfinnen am Herd stehen, während die Ehefrau und die Töchter an der Kasse arbeiten.»

Dies war freilich nicht die einzige Auffassung, die bei den männlichen Typografen zum Ausdruck kam. Periodenweise dominierte eine andere Auffassung, die Auffassung der Sozialisten. Sie war von Marx und Engels´ Linie der Internationale beeinflusst und lief darauf hinaus, dass die Lohnarbeit der Frauen ein gesellschaftlicher Fortschritt war. Es waren nicht die Frauen, die bekämpft werden sollten, sondern das kapitalistische System, das dazu führte, dass Frauen als Konkurrenten zum Mann verwendet wurden. Diese Linie bekam auch praktische Konsequenzen, und es wurde zwischenzeitlich eine Einheit zwischen den Typografen und den Setzergehilfinnen erzielt. Aber die Setzergehilfinnen bewahrten sich die ganze Zeit über ein tiefes Misstrauen gegenüber den männlichen Typografen. Ein Ausdruck dessen war, dass die Setzergehilfinnen, im Gegensatz zu den übrigen organisierten Arbeiterfrauen, gegen die Forderungen nach einem besonderen Schutz für Frauen angingen, die sie als ein Mittel zur Schwächung der Frauen in der Konkurrenz um Jobs ansahen.

Das bekannteste und bitterste Beispiel der Spaltung zwischen männlichen und weiblichen Arbeitern ist der Streit über das Recht auf Arbeit verheirateter Frauen in der Zwischenkriegszeit. 1925 fasste der Gewerkschaftskongress der LO15 folgenden Beschluss (alle Zitate wiedergegeben nach Lønnå, 1977, S. 151):

«Der Gewekschaftskongess auferlegt den gewerkschaftlich organisierten Arbeitern und ihren gewählten Vertrauensmännern dem entgegenzuarbeiten, dass in solchen Haushalten, in denen es für die Existenz der Familie nicht erforderlich ist, sowohl der Mann als auch die Ehefrau feste Arbeit annehmen.»

Um ihre eigenen Arbeitsplätze in schwierigen Zeiten zu «sichern», gingen also die männlichen Arbeiter, die der sozialdemokratischen Linie der LO-Leitung folgten, zusammen mit den Arbeitgebern gegen die Frauen. Das dies möglich war, ist wohl dem geschuldet, dass die meisten Arbeiter dies nicht als etwas auffassten, dass «die Arbeitsplätze der Männer», aber hingegen «die Existenz der Familie» sichern sollte. Der Status der verheirateten Frauen, nicht als selbständige ökonomische Person, sondern als Anhang der Familie, war so selbstverständlich, dass die wenigsten die Absicht, die weiblichen Arbeiter zu opfern, mit einem Fragezeichen versahen.

Zufolge Lønnås Darstellung bestand ein Teil des Hintergrundes für den Beschluss von 1925 darin, dass die LO-Mehrheit Angst vor der Linie der Kommunisten im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit hatte. Diese Linie ging darauf aus, Aktionen an den Arbeitsplätzen durchzuführen. «In dieser Situation konnte der Beschluss, der beruflichen Tätigkeit verheirateter Frauen entgegenzuarbeiten, für einige Arbeiter als eine Alternative zur Linie der Resignation stehen gelassen werden, während die Leitung ihn als einen ungefährlichen Versuch des Handelns annehmen konnte, » sagt Lønnå (S. 155).

Dass die Zusammenarbeit mit den Arbeitgebern von einem Teil seitens der sozialdemokratischen Vertrauensmänner ganz bewusst erfolgte, zeigt dieser Beitrag, der von dem Vorsitzenden des Vereins der Schokoladen- und Zuckerwarenarbeiter 1932 gehalten wurde (Die Linie des Ausschlusses verheirateter Frauen war in seinem Verein seit 1926 praktiziert worden):

«Unsere größte Stärke in dieser Frage ist nämlich, dass, wenn es um andere Forderungen geht, die wir umgesetzt haben wollen, begegnen wir dem größtem Widerstand bei unserem Arbeitgeber. Aber in dieser Frage wage ich zu bahaupten, dass hier das Verhältnis umgekehrt ist, da die Arbeitgeber in dieser Frage einräumen müssen, und eingeräumt haben, dass wir hier vor einer gesellschaftlichen Frage stehen, die wir in erster Linie ordnen müssen.»

Das Hinausbekommen der verheirateten Frauen aus der Arbeit hätte Lønnå zufolge geringe praktische Auswirkungen auf die Arbeitslosigkeit unter Männern gehabt. 1930 ergab die Volkszählung, dass es 101.568 Arbeitslose im Lande gab. Die verheirateten Frauen, die aktuell für eine Kündigung in Frage kämen, waren 2.000- 3.000. Verheiratete Frauen machten einen sehr geringen Teil der Arbeitsstärke aus. Darüberhinaus befand sich ein guter Teil in Jobs, wo es nicht aktuell war, sie durch Männer zu erstatten, wie z.B. Hebammen und Abwaschhelfer.

War die LO sich darüber im Klaren? Lønnå zeigt auf jeden Fall, dass den Debattierern in der Osloer Kommune klar war, dass die praktische Bedeutung minimal war, als die Stadtleitung 1928 beschloss, dass verheiratete Frauen nicht in der Kommune angestellt werden sollten, und dass verheiratete Frauen als Erste gehen mussten, wenn Einschränkungen anstanden. Der Beschluss wurde mit den Stimmen der DNA16 und einem Teil der Stimmen der bürgerlichen Høyre gefasst.

Warum entschieden sie sich also für einen Beschluss, von dem sie wussten, dass er keine besondere praktische Bedeutung hinsichtlich der Reduzierung der Arbeitslosigkeit unter Männern haben würde? Lønnå referiert, welche Typen von Argumenten in der Debatte verwendet wurden. Das sozialdemokratische Arbeiderbladet schrieb zum Beispiel:

«Es war vorgekommen, dass Frauen im Privatauto des Mannes zu ihren Arbeitsstellen angefahren kamen. /.../ Dieser Umstand hat großen und berechtigten Zorn unter all´ den arbeitslosen Versorgern hervorgerufen.»

Der Antragssteller in der Stadtleitung begründete seinen Vorschlag damit, dass verheiratete Frauen ihre Arbeit nicht benötigen. Wenn sie dennoch in Arbeit waren, wirkte dies «...verletzend und schwer für die vielen guten Menschen, die sich um einen Bissen reißen und nicht die Gelegenheit haben zu arbeiten».

Der Beschluss in der Stadtleitung von Oslo hatte also eine rein symbolische Bedeutung. Ein typisches Beispiel dafür, dass eine Gruppe von Menschen die Rolle des Sündenbocks zugewiesen bekommt, womit der Unmut von den tatsächlichen Ursachen abgelenkt wird. Die praktische Konsequenz war, dass die DNA das kapitalistische System abschirmte, indem die Wut gegen verheiratete Frauen gerichtet wurde, die unmoralisch genug waren zu arbeiten, obgleich sie einen «Versorger» hatten. Weil die Leute mit eigenen Augen die Armut und die Not sehen konnten, weil die Rolle der Frau als «versorgt» so selbstverständlich war, und weil wenig andere klare Handlungsalternativen angeboten wurden, wurde der Angriff auf die verheirateten Frauen akzeptiert. Von den Frauen der DNA wurde gefordert, dass sie in diese Sündenbockrolle in Solidarität mit ihren männlichen Klassengefährten eingingen. Wiig (1984, S. 53) zitiert Einar Gerhardsen17, der sich 1983 wie folgt äußerte:

«Ja, Werna musste ihren Job aufgeben, als wir uns in den 30er-Jahren verheirateten. Sie hatte einen guten und sicheren Job in der Kooperativgenossenschaft, und sie hatte schon keine Lust dort aufzuhören. Sie wurde auch nicht gekündigt. Aber es war undenkbar, dass sie den Job weiterführen konnte, sie, die mit einem der Parteileiter verheiratet war. Mann und Frau sollten nicht beide einen Job haben, als die Arbeitslosigkeit so groß war.»

Die 30er-Jahre hindurch gab es einen harten Streit in der LO und der DNA über das Recht auf Arbeit für verheiratete Frauen. Nicht zuletzt begannen die Arbeiterfrauen selbst Widerspruch anzumelden. Schließlich, zum Jahreswechsel 36/37, setzte sich die entgegengesetzte Auffassung zum Beschluss von 1925 durch, und es wurde ein neuer Beschluss gefasst, in dem es hieß, «...das Recht auf Arbeit soll für alle gleich sein, Männer und Frauen, entweder verheiratet oder unverheiratet». Aber auch dieser Beschluss nahm keine prinzipielle Abrechnung mit der Linie von 1925 vor. Wenn man sich nicht mehr für den Ausschluß verheirateter Frauen aus dem Arbeitsleben aussprach, lag dies daran, dass die Zeiten etwas besser geworden waren, und es wurde nicht als notwendig angesehen.

Der Widerstand gegen die Berufstätigkeit verheirateter Frauen war also nicht verschwunden. Er tauchte wieder auf mit der deutschen Okkupation. Ein großer Verband wie Handel und Kontor, mit vielen weiblichen Mitgliedern, entließ die verheirateten Frauen, die in der Organisation arbeiteten bereits am 9. April18. Und im Juni 1940 fassten die Delegierten in der LO folgenden Beschluss:

«Die Delegierten wollen auf die Verteilung der vorhandenen Arbeitsmöglichkeiten hinweisen, sodass Kündigungen von Arbeitern möglichst umgangen werden können. Dies betrifft die Einschränkung von Überstunden und Akkordarbeit, Doppelstellungen und Verhältnisse, wo mehrere Mitglieder einer Familie in gewöhnlicher gut entlohnter Arbeit stehen.
In dieser überaus schwierigen Frage müssen die Einzelgewerkschaften ihre Entscheidungen unter Berücksichtigung ökonomischen Vermögens und allgemeinen Solidaritätsgefühls treffen.»

Später in jenem Jahr legte die LO praktische Richtlinien nach, wie das Vorgehen auszusehen habe, wenn verheiratete Frauen aus der Arbeit herausgedrängt werden sollen.

Nach dem Krieg sind, soweit mir bekannt, keine Beschlüsse dieses Typs in den Organen der LO gefasst worden. In der Nachkriegszeit waren die Verhältnisse auch außerordentlich anders. Es gab einen großen Bedarf an Arbeitskraft für den Wiederaufbau des Landes, ohne dass dies zu irgendwelchen ernsthaften Versuchen führte, Frauen in die Lohnarbeit zu bekommen. (s. Wiig, 1984) Ganz im Gegenteil, die 50er-Jahre waren die Glanzperiode der zuhause bleibenden Hausfrau und Mutter.

zur nächsten Seite













































zurück nach oben (15)

Anmerkungen

(15) LO = Landesorganisasjon; gewerkschaftlicher Dachverband der Einzelgewerkschaften

































zurück nach oben (16)

Anmerkungen

(16) DNA = Den Norske Arbeiderpartiet (Sozialdemokraten)
































zurück nach oben (17)

Anmerkungen

(17) Einar Gerhardsen (1897-1987), zentrale Führungspersönlichkeit der DNA und Norwegens führender Politiker (überwiegend als Ministerpräsident) von der Befreiung 1945 bis zum bürgerlichen Wahlsieg 1965.
































zurück nach oben (18)

(18) Tag des Beginns der deutschen Invasion